Müttertag

„Right from the moment of birth the mother is not alone in her responsibility for the child. Each and every other can nourish and look after the child.“

„Vom Augenblick der Geburt an ist die Mutter nicht allein in ihrer Verantwortung für das Kind. Jede_r andere kann das Kind nähren und auf es achtgeben.“

Sobonfu Somé

Muttertag war für uns bisher meistens ein schmerzhaftes Datum. Für uns markiert er als Gedenktag vor allem eine Leerstelle und den Schmerz von etwas, das so sehr gefehlt hat, obwohl es existenziell gebraucht wurde und ersehnt war. Zeitlebens war da dieses Loch in uns, das sich immer mehr wie ein schwarzes, alles verschlingendes Loch anfühlte. Zeitlebens war da diese unerklärliche Sehnsucht, und wir fühlten uns wie eine Waise, was uns und Außenstehenden vollkommen unverständlich schien, denn wir hatten ja eine Mutter. Noch bis ins Erwachsenenalter hinein, und wenn wir ehrlich hinschauen, dann sogar heute noch manchmal, gab es diese Suche nach einer neuen Mutter. Und die Schuldgefühle der realen Mutter gegenüber. Und diese unausrottbare Liebe für diese Mutter, und die unaushaltbare, zerstörende Hoffnung, eines Tages doch noch wirklich gesehen und um unser selbst willen geliebt zu werden von dieser Mutter.

Unser bester Umgang mit diesem Datum war ignorieren oder uns darüber lustig machen. Das ist ja auch leicht – Muttertag als internationale Institution ist ja eines der besten Beispiele für einen guten Impuls, der dann kapitalistisch und politisch angeeignet und vollkommen verdreht wurde und wird.

Seitdem wir selbst eine Mutter sind, klappt ignorieren nicht mehr. Weil sich immer irgendwer findet, di*er uns an dem Tag per social media oder im ganz echten Leben zu diesem Umstand gratuliert. Und klar, wir haben uns entschieden, gleich mehrere Menschen in diese Welt zu bringen, Schwangerschaften mit allen Höhen und Tiefen zu durchleben, und Verantwortung für diese Wesen zu übernehmen. Überhaupt kein kleines Ding, und vielleicht das krasseste, für was wir uns je entschieden haben. Aber der bloße Umstand, eine Mutter zu sein, macht aus keiner Person eine Heldin. Denn wir wissen ja aus eigener Erfahrung, wie schrecklich mensch diesen Job machen kann, und wie viel Leid daraus entstehen kann.

Gestern hat eine Freundin mich eingeladen, heute gemeinsam am Feuer zu sitzen, und uns gegenseitig von unserem Muttersein zu berichten, uns selbst und gegenseitig wertzuschätzen für das, was wir spezifisch als jeweilige Mutter leisten und gut hinkriegen, und uns von unseren Müttern zu erzählen. Und diese Einladung hat uns berührt.

Ich habe gemerkt, dass ich gern von unseren Müttern erzählen möchte: Von all den Frauen, von denen manche, aber nicht alle, Kinder hatten, und die, manchmal ohne es zu wissen, uns eine Zeit lang auf die eine oder andere Art begleitet haben, die wir innerlich ein bisschen als Sehnsuchtsmütter adoptiert haben, und die so zu vielen kleinen und größeren Lichtern auf unserem Weg wurden. So wie die Erzieherin im Kindergarten, bei der wir viel körperliche Nähe suchten, und die zu uns hielt, wenn wir anstrengend, verwirrend, widersprüchlich, gewalttätig, zornig und untröstlich waren, und die uns mindestens einmal in einem stummen, eingefrorenen Zustand ewig lang auf dem Arm herumtrug. Wie die Mutter einer Grundschulmitschülerin, die wir gern als Freundin gehabt hätten, mit den freundlichen Lachfalten um die Strahleaugen herum, die auf einem Schulfest als liebenswerte, ungruselige, nahbare Clownin zu uns in die Klasse kam, und die nicht nur für ihr eigenes Kind, sondern für alle Kinder so viel Wärme, Herzlichkeit und Verständnis zu verstrahlen hatte, dass wir das sogar aus der Ferne spüren konnten. So wie Astrid Lindgren, die Bullerbü als Traumort, Ronja als Seelenschwester und mit Lovis eine starke, freigebende, fühlende Mutterfigur in unser Hirn und Herz brachte. So wie die Reitlehrerin, die für jeden Quatsch zu haben war, uns manchmal zu sich mit nach Hause nahm, und die nicht aus uns herausbekam, warum wir sie eines Tages tatsächlich fragten, ob wir nicht bitte bei ihr einziehen könnten, und die diesen Wunsch mit spürbarem Bedauern und nach etwas Nachdenken ablehnte, und sich danach nicht vor uns, dem immer zu viel fordernden Kind und dann wieder ablehnenden Kind, zurückzog. Und so wie die Vertrauenslehrerin, die sich als erste Person nicht von der Fassade des perfekten Elternhauses blenden ließ, die nicht ruhte, bis wir in der Klinik waren, die währenddessen Kontakt zu uns hielt, und bei der zuhause und mit ihren Kindern wir in der Folgezeit mehr Zeit verbrachten als in unserem eigenen Zuhause, und hin und wieder sogar eine Nacht auf dem Sofa. Und die uns als chaotische, unordentliche, manchmal impulsive und herrlich imperfekte Mutter insofern ein Beispiel für eine liebende Mutter war, weil sie ihre Kinder als Menschen ernst nahm und gerade wegen ihrer Unzulänglichkeiten wertschätzte. Sie konnte sich leidenschaftlich über Ungerechtigkeiten aufregen, und wir waren über die Jahre nicht ihr einziges Sorgenkind, und doch war sie die Person, von der ich lernte, dass in allem auch etwas Gutes stecken kann, dass es Werte gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt, und dass man manchmal einfach mitten drin im Elend loslachen kann, über sich selbst und alles.

Wir hatten das Glück, im Jahr 2016 noch Sobonfu Somé kennenlernen zu dürfen, bevor sie 2017 starb. Sobonfu Somé war eine spirituelle Lehrerin vom Volk der Dagaare aus Burkina Faso, die in Europa und den USA Seminare gab, in denen es vor allem um Gemeinschaftssinn und Rituale ging. Sie erzählte von den Big Mamas in ihrer Kultur: Das kann jede Person sein, die sich auch um Kinder kümmert und die eine Haltung des Kümmerns und der Mitverantwortung verkörpert. Dadurch, dass die Big Mama als Rolle fest in der Kultur der Dagaare verankert ist, sind Eltern und Kinder entlastet und stärker in einer größeren Gemeinschaft eingebunden.

Diese Frauen haben einen Unterschied gemacht in unserem Leben, und aus ihren Vorbildern speist sich das innere Bild, aus dem heraus wir versuchen, selbst Mutter für unsere Kinder zu sein, und auch immer mal wieder eine Big Mama, wenn die Kraft dafür reicht. „Mutter sein“ – dieses Sprachbild ist für uns einseitig und sehr verkürzt. Eine Mutter werden wir mit jedem Tag, an dem wir die Beziehung zu unseren Kindern pflegen, an dem wir mit ihnen lernen, an dem wir aktiv teilhaben an dem, was sie beschäftigt, an dem wir all die kleinen, oft stupiden, sich wiederholenden Dinge tun, die zu ihrer Versorgung beitragen, an dem wir Fehler machen, ungerecht und ungeduldig und verletzend sind und uns entschuldigen. Zum Beispiel.

Oder vielleicht ist das auch noch nicht ganz richtig, und wir werden eine Mutter durch das existenzielle Grundvertrauen und den Bindungswillen und die Bindungssehnsucht, ja, die Liebe, die neugeborene Menschen in ihr Sein mitbringen – und das ist ein Privileg und ein Geschenk, und wir bleiben diese Mutter, wenn wir nie vergessen, wie kostbar dieses Geschenk ist, und wenn wir dem kleinen Menschen mit Achtung begegnen.

Wir schreiben an dieser Stelle von biologischer Mutterschaft, weil es unsere Perspektive ist. Aber das Geschriebene gilt für alle, die sich einem Kind so annehmen, dass die Wunderkraft, vertrauen zu können, zu wollen (und zu müssen) eines Kindes sich an sie bindet, und die dieses Geschenk zu würdigen wissen und vor allem beantworten und da sind.

Wir haben immer nach einer Mutter gesucht, und dabei die eine oder andere Big Mama gefunden, zumindest für eine Weile. Ich glaube, es ist Zeit, dass wir uns den Müttertag zurückerobern als einen Tag, an dem wir all die Big Mamas in der Welt feiern – die Menschen, die einen Unterschied machen, weil sie sich auf ihre jeweils eigene Weise kümmern.

Vielesein und Schwangerschaft – Part 1

In der letzten Zeit begegnet uns das Thema Vielesein und Schwangersein oder Schwangerwerden überraschend häufig, und das nehmen wir nun mal zum Anlass, von unseren eigenen Schwangerschaften zu berichten. Über die Verläufe und unseren Umgang damit. Über das, was uns geholfen hat – und was nicht. Über unsere Gefühle. Über die Fragen, die uns bewegt haben und die Lösungen, so wir sie denn gefunden haben.

Und da es dazu sehr viel zu sagen gibt, machen wir eine thematische Reihe daraus. Gerade bin ich selbst gespannt, wie viele Teile das am Ende wohl werden!

Es gibt „historisch“ gesehen viele Zeitpunkte, an denen wir inhaltlich einsteigen könnten – wir nehmen ganz pragmatisch mal den Beginn der Schwangerschaft unseres ersten lebenden Wunschkindes, und berichten in diesem Beitrag auch erstmal nur von dieser. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Diagnose einer DIS seit gut zehn Jahren. Wir waren Anfang 30, mit unserem Partner seit zweieinhalb Jahren zusammen, wir steckten mitten in der Abschlussphase unseres Studiums und in der Therapie waren wir gerade dabei, uns mit den Konditionierungen und der Abrichtung durch die Täterorganisation auseinander zu setzen: Der denkbar entspannteste und idealste Zeitpunkt also, schwanger zu werden!

Tatsächlich hatten wir das zu diesem Zeitpunkt seit eineinhalb Jahren versucht. Aufgrund der erlittenen Gewalt waren wir uns sehr unsicher, ob unser Körper überhaupt noch in der Lage dazu sein würde, ein Kind zu empfangen und auszutragen. Es fühlte sich nie so an, als hätten wir die Zeit, erstmal das Studium zu beenden und unsere Heilung bis zu einem bestimmten Punkt zu bringen, nachdem wir die Entscheidung für ein Kind gemeinsam mit unserem Partner grundsätzlich getroffen hatten. (Diese Überzeugung, im Leben „keine Zeit mehr für“ zu haben, und besser nicht mehr lange zu warten, gehört für uns zu den trauma-bedingten Macken, die wir halt so haben.) Der magische „Bäng!“ zwischen Spermium und Eizelle fand dann in uns zu einem Zeitpunkt statt, als wir körperlich und psychisch ziemlich am Rand waren und die Hoffnung auf „einfach schwanger werden“ gerade aufgegeben hatten. Und so musste dieser kleine, schwer ersehnte und dann doch gar nicht erwartete Minimensch in uns erstmal mit ein paar Kippen, Party und Alkohol zurechtkommen – nach zwei Jahren Vollabstinenz wollten sich einige im System endlich mal wieder was gönnen. Wir hätten uns eigentlich dann schon von dem Anspruch, als Vielemensch eine perfekte Schwangerschaft hinzulegen und eine unstressige Mutter für unser Kind zu sein, verabschieden können. Diese Erkenntnis reift in uns aber erst so ungefähr seit ein paar Monaten – und unser Kind ist jetzt 7 Jahre alt.

In der ersten Schwangerschaft sind wir nach dem Schwangerschaftstest zuhause dann am nächsten Tag gemeinsam mit dem Partner zu unserer Gynäkologin gefahren. Wir konnten es einfach noch nicht ganz glauben, und wir wollten alles richtig machen. Und mussten dann schon in der Praxis die Erfahrung machen, wie schwer es sein kann, in der Schwangerschaft auf die eigene Intuition zu vertrauen und den Körper gegen ungewollte Eingriffe von außen zu verteidigen. Wir wollten keinen vaginalen Ultraschall, weil wir wussten, wie sehr uns das stresst, und weil wir dieses fragile Vielleicht in uns möglichst wenig stören wollten. Daraufhin wollte uns die Sprechstundenhilfe wieder nach Hause schicken. Da war es gut, unseren Partner an der Seite zu haben. Und die Gynäkologin fand unseren Wunsch ganz nachvollziehbar und hat einfach einen Urin- und einen Bluttest gemacht.

Das erste Trimester mit seinen hormonellen Umwälzungen hat uns schwer zu schaffen gemacht. Wir waren durch Dinge getriggert, die wir so nicht erwartet hätten. Besonders dadurch, dass uns permanent, ohne Pause, übel war. Uns übergeben zu dürfen ist uns sehr konsequent abtrainiert worden, und tatsächlich haben wir das kein einziges Mal getan – aber wir fühlten uns konstant so, als müssten wir es jeden Moment. Wir waren unendlich müde und körperlich erschöpft. Und es gab häufige Komplikationen – heftige Unterleibsschmerzen in der 7. Woche, und eine Blutung in der 13. Woche, am Tag nach einer unserer mündlichen Diplom-Prüfungen. Eigentlich konnten wir nie ganz glauben, dass unser Körper die fragilen ersten drei Monate wirklich schaffen würde, und die Angst, das Kind verlieren zu können, hat zu sehr belastenden, sich aufdrängenden Erinnerungen geführt.

Gleichzeitig hat das Schwangersein aber auch ungeahnte Kräfte in uns freigesetzt. Es gab plötzlich ein sehr gemeinsames Ziel, nämlich, dieses Kind so sicher wie nur möglich in uns wachsen zu lassen und es zu beschützen. Jeder weitere Tag des Wachsens in uns wurde mit Staunen wegen dieses Wunders begrüßt. Plötzlich hatten wir gute Gründe, sorgsamer mit uns umzugehen und gut auf den Körper zu hören. Allein schon die Tatsache, dass wir offensichtlich heil genug waren, um schwanger werden zu können, hat dazu beigetragen, ein besseres, näheres Gefühl zu unserem Körper zu haben.

In der Therapie haben wir uns schweren Herzens entschlossen, die Traumaverarbeitung ruhen zu lassen, und die Therapie vor allem dafür zu nutzen, das System in der Schwangerschaft zu stabilisieren und Begleitung und ein Gegenüber zu finden bei allen Befürchtungen und anstehenden Entscheidungen. Allerdings rührte die Schwangerschaft Erinnerungen an eine erste Schwangerschaft in der Jugend wieder auf, die durch die sexualisierte Gewalt entstanden war, dennoch von einigen Innenpersonen gewollt war, und die durch eine illegale Spätabtreibung ebenso gewaltsam beendet worden war, wie sie begonnen hatte. Die Innenperson, die damals die Schwangerschaft hauptsächlich getragen hatte, und sich als die Mutter dieses Kindes sah, hatte nun große Ängste vor einem erneuten Verlust, Angst, sich wieder an ein Kind zu binden, und es brauchte eine sehr liebevolle, achtsame und mitfühlende therapeutische Begleitung für diese Erinnerungen, und für die große Welle an Trauer, die das alles nochmal mit sich brachte. Die wachsende Liebe zu dem wachsenden Wesen in uns war oft getönt durch eine Bittersüße und Trauer, und ein wachsendes (Alltags-)Bewusstsein für und Annehmen davon, dass wir bereits eine verwaiste Mutter waren.

Wir hatten uns früh eine Hebamme gesucht, mit der wir auch die Option hatten, eine Hausgeburt zu machen, und waren ihr gegenüber von Anfang an transparent darüber, dass wir schwere sexualisierte Gewalt überlebt hatten, und auch ein erstes Kind so gewaltsam verloren hatten. Wir hatten uns jedoch dagegen entschieden, ihr von dem Vielesein zu erzählen, weil wir die Befürchtung hatten, dass diese sich dann dagegen entscheiden könnte, uns bei einer Hausgeburt zu begleiten. Und aufgrund unserer ländlichen Lage und der prekären Situation für Hausgeburtshebammen war sie unsere einzige Option für eine begleitete Hausgeburt. Unsere Gynäkologin hat uns in dieser ersten Schwangerschaft wenig gesehen. Es ist möglich, alle Vorsorgeuntersuchungen auch mit einer Hebamme zu machen – außer einem Ultraschall natürlich, aber den braucht es ja auch nicht zwingend.

Im Verlauf der Schwangerschaft wurde immer deutlicher, dass wir aufgrund eines ganzen Blumenstraußes an potentiellen Auslösern so große Ängste vor einer Geburt im Krankenhaus hatten, dass wir ganz klar eine Hausgeburt anstrebten. Trotzdem war uns klar, dass es einen Notfallplan für eine Klinikgeburt brauchte, und so erarbeiteten wir gemeinsam mit unserer Therapeutin, der Hebamme und unserem Partner eine Liste mit möglichst deutlichen Handlungsanweisungen für das Klinikpersonal, und zuoberst mit einer Erklärung darüber, dass wir an einer PTBS litten, und was das konkret für uns im Klinikkontext bedeutete.

Das zweite Trimester war im Großen und Ganzen und trotz allem wunderschön. Es war Sommer. Der Bauch wuchs, und wir konnten schon in der 16. Woche erste Kindsbewegungen spüren. Wir bestaunten unseren Körper und fanden ihn so schön wie noch nie. Die Übelkeit war weg, die Erschöpfung war auch viel weniger geworden. Es gab ein starkes Gefühl von innerer Verbindung zu dem Kind, und wir sprachen viel mit ihm, sangen ihm vor, lauschten in uns hinein. Wir schwammen fast täglich im See um die Ecke, und waren insgesamt so viel wie möglich draußen. Wir waren sehr getragen von der Beziehung zu unserem Partner, und wir festigten die Beziehungen zu anderen nahen Menschen in unserem Leben, von denen drei sogar als Co-Eltern ganz mit uns zu einer Familie zusammenwachsen wollten. Wir entwickelten positive Bilder von einer selbstbestimmten Geburt. Wir fragten eine Freundin, ob sie uns unter der Geburt begleiten wolle, und sie stimmte freudig zu. So sollte das also sein: Mit unserer Hebamme, die uns immer vertrauter wurde, mit unserem Partner und mit dieser Freundin wollten wir zuhause gebären, wenn irgend möglich im Wasser.

Wir hatten viel Unterstützung. Unser Partner, die werdenden Co-Eltern und weitere Freund*innen organisierten all die Dinge, die so gebraucht wurden. Wir hatten dadurch viel Raum, uns um uns selbst zu kümmern, und nebenbei unsere Diplomarbeit voranzutreiben, Interviews dafür durchzuführen und regelmäßig durch ein Viertel der Republik zu fahren, um das Kolloquium an der Uni zu besuchen.

Das letzte Trimester begann mit heftigen Wehen in der 28. Woche, während einer Urlaubsreise. Die beruhigten sich zwar wieder, sogar ohne Krankenhausbesuch, aber das Kind rutschte dadurch schon recht tief ins Becken, und ab dann war die Schwangerschaft körperlich ziemlich beschwerlich. Wir konnten nicht mehr den Weg zu unserer Therapeutin antreten, und weil Telefontermine sich als eher schwierig erwiesen, brach unser Kontakt zu ihr weitestgehend weg. Wir legten notgedrungen auch die Diplomarbeit erstmal auf Eis. An diese letzten Wochen kann ich mich nicht mehr sehr deutlich erinnern – ich glaube, wir waren mit unserer Aufmerksamkeit sehr auf innen gerichtet, und es wuchs Anspannung vor der Geburt. Würden wir wirklich zuhause, in gefühlter Sicherheit, gebären können? Was, wenn wir unter den Schmerzen heftig dissoziieren würden? Wie würden wir unter der Geburt sein?

Und dann kam die 34. Woche, und der Geburtstag unseres Vaters – zu dem wir damals schon seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Dennoch war dieser Tag für uns schon immer schwierig. Ich weiß nicht, ob es an der zusätzlichen inneren Anspannung lag – wir bekamen Wehen. Unsere Hebamme kam, untersuchte uns, und schickte uns unverzüglich ins Krankenhaus. Dort wurde dann vier Tage lang mit allen möglichen Mitteln noch versucht, die Geburt hinauszuzögern. Uns war am ersten Tag vor allen Dingen wichtig, dass unser Kind nicht am gleichen Tag Geburtstag haben sollte wie unser Vater – und natürlich, dass dieses Kind möglichst lebensfähig geboren werden sollte. Wir hatten so viele Ängste vor der Krankenhaussituation gehabt, und dann waren wir so konzentriert darauf, alles für dieses Kind zu tun, dass viel davon in den Hintergrund geriet. Und wir machten gute Erfahrungen mit der Begleitung durch unsere Hebamme, die uns als Beleghebamme dort weiter unterstützen durfte, und die für viel Vermittlung und Abpufferung zwischen uns und dem Routine-System Krankenhaus sorgte.

Sechs Wochen vor dem errechneten Termin wurde unsere Tochter dann letztendlich doch im Krankenhaus geboren. Es war eine spontane vaginale Geburt, und sie war trotz Krankenhaus wunderschön. (Und wir werden darüber noch einmal gesondert schreiben). Allerdings war es auch ein kleines Wunder, und ist allein dem Mut und der Erfahrung unserer Hebamme zu verdanken, dass eine Frühgeburt so selbstbestimmt, ohne ärztliche Einmischung, und nur im Kreis der Hebamme, unseres Partners, der Co-Mutter und der Freundin, im Krankenhaus stattfinden konnte. So gut wie alles an diesem Tag war ein kleines Wunder, und das größte Wunder war dann dieses knapp 40 Zentimeter kleine, weniger als zwei Kilo leichte, aber selbst atmende Zauberwesen, das uns die Hebamme schließlich in die Arme legte, und aus riesengroßen, fragenden, dunklen Kulleraugen anschaute. Das ins uns gewachsen war, nur durch unseren Körper, das wir so lange beschützt und getragen hatten, und das wir selbst in die Welt gebracht haben.

Das war nun also erstmal einfach nur die Erzählung dieser Schwangerschaft. Beim Schreiben sind uns lauter Schwerpunkte eingefallen, über die es sich sicher weiter zu schreiben lohnt: Was hat uns geholfen, die Schwangerschaft relativ selbstbestimmt zu gestalten? Und was hat dazu beigetragen, dass wir die Geburt als selbstbestimmt erleben konnten? Wie haben wir uns konkret auf die Geburt vorbereitet? Wie haben wir das mit den Innenpersonen in der Schwangerschaft geregelt? Wie sind wir mit Ängsten und Triggern umgegangen? Wie und worüber haben wir mit medizinischem Personal und anderen Helfer*innen kommuniziert, und worüber und warum bewusst auch nicht? Darüber werden wir weiterschreiben. Falls euch beim Lesen noch weitere Fragen gekommen sind, oder Anregungen, was euch konkret zum Thema Vielesein und Schwangerschaft interessieren würde, würden wir uns über entsprechende Kommentare sehr freuen.

Am seidenen Faden



Von der kalten Frische der Luft nach draußen gelockt
und am Häusereck stehen geblieben
sehe ich den Mond an.
(Wie) zum ersten Mal.
 
Und ich begreife: Sie hat noch nie den Mond gesehen.
Sein silbriger Schimmer hallt
als Echoschmerz im Herzen
über das, was niemals war.
 
Wie mit Kinderschritten
taumele ich staunend in die Abenddämmerung.
In die Welt.
 
Dort ist
das gelbliche Leuchten der Ähren im blauen Licht.
Das gelbliche Leuchten mit den
eigenen Fingern berühren und das Licht mit dem
Fühlen
zu einem rauen Weich verschmelzen lassen.
 
Kalte Luft an den Körperrändern
schärft die Konturen des
eigenen Seins.
Kalte Luft in den Lungen.
Selber atmen.
Selber leben.
 
Staunen über das Wir-sind-noch-da.
 
Sie drückt eine Hand auf das Gras.
Kalt und fest ist der Grund.
Diese Kälte ist eine lebendige Kälte,
die nach und nach
nach innen dringt,
Schicht für Schicht
Auf unser Warm trifft.
 
Du rollst dich zusammen in mir.
So viel Leben ist noch zu viel.
Aber ich spüre, wie du scheinbar
desinteressiert
die Ohren spitzt
und eine feine Spinnwebe von
Mitfühlen
mit mir erhältst.
Zarter als der seidene Faden
 
an dem unser Weiterleben damals
hing.
Als du für uns gestorben bist.
 
Heute
habe ich das Sterben endlich wieder zu mir genommen.
Heute
haben wir unser Sterben damals
gemeinsam überlebt.
 
Und weil wir heute
endlich
unser Sterben überlebt haben
staune ich so in die Welt.
Und sehe den Mond zum ersten Mal.
 
Als die Nacht sich senkt
warte ich
auf einem Stein.
Achte auf den spinnwebfadenen
Kontakt an meinem Herzen.
Und atme für uns
 
Luft
 
in diese Lungen
die damals so schmerzhaft darum ringen mussten.
 
Mit der Dunkelheit
senkt sich auch Stille
über alles.
 
Und ich erkenne die Stille.
 
Sie ist in allem.
Hinter allem.
 
Sie ist in der Mitte
des Wassers
nach dem Impact
des Tropfens
und breitet sich von dort aus.
 
Sie war inmitten
der schreienden Zellen und
der Schmerzen
und der gnädigen Dunkelheit,
die sich damals senkte
über dich.
 
Sie liegt in der sanften
Hand,
die deinen Rücken
hält,
damit du nicht vergisst,
dass du zurückgekommen
bist.
 
Am seidenen Faden
lasse ich eine Träne zu
dir laufen,
die dir sagt:
Wir sind noch da.
 
Ich bin so froh, dass du da bist.

Ellis Huber: Das Virus, die Menschen und das Leben

Dies scheint uns ein Text zu sein, der eine sachliche, fachlich fundierte Einschätzung der Lage bietet, und der das Geschehen vor allem in den Kontext von sonstigen Erkrankungszahlen und Sterbefallzahlen einordnet. Die Maßnahmen werden verstehbar, aber es wird auch deutlich, dass informierte Menschen und eine selbstorganisierte, mündige Gesellschaft gerade am hilfreichsten sein könnten.

Den letzten Abschnitt finde ich so wertvoll, dass ich ihn hier rebloggen möchte:

„[…]

Soziale Gesundheit

Ein gravierendes Problem allerdings bleibt: Robert Koch, der Namensgeber des RKI, sagte bei seinem Nobelpreis Vortrag zum Beziehungsverhältnis von Krankheitserreger und Menschen: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Der Arzt und Infektiologe Louis Pasteur war der gleichen Meinung: „Das Bakterium ist nichts, das Milieu ist alles.“ Der Sozial- und Umweltmediziner Max von Pettenkofer trank im Jahr 1892 öffentlich eine Flüssigkeit voller Cholerabazillen und blieb gesund. Er wollte zeigen, dass die Lebenswelt der Menschen für die Cholerakrankheit entscheidend sei. Und tatsächlich: Die Infektionskrankheiten wurden nicht durch die Segnungen der Medizin, sondern durch die gesellschaftliche Entwicklung gesunder Lebensverhältnisse besiegt. Pasteur, Virchow, Pettenkofer und Koch, die Helden der naturwissenschaftlichen Medizin, sorgten mit politischer und medizinischer Courage für „saubere Städte“ und gesündere Lebensräume und damit für ein neues Gleichgewicht zwischen Bakterien, Menschen und ihrem Gemeinwesen.

„Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles“, gilt es jetzt zu erkennen. Wir können Glück haben und aus der Corona Krise mit einem Neuen Bewusstsein und einer neuen Beziehungskultur herauskommen. Das Virus spiegelt die Gefahren einer „kontaktreichen Beziehungslosigkeit“ und einer rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen, die das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben. Corona ist ein Menetekel, eine unheilverkündende Warnung vor einem falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Psychosozialer Stress, Ängste, Einsamkeit oder Ausgrenzung schwächen das individuelle und erst recht auch das soziale Immunsystem. Die junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie belegt, dass Lebenszufriedenheit, möglichst viel positive Gefühle, gute Beziehungen, das Gefühl von Durchblick, Selbstbestimmung, Lebenssinn und Geborgenheit in der Gemeinschaft das Immunsystem stärkt und unsere Abwehrkraft gegen Viren oder Bakterien verbessert. In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen.

Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme und unsere Abhängigkeit von anderen Menschen. Jetzt wird sich zeigen, ob unsere offene Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Individualismus hinbekommt. Es geht um ein soziales Bindegewebe, das gesundet und gesundheitsförderlich ausgestaltet ist. Individuelle Gesundheitskompetenz, gesunde Sozialentwicklung und ein neues menschliches Miteinander, also ein heilsames Milieu und achtsame Menschen in solidarischen Gemeinschaften sind die Stichworte für ein Gleichgewicht zwischen Viren, Menschen und ihrem Gemeinwesen. Und es braucht auch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur kommen hinzu. Nicht Wachstum, Nachhaltigkeit ist umzusetzen und Werte, nicht das Geld sind der Maßstab. Den dafür notwendigen Werte-Horizont und die dafür vorhandene Orientierung beschreibt Albert Einstein vortrefflich: „So sehe ich für den Menschen die einzige Chance darin, dass er zwei Einsichten endlich praktisch beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.“

In unserem letzten Blogartikel haben wir über die Wichtigkeit, unsere Gefühle anzuerkennen geschrieben, und ich denke, das ist die Grundlage die es braucht – und dann braucht es aber die „Solidarität nach innen und außen.“ Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, solidarisch mit uns selbst und mit anderen zu sein. Solidarisch mit uns selbst sein zu können, das ist mir übrigens ein vollkommen neuer Gedanke.

Komplextrauma, Covid19 und kollektive Verdrängung

Wir können keine großen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit großer Liebe.

Mutter Teresa

Alles ist anders gerade. Die Welt in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten ist nachhaltig erschüttert. Ständig prasseln neue Informationen, neue Maßnahmen, neue gesellschaftliche Regeln auf alle herein, erfordern eine unglaublich schnelle Anpassung und Flexibilität, wirbeln Familien auf und Existenzen durcheinander, und zwingen alle beständig, Stellung zu beziehen, soziale Entscheidungen zu treffen und sich mehr oder weniger anzupassen. Plötzlich sind die ganz großen Fragen im Raum, und zwar ganz konkret, in jedem einzelnen Leben: Was ist ein Leben wert? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit herzugeben, um Leben zu retten? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit aufzugeben, um nicht massenhaft vor der Entscheidung stehen zu müssen, zu entscheiden, wer Behandlung bekommt, sprich weiterleben darf, und wer nicht? Die jetzt getroffenen Maßnahmen und Einschränkungen sind für viele sehr herausfordernd, aber wie z. Bsp. Paula Rabe hier und der Freitag hier schreibt, für manche Menschen auch existenziell und sogar lebensbedrohlich: Für Kinder in vernachlässigenden, gewaltvollen, haltlosen Familien. Für Frauen in gewalttätigen Beziehungen. Für Menschen mit Psychosen, Depressionen, Angststörungen, komplexen Traumafolgestörungen. Wieviel zusätzliches Trauma, wie viele zusätzliche Tote durch Femizide und Suizide nimmt die Gesellschaft in Kauf? Und nimmt sie diese überhaupt wahr? Wie viel ist ein Leben wert? Was ist ein lebenswertes Leben? Wer schafft es, gut durch diese allgemeine Krise zu kommen, und warum? Es wird niemals einfache Antworten auf diese Fragen geben, und es gibt sie auch jetzt nicht.  

Auch unsere Welt ist in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten nachhaltig erschüttert. Im Außen, in unserem konkreten Alltag, aber auch sehr nachhaltig im Innen.

Wir sind bis ins frühe Erwachsenenalter hinein einer extremen Gehirnwäsche unterzogen worden, die neben anderen Zielen auch darauf zielte, uns zu „neuen Menschen“ zu machen, zu einem funktionierenden Teil einer stählernen Elite, die dann, wenn „der große Weltenwandel“ kommt, in der Lage sein sollte, „die dann nötigen extremen Entscheidungen zu treffen“, um dann die Begründer*innen einer neuen, besseren, überlegenen Menschheit zu sein. Sozialdarwinistischer Kackscheiß eben. Aber tief in uns hinein gefoltert. Früher ging es in unserem Leben ständig um die großen Fragen, um lebens(un)wertes Leben, um erzwungenes Wählen zwischen zwei zerstörerischen Alternativen. Und für manche von uns ging es um ein hartes Training für „die neue Weltordnung“. Und für andere von uns ging es um Gehorchen um jeden Preis, aus Angst.

Wir haben uns bis zu einem gewissen Grad da herausgelöst. Wir haben viel in Kauf genommen dafür, „in Sicherheit“ sein zu können. Eigene Entscheidungen treffen zu können, selbst Denken zu können, keine direkte Gewalt mehr gegen andere anwenden zu müssen und selbst ertragen zu müssen. Unser Leben ist vergleichsweise stabil. Aber gerade wird sehr deutlich, wie prekär diese Stabilität ist. Auf der einen Seite finanziell, und da wir prekär selbstständig sind, belastet uns gerade natürlich auch Existenzangst. Aber es wird sehr deutlich, wie sehr unsere Stabilität auf „so-tun-als-ob“ basierte. Wir haben viel Erfahrung damit, uns selbst zu regulieren. Aber das funktioniert in etwa so: Wenn wir beispielsweise in einer Meditation hören, dass wir die Erde unter uns wahrnehmen sollen, die uns immer sicher trägt, dann tauchen meistens Bilder und Körpergefühle von den Erfahrungen in uns auf, wo sogar das nicht mehr stimmte – weil wir diese Erfahrung machen sollten, als Teil der Abrichtung. Wir registrieren das, schieben es aber weg und fokussieren uns darauf, dass die Erde ja JETZT trägt, in diesem Augenblick. Und müssen dabei auch die tiefsitzende Erwartung wegschieben, dass sich das jeden Augenblick ändern könnte. Und wir können das. Wenn die allermeisten sonstigen Konstanten in unserem Leben uns erzählen, dass sich nicht ständig alles ändert.

Aber jetzt verliert die Welt die gewohnten Konturen. Plötzlich spricht jede*r ständig über die großen Fragen. Plötzlich sind wir von Worten umzingelt wie „Isolation“ und „soziales Experiment“. Plötzlich fangen nahe Menschen um uns herum an, verschwörungstheoretische oder sehr esoterische Inhalte zu vertreten, oder sich zu fragen „wie wir uns gerade am besten auf den Weltenwandel vorbereiten können“, oder aber auch staatlicher als der Staat und polizeilicher als die Polizei selbst zu werden. Aber vor allem: Plötzlich sind fast alle in der Tiefe verunsichert, oder haben wirklich Angst. Und wir riechen und spüren das wie ein Emotionssensor. Und unser eh schon hyperwaches Nervensystem so: Achtung! Achtung! Alle haben Angst, also sind wir in Gefahr!

Und also gucken unsere im Kult groß gewordenen Innenpersonen mal sicherheitshalber genauer hin. Und was gibt es da so zu sehen?

Lauter Menschen, die so tun, als hätten sie keine Angst. Die mit Augen vor uns stehen, in denen man um die Pupille oben und unten noch das Weiße sieht, aber mantraartig und mit angehaltenem Atem wiederholen, dass jetzt Besonnenheit wichtig ist. Menschen, die Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz mit der Polizei drohen. Menschen, die anderen Menschen Angst unterstellen und ihnen damit mangelnde Urteilsfähigkeit unterstellen und die Grundlage gehört zu werden entziehen.

Die Schlussfolgerung, die diese Innenpersonen daraus ziehen ist, aha, alle haben Angst, aber keine*r darf Angst zeigen. Und das bedeutet, dass die Situation wirklich schlimm sein muss. In etwa so wie früher.

Am bedrohlichsten empfinden diese Innenpersonen gerade die Menschen, die in allem gerade hauptsächlich die wunderbaren Möglichkeiten sehen (wollen). Viele der Innenpersonen, die die Gewalt und die Manipulation am stärksten ertragen mussten, sehen sehr genau, was in unserer Gesellschaft gerade alles kaputt geht. Und wer gerade kaputt geht. Für uns fühlt eine solche Haltung sich gerade entweder maximal verdrängend an, oder sehr unreflektiert privilegiert, und für die von den Indoktrinationen am stärksten betroffenen Innenpersonen ist diese Haltung nicht von derjenigen derer, die sie manipuliert haben, unterscheidbar.

Was wir gerade brauchen, dass sind Menschen um uns herum, die zulassen können, und es auch sagen, dass sie verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen, dass sie wütend sind, dass sie erschöpft sind, dass sie ratlos sind. Die all das nicht wegmachen müssen. Die sich also der Realität³ stellen (können). Und die dann sagen, ok, und was machen wir jetzt damit? Was sind die kleinen Dinge, die ich gerade tun kann? Und die das dann mit großer Liebe tun können, weil ihr Herz eben nicht dicht machen muss, um auch die anderen Gefühle nicht zu spüren.

Wir sind keine „neuen Menschen“. Und die braucht es auch nicht. Es braucht die guten alten, fehlbaren, menschelnden Menschen, die ganz kleine Dinge tun, und vielleicht mit ganz großer Liebe, aber ein kleines bisschen Liebe reicht auch.

Was ist Strafe?

Philosophischer Diskurs mit meinem vierjährigen Sohn beim Einschlafen.

[…]

Er: Was ist Strafe?

Plötzlich ziemlich laute Kommentare dazu in meinem Kopf. Und drastische Bilder. Ja, manche von uns hätten zu dem Thema einiges zu sagen.

Ich: Strafe, das geht so: Wenn ein Mensch einem anderen Menschen etwas antut, zum Beispiel ihm sehr wehtut, oder etwas Wichtiges von ihm kaputt macht, oder ihm etwas Wertvolles wegnimmt, und vor allem, wenn er das mit Absicht macht. Dann muss dieser Mensch das vielleicht bezahlen, und es so gut es geht wieder gut machen, und Strafe meint dann auch, dass dieser Mensch selbst auch etwas erleben soll, was für ihn schlimm ist, damit er das dann hoffentlich nicht nochmal macht.

(Yes, of course ist das verkürzt und kritiklos, aber mein Sohn ist erst vier und möchte gerade vor allem verstehen, wie die Dinge im Allgemeinen laufen.)

Er: Und wenn man ins Gefängnis muss, ist das dann auch eine Strafe?

Ich: Ja, sogar eine ziemlich schlimme. Stell dir mal vor, ich müsste ins Gefängnis, und könnte für eine lange Zeit nie bei euch sein, und müsste immer, immer in einem großen Haus eingesperrt sein, und vielleicht sogar meistens immer in einem kleinen Zimmer, und dürfte da nie raus, das wäre doch schlimm, oder?

Er nickt.

Ich: Ins Gefängnis müssen Menschen aber meistens nur dann, wenn sie etwas wirklich Schlimmes gemacht haben.

Er: Wenn sie Räuber sind und anderen Menschen etwas stehlen?

Ich: Ja, wenn sie dabei den Menschen große Angst machen, oder ihnen dabei weh tun, oder wenn sie sehr wertvolle Sachen stehlen.

Er: Und wenn Menschen andere Menschen töten?

Ich: Ja, dann müssen sie auf jeden Fall ins Gefängnis.

Innen läuft mittlerweile einiges an zynischen Parallelkommentaren. Ich versuche, sie zu ignorieren.

Er: Und wenn alle Menschen auf der ganzen Welt das machen würden, andere Menschen zu töten? Sind dann alle im Gefängnis? Und wer passt dann auf die Leute im Gefängnis auf? Und gibt es dann noch Polizisten?

Ich (mal kurz sprachlos): Äh…Ich glaube, wenn das wäre, dann wäre die ganze Welt wie ein schreckliches Gefängnis. Aber ich glaube, dass die allermeisten Menschen auf der Welt das wirklich nicht wollen, anderen Menschen so weh zu tun.

Er: Aber wir und andere Menschen, die wir liebhaben, die haben das noch nie gemacht, einen Menschen zu töten, oder?

Ich bin ein plötzlich abstürzender Fahrstuhl. Mein Magen dreht sich um, und mit uns stürzen Bilder über Bilder in den tiefen Schacht. Geräusche in meinen Ohren. Dröhnen im Kopf. Ich spüre, wie ich einfriere.

Mein Mund sagt: Nein, wir haben das noch nie gemacht.

Er kuschelt sich zufrieden in meinen Arm, und schläft sofort ein.

Ich halte mich an ihm fest, am Hier, an seinen tiefer werdenden Atemzügen, am Duft seiner Haare, an seiner kleinen Wärme. Und kämpfe gegen die von innen anbrandenden Wellen. Und ich weiß, es gibt keine einfachen Antworten auf seine letzte Frage. Und fürchte mich vor dem Tag, an dem er alt genug ist, schwierige Antworten zu hören. Wird es dafür je einen richtigen Tag geben? Und wird es jemals richtige Antworten geben? Und können wir angesichts solcher Fragen überhaupt richtig handeln?

Faschist*innen und Polizei oder Täter*-Opfer-Bindung oder was wir alles für Demos Nützliches durch die Traumatisierungen gelernt haben

„Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Kofi Annan

Neulich waren wir auf einer politischen Demonstration gegen einen Auftritt zweier Mitglieder der AfD, von denen der eine aufgrund seiner dokumentierten Äußerungen mit Gerichtsbeschluss Faschist genannt werden darf.

Uns war schon im Vorhinein bewusst, dass die Demonstration von einem hohen Polizeiaufgebot permanent begleitet werden würde, und dass die begleitenden Polizist*innen zudem sehr stark gepanzert und deutlich sichtbar bewaffnet auftreten würden. Und wir wissen auch, dass uns das grundsätzlich großen Stress bereitet und permanent Assoziationen an erlebte Gewalt auslöst. Insofern hatten wir im Vorfeld wachsende Unruhe und auch ein paar noch etwas schlechtere Nächte. Gleichzeitig ist es uns aber sehr wichtig, unsere Möglichkeiten wahrzunehmen, zu einer demokratischen, offenen, antifaschistischen Gesellschaft beizutragen. Gerade vor dem Hintergrund unserer rituellen Gewalterfahrungen. Und deshalb gehen wir, wenn es unser Gesamtzustand zulässt, zu solchen Veranstaltungen hin.

Wenn wir gehen, dann nicht allein, sondern immer mit mindestens einer Person, mit der wir uns auch vorher weitmöglichst darüber absprechen, wie wir handeln wollen, speziell, wenn die Atmosphäre aggressiv wird oder es zu Gewalthandlungen kommt. Und wir versuchen, uns im Inneren vorher abzusprechen, und wir versuchen auch, zu dieser Veranstaltung so sortiert zu gehen, dass nur bestimmte Innenpersonen im Außen oder in Außennähe sind. Und für uns ist klar, dass wir keine Gewalt anwenden werden, und uns grundsätzlich deeskalierend und friedensstiftend verhalten.

Wenn wir wissen, dass bestimmte Bilder auf uns zukommen werden, dann hauen die uns auch nicht so um. Ein einziger Polizist in Uniform im Zug, mit sichtbarer Waffe im Halfter, kann uns da viel leichter mal die Lampen ausschießen (haha). Wir akklimatisierten uns also langsam während der Demo, und als wir dann am Kundgebungsort/Veranstaltungsort der rechtsgerichteten Partei eintrafen, waren wir in einem Zustand mit deutlich aktiviertem Nervensystem, aber auch gleichzeitig sehr konzentriert und ruhig. Wir haben die Polizist*innen in Kampfmontur, von denen einige so vermummt waren, dass nur noch Augen und Nase sichtbar waren, sogar nicht mehr allesamt als Feind*innen gesehen, (wie das sonst passieren kann, wenn wir Angst haben), sondern differenzierter betrachten können. Als wir einige der Besucher der Veranstaltung, die in deutlich aggressiv-„männlichem“-Kampfgehabe auftraten, auf der anderen Seite der Absperrungen sahen, waren wir auch ganz froh über diesen menschlichen Puffer zwischen den Fronten. Und gleichzeitig – diese Präsenz von martialisch verkleideten Menschen trägt so stark zu einer Bedrohungsatmosphäre bei, und dabei bestand die Kundgebung zu sicher 90 Prozent aus definitiv friedlichen, sehr bürgerlichen Menschen. Es waren viele Kinder und sehr viele ältere Menschen und auch Menschen mit Behinderungen dabei.

Eine ganze Anzahl von Polizist*innen war sehr nah dran an uns Menschen bei der Kundgebung und sichtbar bereit, jederzeit einzuschreiten. Einige hatten permanent einen Schlagstock in der Hand. Wir checken in solchen Situationen automatisch total viele Details, und gleichzeitig die Gesamtatmosphäre. Wir hatten schnell klar, dass die meisten der Polizist*innen direkt um uns herum selbst angespannt und nervös waren, einige waren dennoch grundsätzlich freundlich oder neutral, einige wirkten genervt. Es fiel uns jedoch sofort einer auf, der von sich aus aggressiv wirkte. Es lag an etwas in seiner gesamten Haltung und vor allem in seinem Blick, das wir nicht mit Worten beschreiben können, das uns aber sofort klar machte, dass etwas in seiner Grundhaltung mit der Grausamkeit unserer Täter korrespondiert.

Unser permanent laufendes inneres Radar hat uns über mehrere Stunden immer wieder genau dann zu einem Ort geführt, wenn dort eine Eskalation begann. Und dann sind Innenpersonen im Außen (ich will dauernd „an der Front“ schreiben, aber wir waren ja nicht im Krieg!), die einen festen Stand haben, die die Handflächen ausstrecken, die zu Teilnehmenden und Polizist*innen Worte sagen, die die Situation runterkochen, die es einstecken können, auch mal von einem Polizisten zur Seite geschoben zu werden, und dabei weiter deeskalieren, ohne selbst aggressiv zu werden. Und die irgendwie genau wissen, wie weit sie gehen können, weil sie die Gewaltbereitschaft und Machtausübungsbereitschaft der Gegenüber gut einschätzen können. Die sich und andere zumindest ein bisschen schützen können.

Mit dem Polizisten, der in unserer Wahrnehmung Täterpotenzial hatte, hatten wir drei direkte Begegnungen. Nachdem wir einmal verbal deeskaliert hatten, gab es einen direkten Augenkontakt zwischen uns. Und es passierte etwas Merkwürdiges, was mich bis heute auch noch beschäftigt. Es gab so etwas wie ein Erkennen. So, als würde er wissen, was wir in ihm erkannt haben, und als würde er aber auch in uns etwas erkennen, was wir wiederum wissen. Und es war etwas in dieser Dynamik, was wir von früher kennen. Es gab wie eine Täter*-Opfer-Bindung plötzlich zwischen uns. Fast schon wie ein Versprechen von Gewalt. So, als würde ein Schlüssel ins Schloss einrasten. Es ist eine Art undefinierbarer energetischer Austausch, und wir kennen diesen Moment sehr gut von früher, wenn es Auswahlsituationen gab, und dann manchmal genau so etwas entstand, und irgendeiner Instanz in uns klar war, dass „unser Schicksal besiegelt“ war. Mit dem großen Unterschied, dass wir jetzt erwachsen sind und vollkommen andere Handlungsmöglichkeiten haben. Insofern stimmte es auch direkt in der Situation schon nicht, diese „Beziehung“ als Täter*-Opfer-Bindung zu bezeichnen.

Kurze Zeit später war es dieser Polizist, der uns von hinten kommend unnötig ruppig zur Seite schob.

Und noch etwas später war es dieser Polizist, der aus der Reihe der Polizist*innen plötzlich ohne Vorankündigung über mehrere Meter mit einer offenen Taschenmesserklinge auf uns zustürmte und ein dünnes Seil, mit dem wir ein Transparent hochhielten, nur wenige Zentimeter vor unseren Fingern durchschnitt. Obwohl er das genauso gut mit einem oder sogar zwei Metern Abstand hätte machen können. Und dieser Moment, sein Atem in unserem Gesicht, und die blau blitzende Klinge direkt vor unseren Fingern, ist das, was sich nachhaltig in unser Nervensystem gefressen hat. Was sich abends im Bett vor unseren Augen gedreht hat, was in unseren Träumen noch vorkommt, was uns auch morgens noch beschäftigt. Und seine Augen. Dieser Moment, wo sich unsere Blicke kurz fest saugten. Tatsächlich erinnern wir kein einziges Gesicht der anderen Polizist*innen so, dass wir sie wiedererkennen würden, aber seines schon. Doch, stimmt nicht, auch noch das von seinem „Gehilfen“. Es gab nämlich einen jungen Polizisten, der immer an seiner Seite war und wie ein Schatten immer genau das tat, was er tat, oder was er wollte.

Ja – was ist es, was wir im Früher oder danach Nützliches gelernt haben für politische Demonstrationen im Heute? Wir können Menschen und ihre Absichten ziemlich glasklar lesen, und speziell dann, wenn sich Gewaltpotenzial entwickelt. Wir können Atmosphären lesen, und wo im Raum sich Gewaltpotenziale atmosphärisch hinbewegen, und wo sie sich Richtung Eskalation bewegen. Wir haben notwendigerweise Techniken gelernt, mit Angst, Panik und Wut umzugehen. Wir können – in gewissen Grenzen – Retraumatisierungen in Kauf nehmen, wenn uns ein Ziel wichtig ist. Das Wichtigste jedoch, was wir gelernt haben, ist, dass wir unter keinen Umständen Gewalt bewusst als Machtmittel einsetzen, und dass wir, wenn wir es können, uns dem entgegenstellen, wenn andere das tun. Und diese Klarheit macht uns heute zu einem ganz anderen Gegenüber, und verleiht uns heute Handlungsmacht.