Ausstieg als traumatisches Erleben

Heute sind wir im PC über einen Ordner mit Dateien aus einem älteren Rechner gestolpert. Darin enthalten sind unter anderem mehrere Emails an unsere ehemalige Therapeutin sowie einige andere Dokumente und Geschriebenes aus der Zeit in den ersten Jahren nach dem Ausstieg.

Während wir das alles durchgesehen haben, sind wir schleichend in einen körperlichen Zustand geraten, der während dieser Jahre so sehr ein Dauerzustand war, dass wir ihn damals gar nicht gespürt haben. Es war ein tiefsitzendes, sozusagen zelluläres Entsetzen spürbar, übertüncht mit einem Eingefrorensein, einer Wattigkeit, einem traumähnlichen Zustand. Als ich realisiert habe, wie wir uns fühlten, und vom Rechner aufgestanden bin, habe ich am ganzen Körper so sehr gezittert, dass ich zunächst nicht stehen konnte. Und das, obwohl das Aufgeschriebene vor elf bis 18 Jahren stattgefunden hat, und wir jetzt seit Langem schon sehr sicher sind.

Besonders schmerzhaft waren für mich die Emails aus der Zeit, als sowohl die Therapeutin als auch wir Alltagspersonen nicht wussten, dass es noch Täter:innenkontakte gab. So viel Verwirrung, so viel Zweifel, so viel immer wieder in Frage gestelltes Vertrauen. Wenn ich jetzt diese Emails lese, dann frage ich mich, wie unsere Therapeutin damals durchgehalten hat. Und wie wir es geschafft haben, diese unglaubliche Dehnung in uns auszuhalten – eine Dehnung zwischen Innenpersonen, die nicht mal daran glaubten, organisiert rituell ausgebeutet worden zu sein, zwischen Alltagspersonen, die glaubten, in Sicherheit zu sein, zwischen unverständlichen Körperflashs und realen Verletzungen, und zwischen Innenpersonen, die innerlich ausgestiegen waren und denen, die noch voll und ganz zugehörig waren. Die Täter*innen taten uns Gewalt an, die wir selbst und unsere nächsten Menschen nicht sehen konnten, die aber umso zerstörerischer wirkte.

Wenn ich mir die Stationen unseres Ausstiegs anschaue, dann wird mir sehr deutlich, wie unfassbar verletzlich wir in dieser Zeit waren. Ausstieg heißt eben nicht, dass alles sofort besser wird.

Wir waren Anfang zwanzig, als wir den Schritt gegangen sind, unsere Familie und zunächst alle nahen Kontakte abzubrechen, bis auf den zu unserer Therapeutin und zu unserem damaligen Partner, der jedoch auch noch relativ jung war und mit der Situation und uns verständlicherweise vollkommen überfordert. Wir haben zunächst alle verloren, die uns etwas bedeuteten. Es war traumatisch, die Eltern und das Geschwister nicht nur zu verlieren, sondern auch noch feststellen zu müssen, dass wir sie fürchten müssen. Es war traumatisch, unseren eigenen Lockdown zu haben, einschließlich Stalking per Anrufbeantworter, Emails und Menschen, die vor dem Haus darauf warteten, dass wir allein in der Wohnung waren. Es war traumatisch, auch jegliche finanzielle Sicherheit zu verlieren, und erstmal jede Perspektive, weil wir unsere Ausbildung abbrechen mussten.

Es war traumatisch, in eine Institution zu fliehen, die uns schützen sollte, in der unsere Geschichte jedoch permanent angezweifelt wurde, und in der wir schließlich keinen Schutz vor einem übergriffigen Psychologen fanden. Was daran so besonders schädigend war, war, dass es eine professionelle Einrichtung war, und dass den Mitarbeitenden dort (bis auf den Psychologen) unser Wohlergehen spürbar am Herzen lag, und dass es gerade deshalb so schwierig war, noch unserer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Als immer deutlicher wurde, dass die Einrichtung überfordert war mit uns – was ich nachvollziehbar finde, bei dem damaligen Wissensstand-, waren wir das Problem. Und diese Sichtweise ist das, was uns bis heute verletzt, was wir noch immer nicht loslassen können.

Es wird mir auch jetzt erst richtig deutlich, wie aus Bindungsperspektive traumatisch es war, dass wir durch den Ausstieg, und dadurch, dass es kein großes Helfer*innennetz gab, uns so sehr auf eine Person, nämlich unsere damalige Therapeutin, beziehen mussten. Wie abhängig wir von ihr waren, in was für ambivalente Zustände uns das gestürzt hat. Auch wenn sie diese Abhängigkeit nie ausgenutzt hat, und auch, wenn es uns rückblickend beiden gut gelungen ist, das zu händeln, es war trotzdem schwierig. In diesem Zusammenhang war dann auch die latent unsicher finanzierte Begleitung durch diese Therapeutin sehr hart. Zeitweilig hat sie ohne Bezahlung mit uns gearbeitet, und dann über Jahre immer wieder nur mit sehr kreativer Abrechnung. Diese Begleitung war lebensnotwendig für uns, und immer wieder durften darüber irgendwelche Gutachter entscheiden, ob uns noch ein paar Stunden dieser Hilfe gewährt wurden oder nicht. Wie haben wir bloß diese therapeutische Bindung manövriert, zwischen Abhängigkeit und einziger Zeug*innenschaft auf der einen Seite und der ständigen Bedrohung eines Aus wegen Nichtfinanzierung auf der anderen Seite?

Die realen Angriffe der Täter_innen auf uns waren traumatisch. Die Erfahrung zu machen, nirgendwo sicher zu sein, nicht mal in der eigenen Wohnung oder im eigenen Auto unterwegs, war traumatisch. Die Erfahrung, dass die Indizien so merkwürdig waren, und unser eigenes (programmiertes) Verhalten so widersprüchlich, dass die Polizei ratlos war. Keine Wohnung mehr zu haben, keine Finanzierung mehr zu haben, weil wir noch unter 27 waren und Geld vom Amt damals bedeutet hätte, dass die Eltern herangezogen worden wären, trotz Namensänderung und Auskunftssperre. Zu unserem Schutz auf der geschlossenen Station sein und dort von einem Mitgefangenenpatienten angegriffen zu werden. Die traumatische Wirkung ausgeführter Suizidprogramme, und die Verachtung des Personals auf der Intensivstation danach.

Am schlimmsten erinnern wir jedoch das sechste Jahr nach dem Ausstieg. Wir hatten ein Studium begonnen, wie waren weiter weggezogen. Wir hatten eine geklärte Finanzierung, wir hatten gute Freund*innen, wir lebten wieder in einer Beziehung. Wir hatten einen Schutzpuffer durch eine gesetzliche Betreuer*in, die für uns die Gerichtstermine wahrnahm, mit denen die Täter:innen versuchten, Zugang zu uns zu bekommen. Es sah alles so aus, als würden wir es langsam geschafft haben.

Aber es ging uns schlecht. Immer wieder liefen Programmierungen ab, manchmal schienen sie einfach an Daten zu hängen, ganz oft war ihr Auslöser aber auch nicht klar. Und dann wurde alles wieder so massiv, Stalking auf verschiedenen Ebenen. Und dann wurde deutlich, dass es noch Abgegriffen-Werden gab, dass die Programme durch reale Kontakte ausgelöst wurden, dass es noch Innenpersonen gab, die über alles berichteten. Wir verloren fast allen Mut. Ich glaube, unsere Therapeutin war zum ersten Mal damit konfrontiert, dass organisierte Täter_innen manchmal einen sehr langen Atem haben, und sie war kurz davor, hinzuschmeißen. „Ich kann nicht dabei sein, wie Sie sich entweder selbst umbringen oder zu den Täter_innen zurückkehren.“ Diesen Ausspruch unserer Therapeutin, mit Tränen in den Augen, werden wir nie vergessen. Und ja, auch das war traumatisch, auch wenn es menschlich war, und auch wenn es nicht Ihre Schuld war, dass die Täter:innen sie und uns zu diesem Zeitpunkt fast aufgerieben hätten.

Es gäbe noch mehr aufzuzählen, aber ich bin dessen müde, und unser Punkt ist sicher schon längst klar: Ausstieg ist ein schmerzhafter und riskanter Prozess, er dauert Jahre, und er kann selbst traumatisierend sein. Wir haben in diesem Text sehr vieles als traumatisch bezeichnet, und das ist sehr bewusst geschehen. Die Erinnerungen an diese Erfahrungen haben viele Merkmale traumatischer Erinnerungen getragen; sie haben uns unkontrolliert heimgesucht, sie ließen uns dissoziieren oder jagten den Puls hoch, sie hatten Macht über uns und über das, was wir gedacht und gefühlt haben. Und zum Teil ist das immer noch so.

Was sich mittlerweile sicher verbessert hat ist, dass es ein vertiefteres und präziseres Wissen darüber gibt, was Programmierung und eine gemachte Dissoziative Identitätsstruktur bedeuten, wie organisierte Täter*innen agieren, und was theoretisch für einen gelingenden Ausstieg gebraucht wird. Immerhin gibt es mittlerweile so etwas wie den Fonds Sexueller Missbrauch, einige wenige Schutzstellen, viele Beratungsstellen, die sich mit DIS und organisierter und ritueller Gewalt auskennen, das berta-Telefon, Bücher und Fortbildungen zum Thema und weitere Stellen, bei denen sich professionelle und private Unterstützer*innen informieren können. Aber strukturell hat sich kaum etwas verändert. Therapieplätze sind fast unmöglich zu bekommen, und dann ist die Finanzierung weiterhin viel zu wenig und ständig wieder neu wackelig. Mit Plätzen in Kliniken, die überhaupt ein funktionierendes Konzept für Menschen mit einer gemachten DIS haben, sieht es ähnlich aus. Um weiteren Unterstützungsbedarf muss oft gekämpft werden. Sichere Fluchtorte sind kaum vorhanden. Das Justizsystem ist nach wie vor eigentlich gar nicht in der Lage, mit Menschen mit einer DIS sinnvoll umzugehen. Und auch diese Liste ließe sich verlängern.

Letztendlich haben wir den Ausstieg geschafft, weil immer wieder Menschen bereit waren, über die Grenzen ihrer eigentlichen Arbeit hinauszugehen. Weil Leute kreative Ideen hatten. Weil Leute ihren Job richtig, richtig gut gemacht haben. Dazu gehörten eine Vertrauenslehrerin, Therapeutinnen, ein Psychiater, eine Frau vom Sozialdienst in einer psychiatrischen Klinik, eine Beraterin in einer Beratungsstelle für wohnungslose Frauen, mehrere Nonnen in einem Kloster, eine gesetzliche Betreuerin auf Augenhöhe, ein engagierter Anwalt und eine verständnisvolle Richterin.

Aber vor allem haben wir es geschafft, weil uns immer wieder Privatmenschen und Freund*innen geholfen haben. Die uns zugehört haben, uns Geld geschenkt oder geliehen haben, die uns bei sich wohnen lassen haben, die sich nicht haben abschrecken lassen von bedrohlichen Momenten, die mit uns Nächte überstanden haben, die uns zu Terminen begleitet haben, die uns unzählige Kakaos gekocht haben, die uns ausgehalten haben, die uns Mut zugesprochen haben, die uns geglaubt haben, und die AN UNS geglaubt haben.

Ihr wart und seid das Gegengewicht und der Grund, warum es sich gelohnt hat und immer noch lohnt.

30.000 und die falschen Gefühle

Seit Monaten verfolgen wir die Berichterstattung zu den größeren Missbrauchsfällen, und wie nach und nach immer mehr Taten und Täter*innenstrukturen aufgedeckt werden. Erst Lügde, dann Bergisch-Gladbach, und dann Münster.

Uns ist dabei die ganze Zeit aufgefallen, dass wir meistens anders auf die Berichterstattung und die Informationen reagieren, als die Menschen um uns herum. Überall so viel Überraschung, Betroffenheit, und sogar bei den Profis sichtbare Erschütterung und Ekel. Und bei uns? Vor allen Dingen Erstaunen. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass nicht seit den 80er Jahren zunächst vor allem Feminist*innen wiederholt und beständig darauf aufmerksam gemacht haben, dass es sexualisierte Gewalt über Kinder in einem gesellschaftsüberspannenden, großen Ausmaß gibt, und dass nicht auch seit den 90er Jahren viele Psycholog*innen diese Aussagen bestätigt und bekräftigt haben. Und spätestens seit den 2000er Jahren gibt es mehr und mehr Schilderungen von Betroffenen, von Psycholog*innen, zum Teil von forensischen Expert*innen, von Berater*innen, von Seelsorger*innen, die schon damals – noch vor dem Internet, oder zu Beginn der großflächigen Nutzung des Internets -, von geschäftsmäßiger sexualisierter Ausbeutung von Kindern berichtet haben, von organisierter, heftiger Gewalt, von organisiertem Austausch von Abbildungen und Filmen und von einer geschäftsmäßigen Herstellung des Ganzen. Und jetzt lesen wir von schockierten Polizist*innen. Und hören von Politiker*innen, die ein solches Ausmaß nie vermutet hätten. Und so weiter, was man sonst noch so in allgemeiner Hilflosigkeit für Wortbausteine benutzen kann. „Unaussprechliche Gewalt“ zum Beispiel. „Unmenschliche Täter“. Und uns erstaunt das, weil wir wahrnehmen, dass diese Polizisten und Staatsanwälte und Politiker wirklich spürbar betroffen sind. Und es erschreckt uns auch zutiefst. Weil – ehrlich – wie könnt ihr denn bitte diesen Job machen und das alles ernsthaft noch nicht mitbekommen haben? Wie könnt ihr in DIESEM Job so bereitwillig NICHT geglaubt und nicht hingeguckt haben? Das zeigt uns vor allem, wie wirkmächtig die Erzählungen, die eine Gesellschaft über sich hat, wirklich sind. Denn eigentlich kann so eine Form von organisierter Gewalt über Kinder ja hier nicht stattfinden. Weil wir aufgeklärt sind. Zivil. Humanistisch. Demokratisch. Weil wir uns ja mit unserer heftigen Gewalthistorie als Staat und Gesellschaft so gut auseinandergesetzt haben.

Und dann waren wir vor allem sehr, sehr wütend. Über die Berichterstattung, über die polizeiliche Arbeit (so wir sie denn mitbekommen können), über die Prozesse, die bisher gelaufen sind. Alles kranke Einzeltäter. Natürlich. Die alle einzeln ihren Prozess bekommen. Immerhin werden jetzt über die Internet-Netzwerke, die die Täter*innen geschaffen haben, auch weitere Taten sichtbar und können so aufgedeckt werden. Aber inwiefern wird dem organisierten Anteil an dem Ganzen Rechnung getragen? Denn es macht einen Unterschied, ob meine Hauptbezugsperson mich auch noch an andere weitergibt, und es macht einen Unterschied, ob Bilder und Filme von mir in den Momenten gemacht werden, in denen ich vollkommen überwältigt, erniedrigt und entwürdigt werde, und die andere dann kaufen oder tauschen wie Fußballbildchen. Es macht einen Unterschied, ob das, was mir angetan wird, gemeinschaftlich passiert. Es geht uns gar nicht unbedingt um ein hohes Strafmaß – was wirklich wirksame Maßnahmen sein könnten, ist noch einmal eine ganz andere Diskussion -, sondern darum, dass WAHRGENOMMEN wird, wie schwerwiegend und wirklich gesellschaftsdurchziehend (und -zersetzend) das Problem ist.

Ja, es ist hart, sich diesem Teil der Realität³ zu stellen, aber umso weniger hilfreich ist dieses Narrativ davon, dass die Ermittlungen selbst für erfahrene Polizist*innen schwer zu ertragen seien. Auch wenn wir uns gut vorstellen können, dass das wirklich stimmt. Die Berichte über geschockte Polizist*innen sollen verdeutlichen, wie schlimm es ist. Wir sollten vermutlich Mitgefühl empfinden für die Menschen, die damit konfrontiert sind. Aber wenn schon Polizist*innen das eigentlich nicht aushalten, wer dann? Wem soll ich denn davon berichten können, wenn nicht der Polizei? Und wie will eine Gesellschaft wach für diese Geschehnisse werden, was die Grundvoraussetzung dafür ist, wirkungsvoll etwas dagegen zu unternehmen, wenn das alles „unvorstellbar“ und „unerträglich“ ist?

Die wachsende Zahl der Fälle der letzten Monate. Die großflächige, bundesweite und auch internationale Vernetzung, Organisierung und Verstrickung. Die scheinbar hohen Zahlen der Einzeltaten, die pro Einzeltäter verhandelt wurden. Wir waren froh darüber, dass endlich so viel ans Licht kommt. Und dennoch war da immer dieser Gedanke: Es ist doch immer noch nur die Spitze des Eisbergs.

Heute kam dann die Nachricht mit dieser großen Zahl. 30.000 Tatverdächtige, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen rund um den Fall aus Bergisch-Gladbach als Konsument*innen von Gewalt-über-Kinder-Pornografie und als Tatverdächtige von sexualisierter Gewalt über Kinder im Raum stehen. Die Zahl ist so groß, dass sie schon schwer vorstellbar ist. 30.000 Menschen sind mehr, als in der Kleinstadt, in der wir aufwuchsen, insgesamt lebten. Die Konkretheit dieser Zahl wirkt auch auf uns beeindruckend. Und uns berührt das Wissen, das hinter jeder einzelnen Eins-Zahl so viel individuelles Leid steckt. Aber unsere allererste Reaktion beim Lesen der Nachricht? Erleichterung. Endlich wird mal von einer Dimension gesprochen, die unserer Realität³ entspricht. Die dem entspricht, worüber viele Betroffene, aber auch viele Therapeut*innen und andere Berufsgruppen schon seit gefühlt unendlich vielen Jahren berichten. Endlich wird der Eisberg mal so sichtbar, dass der unter der Oberfläche liegende Teil nicht mehr ignoriert werden kann.

Wir wissen gleichzeitig, wie stark gesellschaftliche Verdrängung wirkt. Wir müssen historisch nicht weit zurück gucken, um zu erkennen, dass eine Gesellschaft noch wesentlich größere Eisberge ignorieren kann, wenn sie nur will. Und wir wissen auch, dass Erkenntnis noch keine Veränderungen schafft, und dass eine Gesellschaft, die im Entsetzen erstarrt, nicht unbedingt handlungsfähiger wird. Es braucht viel mehr Verstehen, inwiefern Gewalt jeglicher Art als traumatisches Hintergrundmuster unsere ganze Gesellschaft durchwirkt, informiert und als kollektive Normierung die konkreten Handlungen aller mitbestimmt. Aber wenigstens einen Teil davon sehen zu können und begreifen zu können, das birgt zumindest eine Chance auf echte Veränderung.

Oder?

Campingplatz

„Nach bisherigen Erkenntnissen ist „Lügde“ einer der schlimmsten Fälle massenhaften Kindesmissbrauchs in der Geschichte der Bundesrepublik“

Süddeutsche Zeitung, 30.4.2019

Sie hängt auf dem Spielplatz ab, bondet gerade ein bisschen mit ein paar anderen deutschen Teens, die mit ihrer Schulklasse da sind. Versucht, lässig zu sein, witzig, cool. Der Start ist ganz gut.

Das kleine Mädchen taucht auf. Sie ist etwa 4 Jahre alt, alles an ihr strahlt extreme Vernachlässigung aus. Sie ist selbst schmutzig, rotznasig, trägt ein schmutziges, sehr kurzes, verwaschen rotes Kleidchen, wirkt seltsam desorientiert. Wandert ziellos über den Platz, mit fahrigen, irgendwie abgehackten Bewegungen.

Die Gespräche verstummen, alle nehmen das Kind sofort wahr, beäugen es, machen sich gegenseitig darauf aufmerksam.

Irgendwas in ihr wird unruhig, es ist, als würden Saiten angeschlagen, als würde ein Fotobuch auf einem Tisch anfangen, unruhig zu ruckeln, als würden Stimmen in ihr schreien, die sie warnen. Sie sollte gehen, sofort, aber ihr ist schwindelig, und sie will diesen Kontakt nicht verlieren, zu diesen anderen Jugendlichen hier, sie will dazu gehören. Und außerdem – was hat sie denn schon mit diesem Kind da zu schaffen? Diesem irgendwie ekligen Kind.

Das Kind bemerkt die Aufmerksamkeit, steuert auf die Gruppe auf dem stillstehenden Karussell zu. Lächelt. Setzt sich vor den Jugendlichen auf den Boden, macht die Beine breit, und zeigt allen ihre Kindervulva. Sie trägt keinen Slip. Die Jugendlichen sind unangenehm berührt, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, einige kichern nervös, die Mädchen schauen weg, schauen sich an, verziehen die Gesichter. Kein Erwachsener weit und breit zu sehen. Wo sind die eigentlich immer, wenn sie doch mal gebraucht würden?

Einer der Jungs ruft: „Ne schöne Muschi hast du!“ Seine Coolness ist etwas verrutscht. Ein paar Jungs lachen nervös.

Das Kind lächelt und beginnt, sich wollüstig zu bewegen, es fasst sich an, reibt seine Vulva über den Boden, und rutscht immer näher an die Gruppe heran, auf den Jungen zu, der sie angesprochen hat. Ihr Mund ist zu einem Lächeln verzerrt, aber die Augen sind leer. Oder sind sie angstgeweitet? Ein fleischgewordener Horrorfilm im grellen Sonnenlicht eines dänischen Sommertags, zur Mittagszeit.

Jetzt kommt Bewegung in die Gruppe. Alle weichen zurück. Der Junge, der gerufen hat, schreit das Kind an, wehrt es ab. „Verpiss dich! Hat dir keiner Benehmen beigebracht? Was bistn du für ne kleine Scheißfotze!“ Er spuckt nach dem Kind, trifft aber nur den Boden dazwischen. Das Kind reagiert irritiert, hört auf, fängt wieder an, schaut irritiert in die Gesichter, lächelt mit diesen leeren Augen, und sagt die ganze Zeit kein Wort. Widerstreitende Impulse sind im ganzen Körper sichtbar. Als es sich wieder auf das Karussell zu bewegt, springt eines der Mädchen auf, schreit das Kind hysterisch an: „Du sollst dich verpissen, haben wir gesagt! Hau ab! Fass uns nicht an! Geh zu deiner Mama!“

Ihr ist schlecht. Sie kann nicht mehr sprechen, irgendwie. Kann kaum noch atmen. Eine Welle von…irgendwas…spült in ihr hoch. Panik, aber noch mehr. Sie fühlt sich selbst, ihren Körper, da unten, plötzlich selbst, ein schmerzhaftes Pulsieren, Lust und Schmerz. Wieso reagiert sie so? Was stimmt nicht mit ihr? Sie fühlt so eine merkwürdige Verbindung zu dem Kind, als würde sie es kennen. Sie schämt sich, wünscht sich weit, weit weg. Wenn die anderen sie jetzt ansehen, können sie sehen, dass sie wie dieses Kind ist. Warum denkt sie das? WAS stimmt nicht mit ihr? Stimmen in ihr schreien irgendetwas, und in ihrem Ohr flüstert es: Du Hure, du dreckige kleine Schlampe. Du bist genauso versaut wie dieses kleine Gör da vor dir. So abgrundtief verdorben, und genauso ekelhaft.

Ekel, Hass, Mitleid und Panik in einer wilden Mischung lassen sie einfrieren.

Das Kind wendet sich ab, taumelt unsicher in Richtung Sandkasten. Es setzt sich in den Sand, beginnt ziellos, fahrig, planlos etwas zu spielen. Die Jugendlichen schauen noch eine Weile rüber, machen Witze und herablassende Sprüche.

Sich bloß nichts anmerken lassen. Mitlachen. Auch irgendwas sagen. Inmitten der Gruppe, die sich wieder auf einander bezieht, lässt sie das Kind nicht aus den Augen. Es rührt sie so an, und macht ihr solche Angst. Ihr ist klar, dass das Kind Hilfe braucht. Niemandem außer ihr scheint das klar zu sein. Sie will zu dem Kind rübergehen, aber sie ekelt sich so sehr, und sie weiß nicht, was sie tun soll. Und sie will den Kontakt zu den anderen Jugendlichen nicht aufs Spiel setzen.

Da beginnt das Kind wieder, getrieben herum zu laufen. Es hockt sich immer wieder auf den Boden, reibt seine Vulva darüber, diesmal jedoch ganz in sich versunken, als wäre niemand außer ihm da. Die Jungen bemerken es, fangen wieder an zu lachen und Sprüche zu machen, selbstsicherer als vorhin. Die Mädchen weichen mit ihren Blicken voreinander aus.

Da taucht plötzlich eine Frau auf dem Spielplatz auf.

Die Frau kommt aus der verbotenen Wohnwagenreihe. Ihr fällt nicht auf, dass dieser Gedanke komisch ist. Warum ist sie verboten? Wer hat das Verbot ausgesprochen? Sie weiß nur irgendwie, dass sie dort nicht hindarf. Da sind die Leute aus der Rotte.

Der Frau strahlt die Armut aus jeder Pore. Ihr fehlen Zähne. Es ist schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ihr Gesicht wirkt verbraucht und roh. Sie sucht etwas, und als sie das Kind erblickt, wirkt sie erschrocken. Sie eilt quer über den Spielplatz auf das Kind zu, packt es grob am Arm, zischt „du kommst jetzt mit!“, und zieht das widerstrebende Kind hinter sich her.

Die Karussell-Gang ist wieder aufmerksam geworden. Ein Mädchen sagt leise: „Oh Gott, ist das ihre Mutter?“ Der Junge von vorhin ruft der Mutter laut hinterher: „Hat Mama auch ne Muschi?“ Ganz breitbeinige, männliche, 14jährige, sich im Recht fühlende Überlegenheit. Ein paar seiner Kumpels feixen, ein paar Mädchen grinsen unsicher. Die Mutter bleibt abrupt stehen, wendet sich um, Demütigung und Hass in ihrem Gesicht. Doch sie schluckt ihre Kommentare herunter, dreht sich um, packt das Kind unsanft vom Boden hoch und schleppt das nun schreiende und sich windende Kind zurück.

In den verbotenen Gang. Da, wo die Schmuddelleute wohnen. Die, mit denen sie keinen Umgang pflegen darf.

Nach ein paar Minuten mit weiteren, jetzt ziemlich anzüglichen Kommentaren und Witzen wendet sich das Gespräch der Jugendlichen wieder anderen Dingen zu.

Ihr ist schlecht. Sie fühlt sich beschmutzt und schuldig. Sie ist verwirrt, ihr Kopf dröhnt, sie kann hier nicht mehr bleiben. Zwischen all diesen sauberen Teenagern. Teenager wie sie, aus gutem Hause, mit gehobener Bildung. Die aber nicht so kaputt im Kopf sind wie sie. Nicht so dreckig von innen.

Sie muss weg. Weg von diesen Jungen, die ihr jetzt Angst machen. Mit denen sie nicht mehr lachen kann. Sie stammelt irgendeine Ausrede, und irgendwie bringt sie ihre Beine dazu, sie fortzubringen. In die Sicherheit ihrer eigenen, behüteten, sauberen Familie.

_Diese Szene liest sich wie ein literarisches Experiment. Sie hat sich faktisch jedoch genau so abgespielt. Sommer 1994, ein Campingplatz in Dänemark. Es war kein Zufall, dass dieses offensichtlich sexuell misshandelte Mädchen und wir mit unserer Familie am gleichen Campingplatz waren. Aber diese Begegnung und die Überschneidung der Welten am helllichten Tag hätte vermutlich eigentlich nicht stattfinden dürfen._