Am seidenen Faden



Von der kalten Frische der Luft nach draußen gelockt
und am Häusereck stehen geblieben
sehe ich den Mond an.
(Wie) zum ersten Mal.
 
Und ich begreife: Sie hat noch nie den Mond gesehen.
Sein silbriger Schimmer hallt
als Echoschmerz im Herzen
über das, was niemals war.
 
Wie mit Kinderschritten
taumele ich staunend in die Abenddämmerung.
In die Welt.
 
Dort ist
das gelbliche Leuchten der Ähren im blauen Licht.
Das gelbliche Leuchten mit den
eigenen Fingern berühren und das Licht mit dem
Fühlen
zu einem rauen Weich verschmelzen lassen.
 
Kalte Luft an den Körperrändern
schärft die Konturen des
eigenen Seins.
Kalte Luft in den Lungen.
Selber atmen.
Selber leben.
 
Staunen über das Wir-sind-noch-da.
 
Sie drückt eine Hand auf das Gras.
Kalt und fest ist der Grund.
Diese Kälte ist eine lebendige Kälte,
die nach und nach
nach innen dringt,
Schicht für Schicht
Auf unser Warm trifft.
 
Du rollst dich zusammen in mir.
So viel Leben ist noch zu viel.
Aber ich spüre, wie du scheinbar
desinteressiert
die Ohren spitzt
und eine feine Spinnwebe von
Mitfühlen
mit mir erhältst.
Zarter als der seidene Faden
 
an dem unser Weiterleben damals
hing.
Als du für uns gestorben bist.
 
Heute
habe ich das Sterben endlich wieder zu mir genommen.
Heute
haben wir unser Sterben damals
gemeinsam überlebt.
 
Und weil wir heute
endlich
unser Sterben überlebt haben
staune ich so in die Welt.
Und sehe den Mond zum ersten Mal.
 
Als die Nacht sich senkt
warte ich
auf einem Stein.
Achte auf den spinnwebfadenen
Kontakt an meinem Herzen.
Und atme für uns
 
Luft
 
in diese Lungen
die damals so schmerzhaft darum ringen mussten.
 
Mit der Dunkelheit
senkt sich auch Stille
über alles.
 
Und ich erkenne die Stille.
 
Sie ist in allem.
Hinter allem.
 
Sie ist in der Mitte
des Wassers
nach dem Impact
des Tropfens
und breitet sich von dort aus.
 
Sie war inmitten
der schreienden Zellen und
der Schmerzen
und der gnädigen Dunkelheit,
die sich damals senkte
über dich.
 
Sie liegt in der sanften
Hand,
die deinen Rücken
hält,
damit du nicht vergisst,
dass du zurückgekommen
bist.
 
Am seidenen Faden
lasse ich eine Träne zu
dir laufen,
die dir sagt:
Wir sind noch da.
 
Ich bin so froh, dass du da bist.

Ellis Huber: Das Virus, die Menschen und das Leben

Dies scheint uns ein Text zu sein, der eine sachliche, fachlich fundierte Einschätzung der Lage bietet, und der das Geschehen vor allem in den Kontext von sonstigen Erkrankungszahlen und Sterbefallzahlen einordnet. Die Maßnahmen werden verstehbar, aber es wird auch deutlich, dass informierte Menschen und eine selbstorganisierte, mündige Gesellschaft gerade am hilfreichsten sein könnten.

Den letzten Abschnitt finde ich so wertvoll, dass ich ihn hier rebloggen möchte:

„[…]

Soziale Gesundheit

Ein gravierendes Problem allerdings bleibt: Robert Koch, der Namensgeber des RKI, sagte bei seinem Nobelpreis Vortrag zum Beziehungsverhältnis von Krankheitserreger und Menschen: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Der Arzt und Infektiologe Louis Pasteur war der gleichen Meinung: „Das Bakterium ist nichts, das Milieu ist alles.“ Der Sozial- und Umweltmediziner Max von Pettenkofer trank im Jahr 1892 öffentlich eine Flüssigkeit voller Cholerabazillen und blieb gesund. Er wollte zeigen, dass die Lebenswelt der Menschen für die Cholerakrankheit entscheidend sei. Und tatsächlich: Die Infektionskrankheiten wurden nicht durch die Segnungen der Medizin, sondern durch die gesellschaftliche Entwicklung gesunder Lebensverhältnisse besiegt. Pasteur, Virchow, Pettenkofer und Koch, die Helden der naturwissenschaftlichen Medizin, sorgten mit politischer und medizinischer Courage für „saubere Städte“ und gesündere Lebensräume und damit für ein neues Gleichgewicht zwischen Bakterien, Menschen und ihrem Gemeinwesen.

„Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles“, gilt es jetzt zu erkennen. Wir können Glück haben und aus der Corona Krise mit einem Neuen Bewusstsein und einer neuen Beziehungskultur herauskommen. Das Virus spiegelt die Gefahren einer „kontaktreichen Beziehungslosigkeit“ und einer rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen, die das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben. Corona ist ein Menetekel, eine unheilverkündende Warnung vor einem falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Psychosozialer Stress, Ängste, Einsamkeit oder Ausgrenzung schwächen das individuelle und erst recht auch das soziale Immunsystem. Die junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie belegt, dass Lebenszufriedenheit, möglichst viel positive Gefühle, gute Beziehungen, das Gefühl von Durchblick, Selbstbestimmung, Lebenssinn und Geborgenheit in der Gemeinschaft das Immunsystem stärkt und unsere Abwehrkraft gegen Viren oder Bakterien verbessert. In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen.

Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme und unsere Abhängigkeit von anderen Menschen. Jetzt wird sich zeigen, ob unsere offene Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Individualismus hinbekommt. Es geht um ein soziales Bindegewebe, das gesundet und gesundheitsförderlich ausgestaltet ist. Individuelle Gesundheitskompetenz, gesunde Sozialentwicklung und ein neues menschliches Miteinander, also ein heilsames Milieu und achtsame Menschen in solidarischen Gemeinschaften sind die Stichworte für ein Gleichgewicht zwischen Viren, Menschen und ihrem Gemeinwesen. Und es braucht auch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur kommen hinzu. Nicht Wachstum, Nachhaltigkeit ist umzusetzen und Werte, nicht das Geld sind der Maßstab. Den dafür notwendigen Werte-Horizont und die dafür vorhandene Orientierung beschreibt Albert Einstein vortrefflich: „So sehe ich für den Menschen die einzige Chance darin, dass er zwei Einsichten endlich praktisch beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.“

In unserem letzten Blogartikel haben wir über die Wichtigkeit, unsere Gefühle anzuerkennen geschrieben, und ich denke, das ist die Grundlage die es braucht – und dann braucht es aber die „Solidarität nach innen und außen.“ Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, solidarisch mit uns selbst und mit anderen zu sein. Solidarisch mit uns selbst sein zu können, das ist mir übrigens ein vollkommen neuer Gedanke.

Komplextrauma, Covid19 und kollektive Verdrängung

Wir können keine großen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit großer Liebe.

Mutter Teresa

Alles ist anders gerade. Die Welt in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten ist nachhaltig erschüttert. Ständig prasseln neue Informationen, neue Maßnahmen, neue gesellschaftliche Regeln auf alle herein, erfordern eine unglaublich schnelle Anpassung und Flexibilität, wirbeln Familien auf und Existenzen durcheinander, und zwingen alle beständig, Stellung zu beziehen, soziale Entscheidungen zu treffen und sich mehr oder weniger anzupassen. Plötzlich sind die ganz großen Fragen im Raum, und zwar ganz konkret, in jedem einzelnen Leben: Was ist ein Leben wert? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit herzugeben, um Leben zu retten? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit aufzugeben, um nicht massenhaft vor der Entscheidung stehen zu müssen, zu entscheiden, wer Behandlung bekommt, sprich weiterleben darf, und wer nicht? Die jetzt getroffenen Maßnahmen und Einschränkungen sind für viele sehr herausfordernd, aber wie z. Bsp. Paula Rabe hier und der Freitag hier schreibt, für manche Menschen auch existenziell und sogar lebensbedrohlich: Für Kinder in vernachlässigenden, gewaltvollen, haltlosen Familien. Für Frauen in gewalttätigen Beziehungen. Für Menschen mit Psychosen, Depressionen, Angststörungen, komplexen Traumafolgestörungen. Wieviel zusätzliches Trauma, wie viele zusätzliche Tote durch Femizide und Suizide nimmt die Gesellschaft in Kauf? Und nimmt sie diese überhaupt wahr? Wie viel ist ein Leben wert? Was ist ein lebenswertes Leben? Wer schafft es, gut durch diese allgemeine Krise zu kommen, und warum? Es wird niemals einfache Antworten auf diese Fragen geben, und es gibt sie auch jetzt nicht.  

Auch unsere Welt ist in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten nachhaltig erschüttert. Im Außen, in unserem konkreten Alltag, aber auch sehr nachhaltig im Innen.

Wir sind bis ins frühe Erwachsenenalter hinein einer extremen Gehirnwäsche unterzogen worden, die neben anderen Zielen auch darauf zielte, uns zu „neuen Menschen“ zu machen, zu einem funktionierenden Teil einer stählernen Elite, die dann, wenn „der große Weltenwandel“ kommt, in der Lage sein sollte, „die dann nötigen extremen Entscheidungen zu treffen“, um dann die Begründer*innen einer neuen, besseren, überlegenen Menschheit zu sein. Sozialdarwinistischer Kackscheiß eben. Aber tief in uns hinein gefoltert. Früher ging es in unserem Leben ständig um die großen Fragen, um lebens(un)wertes Leben, um erzwungenes Wählen zwischen zwei zerstörerischen Alternativen. Und für manche von uns ging es um ein hartes Training für „die neue Weltordnung“. Und für andere von uns ging es um Gehorchen um jeden Preis, aus Angst.

Wir haben uns bis zu einem gewissen Grad da herausgelöst. Wir haben viel in Kauf genommen dafür, „in Sicherheit“ sein zu können. Eigene Entscheidungen treffen zu können, selbst Denken zu können, keine direkte Gewalt mehr gegen andere anwenden zu müssen und selbst ertragen zu müssen. Unser Leben ist vergleichsweise stabil. Aber gerade wird sehr deutlich, wie prekär diese Stabilität ist. Auf der einen Seite finanziell, und da wir prekär selbstständig sind, belastet uns gerade natürlich auch Existenzangst. Aber es wird sehr deutlich, wie sehr unsere Stabilität auf „so-tun-als-ob“ basierte. Wir haben viel Erfahrung damit, uns selbst zu regulieren. Aber das funktioniert in etwa so: Wenn wir beispielsweise in einer Meditation hören, dass wir die Erde unter uns wahrnehmen sollen, die uns immer sicher trägt, dann tauchen meistens Bilder und Körpergefühle von den Erfahrungen in uns auf, wo sogar das nicht mehr stimmte – weil wir diese Erfahrung machen sollten, als Teil der Abrichtung. Wir registrieren das, schieben es aber weg und fokussieren uns darauf, dass die Erde ja JETZT trägt, in diesem Augenblick. Und müssen dabei auch die tiefsitzende Erwartung wegschieben, dass sich das jeden Augenblick ändern könnte. Und wir können das. Wenn die allermeisten sonstigen Konstanten in unserem Leben uns erzählen, dass sich nicht ständig alles ändert.

Aber jetzt verliert die Welt die gewohnten Konturen. Plötzlich spricht jede*r ständig über die großen Fragen. Plötzlich sind wir von Worten umzingelt wie „Isolation“ und „soziales Experiment“. Plötzlich fangen nahe Menschen um uns herum an, verschwörungstheoretische oder sehr esoterische Inhalte zu vertreten, oder sich zu fragen „wie wir uns gerade am besten auf den Weltenwandel vorbereiten können“, oder aber auch staatlicher als der Staat und polizeilicher als die Polizei selbst zu werden. Aber vor allem: Plötzlich sind fast alle in der Tiefe verunsichert, oder haben wirklich Angst. Und wir riechen und spüren das wie ein Emotionssensor. Und unser eh schon hyperwaches Nervensystem so: Achtung! Achtung! Alle haben Angst, also sind wir in Gefahr!

Und also gucken unsere im Kult groß gewordenen Innenpersonen mal sicherheitshalber genauer hin. Und was gibt es da so zu sehen?

Lauter Menschen, die so tun, als hätten sie keine Angst. Die mit Augen vor uns stehen, in denen man um die Pupille oben und unten noch das Weiße sieht, aber mantraartig und mit angehaltenem Atem wiederholen, dass jetzt Besonnenheit wichtig ist. Menschen, die Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz mit der Polizei drohen. Menschen, die anderen Menschen Angst unterstellen und ihnen damit mangelnde Urteilsfähigkeit unterstellen und die Grundlage gehört zu werden entziehen.

Die Schlussfolgerung, die diese Innenpersonen daraus ziehen ist, aha, alle haben Angst, aber keine*r darf Angst zeigen. Und das bedeutet, dass die Situation wirklich schlimm sein muss. In etwa so wie früher.

Am bedrohlichsten empfinden diese Innenpersonen gerade die Menschen, die in allem gerade hauptsächlich die wunderbaren Möglichkeiten sehen (wollen). Viele der Innenpersonen, die die Gewalt und die Manipulation am stärksten ertragen mussten, sehen sehr genau, was in unserer Gesellschaft gerade alles kaputt geht. Und wer gerade kaputt geht. Für uns fühlt eine solche Haltung sich gerade entweder maximal verdrängend an, oder sehr unreflektiert privilegiert, und für die von den Indoktrinationen am stärksten betroffenen Innenpersonen ist diese Haltung nicht von derjenigen derer, die sie manipuliert haben, unterscheidbar.

Was wir gerade brauchen, dass sind Menschen um uns herum, die zulassen können, und es auch sagen, dass sie verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen, dass sie wütend sind, dass sie erschöpft sind, dass sie ratlos sind. Die all das nicht wegmachen müssen. Die sich also der Realität³ stellen (können). Und die dann sagen, ok, und was machen wir jetzt damit? Was sind die kleinen Dinge, die ich gerade tun kann? Und die das dann mit großer Liebe tun können, weil ihr Herz eben nicht dicht machen muss, um auch die anderen Gefühle nicht zu spüren.

Wir sind keine „neuen Menschen“. Und die braucht es auch nicht. Es braucht die guten alten, fehlbaren, menschelnden Menschen, die ganz kleine Dinge tun, und vielleicht mit ganz großer Liebe, aber ein kleines bisschen Liebe reicht auch.

Was ist Strafe?

Philosophischer Diskurs mit meinem vierjährigen Sohn beim Einschlafen.

[…]

Er: Was ist Strafe?

Plötzlich ziemlich laute Kommentare dazu in meinem Kopf. Und drastische Bilder. Ja, manche von uns hätten zu dem Thema einiges zu sagen.

Ich: Strafe, das geht so: Wenn ein Mensch einem anderen Menschen etwas antut, zum Beispiel ihm sehr wehtut, oder etwas Wichtiges von ihm kaputt macht, oder ihm etwas Wertvolles wegnimmt, und vor allem, wenn er das mit Absicht macht. Dann muss dieser Mensch das vielleicht bezahlen, und es so gut es geht wieder gut machen, und Strafe meint dann auch, dass dieser Mensch selbst auch etwas erleben soll, was für ihn schlimm ist, damit er das dann hoffentlich nicht nochmal macht.

(Yes, of course ist das verkürzt und kritiklos, aber mein Sohn ist erst vier und möchte gerade vor allem verstehen, wie die Dinge im Allgemeinen laufen.)

Er: Und wenn man ins Gefängnis muss, ist das dann auch eine Strafe?

Ich: Ja, sogar eine ziemlich schlimme. Stell dir mal vor, ich müsste ins Gefängnis, und könnte für eine lange Zeit nie bei euch sein, und müsste immer, immer in einem großen Haus eingesperrt sein, und vielleicht sogar meistens immer in einem kleinen Zimmer, und dürfte da nie raus, das wäre doch schlimm, oder?

Er nickt.

Ich: Ins Gefängnis müssen Menschen aber meistens nur dann, wenn sie etwas wirklich Schlimmes gemacht haben.

Er: Wenn sie Räuber sind und anderen Menschen etwas stehlen?

Ich: Ja, wenn sie dabei den Menschen große Angst machen, oder ihnen dabei weh tun, oder wenn sie sehr wertvolle Sachen stehlen.

Er: Und wenn Menschen andere Menschen töten?

Ich: Ja, dann müssen sie auf jeden Fall ins Gefängnis.

Innen läuft mittlerweile einiges an zynischen Parallelkommentaren. Ich versuche, sie zu ignorieren.

Er: Und wenn alle Menschen auf der ganzen Welt das machen würden, andere Menschen zu töten? Sind dann alle im Gefängnis? Und wer passt dann auf die Leute im Gefängnis auf? Und gibt es dann noch Polizisten?

Ich (mal kurz sprachlos): Äh…Ich glaube, wenn das wäre, dann wäre die ganze Welt wie ein schreckliches Gefängnis. Aber ich glaube, dass die allermeisten Menschen auf der Welt das wirklich nicht wollen, anderen Menschen so weh zu tun.

Er: Aber wir und andere Menschen, die wir liebhaben, die haben das noch nie gemacht, einen Menschen zu töten, oder?

Ich bin ein plötzlich abstürzender Fahrstuhl. Mein Magen dreht sich um, und mit uns stürzen Bilder über Bilder in den tiefen Schacht. Geräusche in meinen Ohren. Dröhnen im Kopf. Ich spüre, wie ich einfriere.

Mein Mund sagt: Nein, wir haben das noch nie gemacht.

Er kuschelt sich zufrieden in meinen Arm, und schläft sofort ein.

Ich halte mich an ihm fest, am Hier, an seinen tiefer werdenden Atemzügen, am Duft seiner Haare, an seiner kleinen Wärme. Und kämpfe gegen die von innen anbrandenden Wellen. Und ich weiß, es gibt keine einfachen Antworten auf seine letzte Frage. Und fürchte mich vor dem Tag, an dem er alt genug ist, schwierige Antworten zu hören. Wird es dafür je einen richtigen Tag geben? Und wird es jemals richtige Antworten geben? Und können wir angesichts solcher Fragen überhaupt richtig handeln?

Faschist*innen und Polizei oder Täter*-Opfer-Bindung oder was wir alles für Demos Nützliches durch die Traumatisierungen gelernt haben

„Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Kofi Annan

Neulich waren wir auf einer politischen Demonstration gegen einen Auftritt zweier Mitglieder der AfD, von denen der eine aufgrund seiner dokumentierten Äußerungen mit Gerichtsbeschluss Faschist genannt werden darf.

Uns war schon im Vorhinein bewusst, dass die Demonstration von einem hohen Polizeiaufgebot permanent begleitet werden würde, und dass die begleitenden Polizist*innen zudem sehr stark gepanzert und deutlich sichtbar bewaffnet auftreten würden. Und wir wissen auch, dass uns das grundsätzlich großen Stress bereitet und permanent Assoziationen an erlebte Gewalt auslöst. Insofern hatten wir im Vorfeld wachsende Unruhe und auch ein paar noch etwas schlechtere Nächte. Gleichzeitig ist es uns aber sehr wichtig, unsere Möglichkeiten wahrzunehmen, zu einer demokratischen, offenen, antifaschistischen Gesellschaft beizutragen. Gerade vor dem Hintergrund unserer rituellen Gewalterfahrungen. Und deshalb gehen wir, wenn es unser Gesamtzustand zulässt, zu solchen Veranstaltungen hin.

Wenn wir gehen, dann nicht allein, sondern immer mit mindestens einer Person, mit der wir uns auch vorher weitmöglichst darüber absprechen, wie wir handeln wollen, speziell, wenn die Atmosphäre aggressiv wird oder es zu Gewalthandlungen kommt. Und wir versuchen, uns im Inneren vorher abzusprechen, und wir versuchen auch, zu dieser Veranstaltung so sortiert zu gehen, dass nur bestimmte Innenpersonen im Außen oder in Außennähe sind. Und für uns ist klar, dass wir keine Gewalt anwenden werden, und uns grundsätzlich deeskalierend und friedensstiftend verhalten.

Wenn wir wissen, dass bestimmte Bilder auf uns zukommen werden, dann hauen die uns auch nicht so um. Ein einziger Polizist in Uniform im Zug, mit sichtbarer Waffe im Halfter, kann uns da viel leichter mal die Lampen ausschießen (haha). Wir akklimatisierten uns also langsam während der Demo, und als wir dann am Kundgebungsort/Veranstaltungsort der rechtsgerichteten Partei eintrafen, waren wir in einem Zustand mit deutlich aktiviertem Nervensystem, aber auch gleichzeitig sehr konzentriert und ruhig. Wir haben die Polizist*innen in Kampfmontur, von denen einige so vermummt waren, dass nur noch Augen und Nase sichtbar waren, sogar nicht mehr allesamt als Feind*innen gesehen, (wie das sonst passieren kann, wenn wir Angst haben), sondern differenzierter betrachten können. Als wir einige der Besucher der Veranstaltung, die in deutlich aggressiv-„männlichem“-Kampfgehabe auftraten, auf der anderen Seite der Absperrungen sahen, waren wir auch ganz froh über diesen menschlichen Puffer zwischen den Fronten. Und gleichzeitig – diese Präsenz von martialisch verkleideten Menschen trägt so stark zu einer Bedrohungsatmosphäre bei, und dabei bestand die Kundgebung zu sicher 90 Prozent aus definitiv friedlichen, sehr bürgerlichen Menschen. Es waren viele Kinder und sehr viele ältere Menschen und auch Menschen mit Behinderungen dabei.

Eine ganze Anzahl von Polizist*innen war sehr nah dran an uns Menschen bei der Kundgebung und sichtbar bereit, jederzeit einzuschreiten. Einige hatten permanent einen Schlagstock in der Hand. Wir checken in solchen Situationen automatisch total viele Details, und gleichzeitig die Gesamtatmosphäre. Wir hatten schnell klar, dass die meisten der Polizist*innen direkt um uns herum selbst angespannt und nervös waren, einige waren dennoch grundsätzlich freundlich oder neutral, einige wirkten genervt. Es fiel uns jedoch sofort einer auf, der von sich aus aggressiv wirkte. Es lag an etwas in seiner gesamten Haltung und vor allem in seinem Blick, das wir nicht mit Worten beschreiben können, das uns aber sofort klar machte, dass etwas in seiner Grundhaltung mit der Grausamkeit unserer Täter korrespondiert.

Unser permanent laufendes inneres Radar hat uns über mehrere Stunden immer wieder genau dann zu einem Ort geführt, wenn dort eine Eskalation begann. Und dann sind Innenpersonen im Außen (ich will dauernd „an der Front“ schreiben, aber wir waren ja nicht im Krieg!), die einen festen Stand haben, die die Handflächen ausstrecken, die zu Teilnehmenden und Polizist*innen Worte sagen, die die Situation runterkochen, die es einstecken können, auch mal von einem Polizisten zur Seite geschoben zu werden, und dabei weiter deeskalieren, ohne selbst aggressiv zu werden. Und die irgendwie genau wissen, wie weit sie gehen können, weil sie die Gewaltbereitschaft und Machtausübungsbereitschaft der Gegenüber gut einschätzen können. Die sich und andere zumindest ein bisschen schützen können.

Mit dem Polizisten, der in unserer Wahrnehmung Täterpotenzial hatte, hatten wir drei direkte Begegnungen. Nachdem wir einmal verbal deeskaliert hatten, gab es einen direkten Augenkontakt zwischen uns. Und es passierte etwas Merkwürdiges, was mich bis heute auch noch beschäftigt. Es gab so etwas wie ein Erkennen. So, als würde er wissen, was wir in ihm erkannt haben, und als würde er aber auch in uns etwas erkennen, was wir wiederum wissen. Und es war etwas in dieser Dynamik, was wir von früher kennen. Es gab wie eine Täter*-Opfer-Bindung plötzlich zwischen uns. Fast schon wie ein Versprechen von Gewalt. So, als würde ein Schlüssel ins Schloss einrasten. Es ist eine Art undefinierbarer energetischer Austausch, und wir kennen diesen Moment sehr gut von früher, wenn es Auswahlsituationen gab, und dann manchmal genau so etwas entstand, und irgendeiner Instanz in uns klar war, dass „unser Schicksal besiegelt“ war. Mit dem großen Unterschied, dass wir jetzt erwachsen sind und vollkommen andere Handlungsmöglichkeiten haben. Insofern stimmte es auch direkt in der Situation schon nicht, diese „Beziehung“ als Täter*-Opfer-Bindung zu bezeichnen.

Kurze Zeit später war es dieser Polizist, der uns von hinten kommend unnötig ruppig zur Seite schob.

Und noch etwas später war es dieser Polizist, der aus der Reihe der Polizist*innen plötzlich ohne Vorankündigung über mehrere Meter mit einer offenen Taschenmesserklinge auf uns zustürmte und ein dünnes Seil, mit dem wir ein Transparent hochhielten, nur wenige Zentimeter vor unseren Fingern durchschnitt. Obwohl er das genauso gut mit einem oder sogar zwei Metern Abstand hätte machen können. Und dieser Moment, sein Atem in unserem Gesicht, und die blau blitzende Klinge direkt vor unseren Fingern, ist das, was sich nachhaltig in unser Nervensystem gefressen hat. Was sich abends im Bett vor unseren Augen gedreht hat, was in unseren Träumen noch vorkommt, was uns auch morgens noch beschäftigt. Und seine Augen. Dieser Moment, wo sich unsere Blicke kurz fest saugten. Tatsächlich erinnern wir kein einziges Gesicht der anderen Polizist*innen so, dass wir sie wiedererkennen würden, aber seines schon. Doch, stimmt nicht, auch noch das von seinem „Gehilfen“. Es gab nämlich einen jungen Polizisten, der immer an seiner Seite war und wie ein Schatten immer genau das tat, was er tat, oder was er wollte.

Ja – was ist es, was wir im Früher oder danach Nützliches gelernt haben für politische Demonstrationen im Heute? Wir können Menschen und ihre Absichten ziemlich glasklar lesen, und speziell dann, wenn sich Gewaltpotenzial entwickelt. Wir können Atmosphären lesen, und wo im Raum sich Gewaltpotenziale atmosphärisch hinbewegen, und wo sie sich Richtung Eskalation bewegen. Wir haben notwendigerweise Techniken gelernt, mit Angst, Panik und Wut umzugehen. Wir können – in gewissen Grenzen – Retraumatisierungen in Kauf nehmen, wenn uns ein Ziel wichtig ist. Das Wichtigste jedoch, was wir gelernt haben, ist, dass wir unter keinen Umständen Gewalt bewusst als Machtmittel einsetzen, und dass wir, wenn wir es können, uns dem entgegenstellen, wenn andere das tun. Und diese Klarheit macht uns heute zu einem ganz anderen Gegenüber, und verleiht uns heute Handlungsmacht.

Lineare Zeit vs. Amöbenzeit vs. Gleichzeit

OK. die zeit REICHT einfach nicht. wie soll mensch auch so viel im inneren umherwabernde amöben-zeit so in die in der realität³ vorherrschende lineare zeit einpassen, dass das ein halbwegs übereinstimmendes ganzes ergibt? *seufz*

Zitat: Wir selbst, an anderer Stelle

Die Ferien sind vorbei. Der Wecker klingelt wieder morgens um 6:20 Uhr, dann muss das große Kind so liebevoll wie möglich und so penetrant wie nötig aus dem Bett herausgezaubert werden. Anziehen, Zähne putzen, frühstücken alle-diese-kleinen-Dinge-zum-Schule-vorbereiten-erledigen-und nichts-vergessen, und nebenbei dasselbe (bis auf Schule) auch für uns hinkriegen. Dann sind die Zwillinge wach, und das ganze nochmal von vorne, plus jetzt im Winter noch das Eintüten von zwei vielgliedrigen, zappeligen Tintenfischwesen Kindern in etwa zehn Schichten warme Klamotten.

Dann sind die ersten zweieinhalb Stunden des Tages rum, und wir haben gefühlt unser Pensum schon erreicht.

Unsere Gesellschaft ist vollkommen ausgerichtet auf und eingerichtet in der linearen Zeit. Alles schreitet immer voran. Es gibt ein Heute/Jetzt, das eingerahmt ist von einem Gestern/Vergangensein und einem Morgen/Es wird sein. Alles und alle befinden sich dauernd auf einem Zeitkontinuum, das sich einteilen lässt in immer kleinere Abschnitte, und auf welchem alle Menschen sich verorten können und sollen. Und dieses Zeitkontinuum ist untrennbar verbunden mit einem räumlichen, materiellen Sein. Ich bin jetzt hier. Ich kann nicht gleichzeitig woanders sein.

Und um funktionieren zu können in dieser Realität³ ist es wichtig, Raum-Zeit-Kontinuität zu können. Einschätzen können, welche Handlungen wie viel Zeit brauchen, und wie sie hintereinander und umeinander geplant werden müssen, um in ein bestimmtes Zeitfenster zu passen. Verabredungen treffen können. Deadlines einhalten können. Die Uhr zweifelsfrei lesen können, das Zeit- und das Raumraster über einander legen können, um pünktlich an einem bestimmten Ort zu sein.

Wer mit Kindern zusammen lebt, di/er weiß, dass Menschen das nicht von Geburt an können. Selbst unsere 7jährige lebt morgens noch in einer eigenen Kaugummi-Zeitblase und würde es niemals pünktlich zum Schulbus schaffen, wenn wir diese Blase nicht immer wieder mit gezückten Uhrzeigern aufpieksen würden.

Wir sind selbst noch nie besonders fest in der linearen Zeit verankert gewesen, und es kostet uns nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit und Energie.

Die Traumatisierungen, und mit ihnen verbunden die Innenpersonen als sozusagen mehr oder weniger „Person“-gewordene Trauma-Momente oder Trauma-Zeit-Raum-Verschränkungen haben in uns im Inneren eine Art Amöben-Zeit geschaffen, die ihre Form beliebig ändern kann und es auch beständig tut.

Realität³ von heute begegnet uns – und wir ihr – und Sinnesreize aller Art, Gefühle und Gedanken treffen auf Zeitblasen, eingefrorene Zeit, also Innenpersonen, deren persönliche Uhr irgendwo anders stehen geblieben ist, langsamer oder schneller tickt, und deren Zeitwahrnehmung nicht linear ist. Die gar nicht linear sein kann, denn die Voraussetzung dafür wäre eine Wahrnehmung von Kontinuität. Und dieses Aufeinandertreffen erzeugt einen fast ständigen Amöbenzeit-Sog. Mehrmals pro Stunde – ich glaube, die Häufigkeit unterschätzen wir Alltagspersonen sogar eher – wird ein Abdriften in „Früher“ ausgelöst. Wird irgendwer hier innen angestoßen, werden Bilder, Gefühle, somatische Flashs angerührt. Wir schneiden das als Parallelfilm so mit und sind gewohnt, lächelnd mit der Welt zu interagieren, während parallel als eine Art transparenter Screen Szenen ablaufen oder Schreie oder Kommentare gehört werden. Aber es kostet uns Fokus und Energie. Und je voller an Reizen unsere Umgebung ist, desto größer wird der Amöbenzeit-Sog, und desto schwieriger wird es, in der Realität³ verankert zu bleiben.

Wir sind insgesamt und auf den ersten Blick ein sogenanntes hochfunktionales System. Aber je durchlässiger füreinander wir werden, je weniger Erleben einfach für uns „anscheinend normale Persönlichkeiten“ wegdissoziiert wird, und je älter wir werden, desto mehr wird spürbar, wie anstrengend das Eingetaktet-Sein in der linearen Zeit wirklich für uns ist. Wir können das – und wollen es können! -, aber es kostet uns einiges.

Neben der linearen und der Amöbenzeit gibt es für uns aber noch eine dritte Art von Zeiterleben, die wir mit manchen Menschen ohne Traumahintergrund teilen. Wir nennen es die Gleichzeit, und wir meinen damit Erfahrungen von Zeitlosigkeit und Ewigkeit, von Parallelität und Zyklischem Sein. Ich vermute, dass alle Menschen diese Erfahrung machen könnten, dass aber die frühen Traumatisierungen – und vielleicht auch die frühen extrem-spirituellen Tranceerfahrungen im rituellen Kontext – Öffnungen und Risse in uns gelassen oder geschaffen haben, die uns empfänglicher für diese Art von Zeit machen.

Diese Art von Zeiterleben ist für uns ein spirituelles, mystisches Erleben, und etwas, das wir – genau so wenig wie die Amöbenzeit – nicht „machen“ können. Wir können schon einiges tun, was die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, aber letztlich sind diese Zustände für uns eine Art Gnade, die uns manchmal geschenkt wird.

Mit acht Jahren hatten wir zum ersten Mal spontan eine Erfahrung von Aufgehen in etwas Größerem, von Verbundensein von allem und mit allem, und was immer es war, es war eines von diesen Dingen, die uns gerettet haben. (Wir haben hier in einem älteren Artikel ausführlicher darüber und über den spirituellen Aspekt unseres Ausstiegs geschrieben.) Wir hatten und haben immer mal wieder derartige Erlebnisse, fast immer in der Natur.

Auch wenn das Erleben von Gleichzeit sehr selten stattfindet, so ist das für uns trotzdem ein starkes Gegengewicht gegen das destruktive Wirken der Amöbenzeit. Die Amöbenzeit hinterlässt oft ein Gefühl von Ausgeliefertsein, Ohnmacht, Einsamkeit und Sinnlosigkeit, und die Erfahrung von Gleichzeit schenkt uns dagegen ein Gefühl von bedingungsloser Liebe, Verbundensein und eines tieferen Sinns hinter allem. Gleichzeit ist dabei überhaupt nicht immer angenehm, aber sie schafft Verbindung. Und sie fordert uns auch heraus, aber sie macht uns mutig, nicht klein.

Und Gleichzeit hilft uns dabei, uns besser in der linearen Zeit zu verorten. Weil sie uns sortierter und gelassener macht, weil sie uns dabei hilft, mit weniger Angst auf das noch im Trauma gefrorene in uns zu schauen und dadurch weniger Dissoziation nötig macht. Und weil sie uns auch daran erinnert, dass diese ganze lineare Zeit auch nur ein Aspekt von allem ist, und dass ein zu starres Fixiert-Sein auf sie uns alle zu Momos Grauen Herren macht. Und bei aller „(Hoch-)Funktionalität“ – wer will das schon?

Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

Momo, Michael Ende

Campingplatz

„Nach bisherigen Erkenntnissen ist „Lügde“ einer der schlimmsten Fälle massenhaften Kindesmissbrauchs in der Geschichte der Bundesrepublik“

Süddeutsche Zeitung, 30.4.2019

Sie hängt auf dem Spielplatz ab, bondet gerade ein bisschen mit ein paar anderen deutschen Teens, die mit ihrer Schulklasse da sind. Versucht, lässig zu sein, witzig, cool. Der Start ist ganz gut.

Das kleine Mädchen taucht auf. Sie ist etwa 4 Jahre alt, alles an ihr strahlt extreme Vernachlässigung aus. Sie ist selbst schmutzig, rotznasig, trägt ein schmutziges, sehr kurzes, verwaschen rotes Kleidchen, wirkt seltsam desorientiert. Wandert ziellos über den Platz, mit fahrigen, irgendwie abgehackten Bewegungen.

Die Gespräche verstummen, alle nehmen das Kind sofort wahr, beäugen es, machen sich gegenseitig darauf aufmerksam.

Irgendwas in ihr wird unruhig, es ist, als würden Saiten angeschlagen, als würde ein Fotobuch auf einem Tisch anfangen, unruhig zu ruckeln, als würden Stimmen in ihr schreien, die sie warnen. Sie sollte gehen, sofort, aber ihr ist schwindelig, und sie will diesen Kontakt nicht verlieren, zu diesen anderen Jugendlichen hier, sie will dazu gehören. Und außerdem – was hat sie denn schon mit diesem Kind da zu schaffen? Diesem irgendwie ekligen Kind.

Das Kind bemerkt die Aufmerksamkeit, steuert auf die Gruppe auf dem stillstehenden Karussell zu. Lächelt. Setzt sich vor den Jugendlichen auf den Boden, macht die Beine breit, und zeigt allen ihre Kindervulva. Sie trägt keinen Slip. Die Jugendlichen sind unangenehm berührt, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, einige kichern nervös, die Mädchen schauen weg, schauen sich an, verziehen die Gesichter. Kein Erwachsener weit und breit zu sehen. Wo sind die eigentlich immer, wenn sie doch mal gebraucht würden?

Einer der Jungs ruft: „Ne schöne Muschi hast du!“ Seine Coolness ist etwas verrutscht. Ein paar Jungs lachen nervös.

Das Kind lächelt und beginnt, sich wollüstig zu bewegen, es fasst sich an, reibt seine Vulva über den Boden, und rutscht immer näher an die Gruppe heran, auf den Jungen zu, der sie angesprochen hat. Ihr Mund ist zu einem Lächeln verzerrt, aber die Augen sind leer. Oder sind sie angstgeweitet? Ein fleischgewordener Horrorfilm im grellen Sonnenlicht eines dänischen Sommertags, zur Mittagszeit.

Jetzt kommt Bewegung in die Gruppe. Alle weichen zurück. Der Junge, der gerufen hat, schreit das Kind an, wehrt es ab. „Verpiss dich! Hat dir keiner Benehmen beigebracht? Was bistn du für ne kleine Scheißfotze!“ Er spuckt nach dem Kind, trifft aber nur den Boden dazwischen. Das Kind reagiert irritiert, hört auf, fängt wieder an, schaut irritiert in die Gesichter, lächelt mit diesen leeren Augen, und sagt die ganze Zeit kein Wort. Widerstreitende Impulse sind im ganzen Körper sichtbar. Als es sich wieder auf das Karussell zu bewegt, springt eines der Mädchen auf, schreit das Kind hysterisch an: „Du sollst dich verpissen, haben wir gesagt! Hau ab! Fass uns nicht an! Geh zu deiner Mama!“

Ihr ist schlecht. Sie kann nicht mehr sprechen, irgendwie. Kann kaum noch atmen. Eine Welle von…irgendwas…spült in ihr hoch. Panik, aber noch mehr. Sie fühlt sich selbst, ihren Körper, da unten, plötzlich selbst, ein schmerzhaftes Pulsieren, Lust und Schmerz. Wieso reagiert sie so? Was stimmt nicht mit ihr? Sie fühlt so eine merkwürdige Verbindung zu dem Kind, als würde sie es kennen. Sie schämt sich, wünscht sich weit, weit weg. Wenn die anderen sie jetzt ansehen, können sie sehen, dass sie wie dieses Kind ist. Warum denkt sie das? WAS stimmt nicht mit ihr? Stimmen in ihr schreien irgendetwas, und in ihrem Ohr flüstert es: Du Hure, du dreckige kleine Schlampe. Du bist genauso versaut wie dieses kleine Gör da vor dir. So abgrundtief verdorben, und genauso ekelhaft.

Ekel, Hass, Mitleid und Panik in einer wilden Mischung lassen sie einfrieren.

Das Kind wendet sich ab, taumelt unsicher in Richtung Sandkasten. Es setzt sich in den Sand, beginnt ziellos, fahrig, planlos etwas zu spielen. Die Jugendlichen schauen noch eine Weile rüber, machen Witze und herablassende Sprüche.

Sich bloß nichts anmerken lassen. Mitlachen. Auch irgendwas sagen. Inmitten der Gruppe, die sich wieder auf einander bezieht, lässt sie das Kind nicht aus den Augen. Es rührt sie so an, und macht ihr solche Angst. Ihr ist klar, dass das Kind Hilfe braucht. Niemandem außer ihr scheint das klar zu sein. Sie will zu dem Kind rübergehen, aber sie ekelt sich so sehr, und sie weiß nicht, was sie tun soll. Und sie will den Kontakt zu den anderen Jugendlichen nicht aufs Spiel setzen.

Da beginnt das Kind wieder, getrieben herum zu laufen. Es hockt sich immer wieder auf den Boden, reibt seine Vulva darüber, diesmal jedoch ganz in sich versunken, als wäre niemand außer ihm da. Die Jungen bemerken es, fangen wieder an zu lachen und Sprüche zu machen, selbstsicherer als vorhin. Die Mädchen weichen mit ihren Blicken voreinander aus.

Da taucht plötzlich eine Frau auf dem Spielplatz auf.

Die Frau kommt aus der verbotenen Wohnwagenreihe. Ihr fällt nicht auf, dass dieser Gedanke komisch ist. Warum ist sie verboten? Wer hat das Verbot ausgesprochen? Sie weiß nur irgendwie, dass sie dort nicht hindarf. Da sind die Leute aus der Rotte.

Der Frau strahlt die Armut aus jeder Pore. Ihr fehlen Zähne. Es ist schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ihr Gesicht wirkt verbraucht und roh. Sie sucht etwas, und als sie das Kind erblickt, wirkt sie erschrocken. Sie eilt quer über den Spielplatz auf das Kind zu, packt es grob am Arm, zischt „du kommst jetzt mit!“, und zieht das widerstrebende Kind hinter sich her.

Die Karussell-Gang ist wieder aufmerksam geworden. Ein Mädchen sagt leise: „Oh Gott, ist das ihre Mutter?“ Der Junge von vorhin ruft der Mutter laut hinterher: „Hat Mama auch ne Muschi?“ Ganz breitbeinige, männliche, 14jährige, sich im Recht fühlende Überlegenheit. Ein paar seiner Kumpels feixen, ein paar Mädchen grinsen unsicher. Die Mutter bleibt abrupt stehen, wendet sich um, Demütigung und Hass in ihrem Gesicht. Doch sie schluckt ihre Kommentare herunter, dreht sich um, packt das Kind unsanft vom Boden hoch und schleppt das nun schreiende und sich windende Kind zurück.

In den verbotenen Gang. Da, wo die Schmuddelleute wohnen. Die, mit denen sie keinen Umgang pflegen darf.

Nach ein paar Minuten mit weiteren, jetzt ziemlich anzüglichen Kommentaren und Witzen wendet sich das Gespräch der Jugendlichen wieder anderen Dingen zu.

Ihr ist schlecht. Sie fühlt sich beschmutzt und schuldig. Sie ist verwirrt, ihr Kopf dröhnt, sie kann hier nicht mehr bleiben. Zwischen all diesen sauberen Teenagern. Teenager wie sie, aus gutem Hause, mit gehobener Bildung. Die aber nicht so kaputt im Kopf sind wie sie. Nicht so dreckig von innen.

Sie muss weg. Weg von diesen Jungen, die ihr jetzt Angst machen. Mit denen sie nicht mehr lachen kann. Sie stammelt irgendeine Ausrede, und irgendwie bringt sie ihre Beine dazu, sie fortzubringen. In die Sicherheit ihrer eigenen, behüteten, sauberen Familie.

_Diese Szene liest sich wie ein literarisches Experiment. Sie hat sich faktisch jedoch genau so abgespielt. Sommer 1994, ein Campingplatz in Dänemark. Es war kein Zufall, dass dieses offensichtlich sexuell misshandelte Mädchen und wir mit unserer Familie am gleichen Campingplatz waren. Aber diese Begegnung und die Überschneidung der Welten am helllichten Tag hätte vermutlich eigentlich nicht stattfinden dürfen._