Faschist*innen und Polizei oder Täter*-Opfer-Bindung oder was wir alles für Demos Nützliches durch die Traumatisierungen gelernt haben

„Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Kofi Annan

Neulich waren wir auf einer politischen Demonstration gegen einen Auftritt zweier Mitglieder der AfD, von denen der eine aufgrund seiner dokumentierten Äußerungen mit Gerichtsbeschluss Faschist genannt werden darf.

Uns war schon im Vorhinein bewusst, dass die Demonstration von einem hohen Polizeiaufgebot permanent begleitet werden würde, und dass die begleitenden Polizist*innen zudem sehr stark gepanzert und deutlich sichtbar bewaffnet auftreten würden. Und wir wissen auch, dass uns das grundsätzlich großen Stress bereitet und permanent Assoziationen an erlebte Gewalt auslöst. Insofern hatten wir im Vorfeld wachsende Unruhe und auch ein paar noch etwas schlechtere Nächte. Gleichzeitig ist es uns aber sehr wichtig, unsere Möglichkeiten wahrzunehmen, zu einer demokratischen, offenen, antifaschistischen Gesellschaft beizutragen. Gerade vor dem Hintergrund unserer rituellen Gewalterfahrungen. Und deshalb gehen wir, wenn es unser Gesamtzustand zulässt, zu solchen Veranstaltungen hin.

Wenn wir gehen, dann nicht allein, sondern immer mit mindestens einer Person, mit der wir uns auch vorher weitmöglichst darüber absprechen, wie wir handeln wollen, speziell, wenn die Atmosphäre aggressiv wird oder es zu Gewalthandlungen kommt. Und wir versuchen, uns im Inneren vorher abzusprechen, und wir versuchen auch, zu dieser Veranstaltung so sortiert zu gehen, dass nur bestimmte Innenpersonen im Außen oder in Außennähe sind. Und für uns ist klar, dass wir keine Gewalt anwenden werden, und uns grundsätzlich deeskalierend und friedensstiftend verhalten.

Wenn wir wissen, dass bestimmte Bilder auf uns zukommen werden, dann hauen die uns auch nicht so um. Ein einziger Polizist in Uniform im Zug, mit sichtbarer Waffe im Halfter, kann uns da viel leichter mal die Lampen ausschießen (haha). Wir akklimatisierten uns also langsam während der Demo, und als wir dann am Kundgebungsort/Veranstaltungsort der rechtsgerichteten Partei eintrafen, waren wir in einem Zustand mit deutlich aktiviertem Nervensystem, aber auch gleichzeitig sehr konzentriert und ruhig. Wir haben die Polizist*innen in Kampfmontur, von denen einige so vermummt waren, dass nur noch Augen und Nase sichtbar waren, sogar nicht mehr allesamt als Feind*innen gesehen, (wie das sonst passieren kann, wenn wir Angst haben), sondern differenzierter betrachten können. Als wir einige der Besucher der Veranstaltung, die in deutlich aggressiv-„männlichem“-Kampfgehabe auftraten, auf der anderen Seite der Absperrungen sahen, waren wir auch ganz froh über diesen menschlichen Puffer zwischen den Fronten. Und gleichzeitig – diese Präsenz von martialisch verkleideten Menschen trägt so stark zu einer Bedrohungsatmosphäre bei, und dabei bestand die Kundgebung zu sicher 90 Prozent aus definitiv friedlichen, sehr bürgerlichen Menschen. Es waren viele Kinder und sehr viele ältere Menschen und auch Menschen mit Behinderungen dabei.

Eine ganze Anzahl von Polizist*innen war sehr nah dran an uns Menschen bei der Kundgebung und sichtbar bereit, jederzeit einzuschreiten. Einige hatten permanent einen Schlagstock in der Hand. Wir checken in solchen Situationen automatisch total viele Details, und gleichzeitig die Gesamtatmosphäre. Wir hatten schnell klar, dass die meisten der Polizist*innen direkt um uns herum selbst angespannt und nervös waren, einige waren dennoch grundsätzlich freundlich oder neutral, einige wirkten genervt. Es fiel uns jedoch sofort einer auf, der von sich aus aggressiv wirkte. Es lag an etwas in seiner gesamten Haltung und vor allem in seinem Blick, das wir nicht mit Worten beschreiben können, das uns aber sofort klar machte, dass etwas in seiner Grundhaltung mit der Grausamkeit unserer Täter korrespondiert.

Unser permanent laufendes inneres Radar hat uns über mehrere Stunden immer wieder genau dann zu einem Ort geführt, wenn dort eine Eskalation begann. Und dann sind Innenpersonen im Außen (ich will dauernd „an der Front“ schreiben, aber wir waren ja nicht im Krieg!), die einen festen Stand haben, die die Handflächen ausstrecken, die zu Teilnehmenden und Polizist*innen Worte sagen, die die Situation runterkochen, die es einstecken können, auch mal von einem Polizisten zur Seite geschoben zu werden, und dabei weiter deeskalieren, ohne selbst aggressiv zu werden. Und die irgendwie genau wissen, wie weit sie gehen können, weil sie die Gewaltbereitschaft und Machtausübungsbereitschaft der Gegenüber gut einschätzen können. Die sich und andere zumindest ein bisschen schützen können.

Mit dem Polizisten, der in unserer Wahrnehmung Täterpotenzial hatte, hatten wir drei direkte Begegnungen. Nachdem wir einmal verbal deeskaliert hatten, gab es einen direkten Augenkontakt zwischen uns. Und es passierte etwas Merkwürdiges, was mich bis heute auch noch beschäftigt. Es gab so etwas wie ein Erkennen. So, als würde er wissen, was wir in ihm erkannt haben, und als würde er aber auch in uns etwas erkennen, was wir wiederum wissen. Und es war etwas in dieser Dynamik, was wir von früher kennen. Es gab wie eine Täter*-Opfer-Bindung plötzlich zwischen uns. Fast schon wie ein Versprechen von Gewalt. So, als würde ein Schlüssel ins Schloss einrasten. Es ist eine Art undefinierbarer energetischer Austausch, und wir kennen diesen Moment sehr gut von früher, wenn es Auswahlsituationen gab, und dann manchmal genau so etwas entstand, und irgendeiner Instanz in uns klar war, dass „unser Schicksal besiegelt“ war. Mit dem großen Unterschied, dass wir jetzt erwachsen sind und vollkommen andere Handlungsmöglichkeiten haben. Insofern stimmte es auch direkt in der Situation schon nicht, diese „Beziehung“ als Täter*-Opfer-Bindung zu bezeichnen.

Kurze Zeit später war es dieser Polizist, der uns von hinten kommend unnötig ruppig zur Seite schob.

Und noch etwas später war es dieser Polizist, der aus der Reihe der Polizist*innen plötzlich ohne Vorankündigung über mehrere Meter mit einer offenen Taschenmesserklinge auf uns zustürmte und ein dünnes Seil, mit dem wir ein Transparent hochhielten, nur wenige Zentimeter vor unseren Fingern durchschnitt. Obwohl er das genauso gut mit einem oder sogar zwei Metern Abstand hätte machen können. Und dieser Moment, sein Atem in unserem Gesicht, und die blau blitzende Klinge direkt vor unseren Fingern, ist das, was sich nachhaltig in unser Nervensystem gefressen hat. Was sich abends im Bett vor unseren Augen gedreht hat, was in unseren Träumen noch vorkommt, was uns auch morgens noch beschäftigt. Und seine Augen. Dieser Moment, wo sich unsere Blicke kurz fest saugten. Tatsächlich erinnern wir kein einziges Gesicht der anderen Polizist*innen so, dass wir sie wiedererkennen würden, aber seines schon. Doch, stimmt nicht, auch noch das von seinem „Gehilfen“. Es gab nämlich einen jungen Polizisten, der immer an seiner Seite war und wie ein Schatten immer genau das tat, was er tat, oder was er wollte.

Ja – was ist es, was wir im Früher oder danach Nützliches gelernt haben für politische Demonstrationen im Heute? Wir können Menschen und ihre Absichten ziemlich glasklar lesen, und speziell dann, wenn sich Gewaltpotenzial entwickelt. Wir können Atmosphären lesen, und wo im Raum sich Gewaltpotenziale atmosphärisch hinbewegen, und wo sie sich Richtung Eskalation bewegen. Wir haben notwendigerweise Techniken gelernt, mit Angst, Panik und Wut umzugehen. Wir können – in gewissen Grenzen – Retraumatisierungen in Kauf nehmen, wenn uns ein Ziel wichtig ist. Das Wichtigste jedoch, was wir gelernt haben, ist, dass wir unter keinen Umständen Gewalt bewusst als Machtmittel einsetzen, und dass wir, wenn wir es können, uns dem entgegenstellen, wenn andere das tun. Und diese Klarheit macht uns heute zu einem ganz anderen Gegenüber, und verleiht uns heute Handlungsmacht.

Heute vor 40 Jahren war ein ganz normaler Samstag

Heute vor 40 Jahren war ein ganz normaler Samstag. Und heute vor 40 Jahren trug meine Mutter schwer an mir. Wie sich das wohl für sie angefühlt hat? Wie war es wohl für sie, dieser große Bauch, das darin strampelnde Kind, in dem Bewusstsein, dass es jederzeit so weit sein kann? Wie war es, Mutter einer „Erstgeborenen“ zu sein, Mutter einer Tochter eines hohen Rangträgers? Hatte sie überhaupt das Gefühl, dass ich ihr Kind war? Liebte sie mich? Oder hatte sie Angst?

War es so, dass ich kommen durfte, wann ich wollte, und dass es der Zufall wollte, dass ich dann an einem bedeutsamen Tag, an einem hohen Feiertag innerhalb der Bedeutungszusammenhänge der ideologischen Gruppe, in die ich hinein geboren wurde, meine Nase zum ersten Mal in diese Welt steckte? An einem Tag, der für die meisten Menschen in der westlichen, christlich geprägten Welt ebenfalls mit Bedeutung versehen ist. Ein Jahreswechsel.

Oder war das auch, wie so vieles andere, kein Zufall?

Stimmt die Version, in der morgen vor 40 Jahren abends spät die Wehen heftig losgingen, und in der mein Vater meine Mutter in halsbrecherischer Fahrt in die Klinik brachte, über vereiste Straßen, vorbei an drei Blitzeis-Unfällen, die mein Vater allesamt ignorierte? Und in der dann, um zehn Uhr abends, plötzlich die Wehen wieder aufhörten, so dass das Personal meinen Vater wieder heimschicken wollte? Und dann kam „ich“, so wurde es anderen hier erzählt, in ziemlicher Windeseile in den frühen Morgenstunden.

Unsere Geburtsurkunde sagt, dass „ich“ in diesem Krankenhaus und zu dieser bestimmten Uhrzeit geboren wurde, und es gibt in unserem Kinderfotoalbum auch ein blasses Polaroid, mit (m?)einer ungeschminkten, erschöpften, lächelnden, irgendwie entrückt und überrumpelt wirkenden Mutter und einem Baby im Arm. Das bin vermutlich „ich“.

Ganz sicher können wir uns nie sein, was wirklich war in dieser Familie und in unserem Leben, und was Inszenierung.

Ziemlich wahrscheinlich ist – weil manche von uns es später selbst gelernt haben, und auch dabei mitgeholfen haben – , dass versucht wurde, die Zeugung auf einen günstigen Zeitpunkt zu legen, und dass die Wehen dann künstlich ausgelöst wurden, um das „richtige“ Datum zu erreichen.

Und oh, wie war dieses Datum richtig. Wie waren die Zahlen günstig, in immer wieder anderen Jahres- und Monatszusammenhängen. Wie hat diese „Bestimmung“, genau an diesem Tag, in genau diesem Jahr geboren worden zu sein, uns so besonders gemacht, so besonders verpflichtet, bestimmte Dinge zu lernen, bestimmte Opfer zu bringen, auf so besondere Art gefördert zu werden, auf so besondere Art vernachlässigt zu werden, auf so besondere Art benutzt zu werden, uns auf so besondere Art zu verwickeln in ALLES. Und wie hat es uns, in a wicked way, auch geschützt.

Die Zahlen-Ideologie, die verknüpft ist mit dem allen, sitzt tief in uns drin. Wir nehmen bestimmte Zahlen und Daten noch immer wahr, stellen Bedeutung her, wo andere nur Ziffern sehen. Das ist, wenn es uns bewusst wird, schmerzhaft, aber mittlerweile ist es ein kurzes Realisieren, dass es so ist, und dann ein bewusstes Loslassen, oder zumindest ein erfolgreiches Ignorieren davon. Wobei es noch immer, manchmal, und an manchen Orten in unserem System, zu bestimmten Zeiten eine erhöhte Aufmerksamkeit gibt, ein gespanntes Warten auf weitere Zeichen, eine Bereitschaft, eine Hoffnung auf einen Ruf. Und auch das schmerzt. Aber es ist gut, dass es schmerzt, denn Schmerz bedeutet Bewusstheit und Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit.

Wir sind nicht um unserer selbst willen in dieser Welt empfangen worden. Wir wurden für die Verwirklichung und die Befriedigung von anderen gezeugt. Und doch glaube ich, dass etwas in meiner Mutter uns liebte. Und ich glaube, dass etwas in ihr ganz genau wusste, dass es sich nicht lohnte, sich zu sehr an dieses Kind zu binden.

Übermorgen, also, WIRKLICH übermorgen, werden wir nun 40! Jahre! alt. Für manche von uns fühlt sich das wie Science Fiction an, dass wir plötzlich in der Zukunft sind. 2020 zu erleben, wo wir doch sicher glaubten, es nicht mal bis zur Jahrtausendwende zu schaffen! Für mich und alle die, die weitestgehend den Alltag bestreiten, ist das ein Grund zum Feiern, weil nun ein Lebensjahrzehnt für uns beginnt, auf das wir uns schon lange freuen. Während unserer Jugend und frühen Erwachsenenzeit gab es immer wieder Frauen, die uns buchstäblich das Leben gerettet haben, die uns Vorbilder wurden in verschiedenen Lebensbereichen, die den Unterschied für uns gemacht haben. Alle diese Frauen waren in ihren 40ern, und wir haben sie als kraftvoll und lebensklug wahrgenommen. Das waren Frauen, die schon einiges durchgekämpft hatten, die manches einfach nicht mehr nötig hatten, die noch viel Kraft und Energie hatten, aber auch Gelassenheit. Unser Leben ist oft nicht leicht, aber es hat schon manches von diesen Qualitäten mittlerweile, und wir freuen uns darauf, sie im nächsten Jahrzehnt weiter zu entwickeln. Und hoffentlich auch an manchen Stellen den Unterschied zu machen.

So war das nicht gedacht, als wir vor 40 Jahren noch im Bauch unserer Mutter schwammen, aber: Heute bestimmen wir unser Leben selbst.