Vielesein und Schwangerschaft – Part 1

In der letzten Zeit begegnet uns das Thema Vielesein und Schwangersein oder Schwangerwerden überraschend häufig, und das nehmen wir nun mal zum Anlass, von unseren eigenen Schwangerschaften zu berichten. Über die Verläufe und unseren Umgang damit. Über das, was uns geholfen hat – und was nicht. Über unsere Gefühle. Über die Fragen, die uns bewegt haben und die Lösungen, so wir sie denn gefunden haben.

Und da es dazu sehr viel zu sagen gibt, machen wir eine thematische Reihe daraus. Gerade bin ich selbst gespannt, wie viele Teile das am Ende wohl werden!

Es gibt „historisch“ gesehen viele Zeitpunkte, an denen wir inhaltlich einsteigen könnten – wir nehmen ganz pragmatisch mal den Beginn der Schwangerschaft unseres ersten lebenden Wunschkindes, und berichten in diesem Beitrag auch erstmal nur von dieser. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Diagnose einer DIS seit gut zehn Jahren. Wir waren Anfang 30, mit unserem Partner seit zweieinhalb Jahren zusammen, wir steckten mitten in der Abschlussphase unseres Studiums und in der Therapie waren wir gerade dabei, uns mit den Konditionierungen und der Abrichtung durch die Täterorganisation auseinander zu setzen: Der denkbar entspannteste und idealste Zeitpunkt also, schwanger zu werden!

Tatsächlich hatten wir das zu diesem Zeitpunkt seit eineinhalb Jahren versucht. Aufgrund der erlittenen Gewalt waren wir uns sehr unsicher, ob unser Körper überhaupt noch in der Lage dazu sein würde, ein Kind zu empfangen und auszutragen. Es fühlte sich nie so an, als hätten wir die Zeit, erstmal das Studium zu beenden und unsere Heilung bis zu einem bestimmten Punkt zu bringen, nachdem wir die Entscheidung für ein Kind gemeinsam mit unserem Partner grundsätzlich getroffen hatten. (Diese Überzeugung, im Leben „keine Zeit mehr für“ zu haben, und besser nicht mehr lange zu warten, gehört für uns zu den trauma-bedingten Macken, die wir halt so haben.) Der magische „Bäng!“ zwischen Spermium und Eizelle fand dann in uns zu einem Zeitpunkt statt, als wir körperlich und psychisch ziemlich am Rand waren und die Hoffnung auf „einfach schwanger werden“ gerade aufgegeben hatten. Und so musste dieser kleine, schwer ersehnte und dann doch gar nicht erwartete Minimensch in uns erstmal mit ein paar Kippen, Party und Alkohol zurechtkommen – nach zwei Jahren Vollabstinenz wollten sich einige im System endlich mal wieder was gönnen. Wir hätten uns eigentlich dann schon von dem Anspruch, als Vielemensch eine perfekte Schwangerschaft hinzulegen und eine unstressige Mutter für unser Kind zu sein, verabschieden können. Diese Erkenntnis reift in uns aber erst so ungefähr seit ein paar Monaten – und unser Kind ist jetzt 7 Jahre alt.

In der ersten Schwangerschaft sind wir nach dem Schwangerschaftstest zuhause dann am nächsten Tag gemeinsam mit dem Partner zu unserer Gynäkologin gefahren. Wir konnten es einfach noch nicht ganz glauben, und wir wollten alles richtig machen. Und mussten dann schon in der Praxis die Erfahrung machen, wie schwer es sein kann, in der Schwangerschaft auf die eigene Intuition zu vertrauen und den Körper gegen ungewollte Eingriffe von außen zu verteidigen. Wir wollten keinen vaginalen Ultraschall, weil wir wussten, wie sehr uns das stresst, und weil wir dieses fragile Vielleicht in uns möglichst wenig stören wollten. Daraufhin wollte uns die Sprechstundenhilfe wieder nach Hause schicken. Da war es gut, unseren Partner an der Seite zu haben. Und die Gynäkologin fand unseren Wunsch ganz nachvollziehbar und hat einfach einen Urin- und einen Bluttest gemacht.

Das erste Trimester mit seinen hormonellen Umwälzungen hat uns schwer zu schaffen gemacht. Wir waren durch Dinge getriggert, die wir so nicht erwartet hätten. Besonders dadurch, dass uns permanent, ohne Pause, übel war. Uns übergeben zu dürfen ist uns sehr konsequent abtrainiert worden, und tatsächlich haben wir das kein einziges Mal getan – aber wir fühlten uns konstant so, als müssten wir es jeden Moment. Wir waren unendlich müde und körperlich erschöpft. Und es gab häufige Komplikationen – heftige Unterleibsschmerzen in der 7. Woche, und eine Blutung in der 13. Woche, am Tag nach einer unserer mündlichen Diplom-Prüfungen. Eigentlich konnten wir nie ganz glauben, dass unser Körper die fragilen ersten drei Monate wirklich schaffen würde, und die Angst, das Kind verlieren zu können, hat zu sehr belastenden, sich aufdrängenden Erinnerungen geführt.

Gleichzeitig hat das Schwangersein aber auch ungeahnte Kräfte in uns freigesetzt. Es gab plötzlich ein sehr gemeinsames Ziel, nämlich, dieses Kind so sicher wie nur möglich in uns wachsen zu lassen und es zu beschützen. Jeder weitere Tag des Wachsens in uns wurde mit Staunen wegen dieses Wunders begrüßt. Plötzlich hatten wir gute Gründe, sorgsamer mit uns umzugehen und gut auf den Körper zu hören. Allein schon die Tatsache, dass wir offensichtlich heil genug waren, um schwanger werden zu können, hat dazu beigetragen, ein besseres, näheres Gefühl zu unserem Körper zu haben.

In der Therapie haben wir uns schweren Herzens entschlossen, die Traumaverarbeitung ruhen zu lassen, und die Therapie vor allem dafür zu nutzen, das System in der Schwangerschaft zu stabilisieren und Begleitung und ein Gegenüber zu finden bei allen Befürchtungen und anstehenden Entscheidungen. Allerdings rührte die Schwangerschaft Erinnerungen an eine erste Schwangerschaft in der Jugend wieder auf, die durch die sexualisierte Gewalt entstanden war, dennoch von einigen Innenpersonen gewollt war, und die durch eine illegale Spätabtreibung ebenso gewaltsam beendet worden war, wie sie begonnen hatte. Die Innenperson, die damals die Schwangerschaft hauptsächlich getragen hatte, und sich als die Mutter dieses Kindes sah, hatte nun große Ängste vor einem erneuten Verlust, Angst, sich wieder an ein Kind zu binden, und es brauchte eine sehr liebevolle, achtsame und mitfühlende therapeutische Begleitung für diese Erinnerungen, und für die große Welle an Trauer, die das alles nochmal mit sich brachte. Die wachsende Liebe zu dem wachsenden Wesen in uns war oft getönt durch eine Bittersüße und Trauer, und ein wachsendes (Alltags-)Bewusstsein für und Annehmen davon, dass wir bereits eine verwaiste Mutter waren.

Wir hatten uns früh eine Hebamme gesucht, mit der wir auch die Option hatten, eine Hausgeburt zu machen, und waren ihr gegenüber von Anfang an transparent darüber, dass wir schwere sexualisierte Gewalt überlebt hatten, und auch ein erstes Kind so gewaltsam verloren hatten. Wir hatten uns jedoch dagegen entschieden, ihr von dem Vielesein zu erzählen, weil wir die Befürchtung hatten, dass diese sich dann dagegen entscheiden könnte, uns bei einer Hausgeburt zu begleiten. Und aufgrund unserer ländlichen Lage und der prekären Situation für Hausgeburtshebammen war sie unsere einzige Option für eine begleitete Hausgeburt. Unsere Gynäkologin hat uns in dieser ersten Schwangerschaft wenig gesehen. Es ist möglich, alle Vorsorgeuntersuchungen auch mit einer Hebamme zu machen – außer einem Ultraschall natürlich, aber den braucht es ja auch nicht zwingend.

Im Verlauf der Schwangerschaft wurde immer deutlicher, dass wir aufgrund eines ganzen Blumenstraußes an potentiellen Auslösern so große Ängste vor einer Geburt im Krankenhaus hatten, dass wir ganz klar eine Hausgeburt anstrebten. Trotzdem war uns klar, dass es einen Notfallplan für eine Klinikgeburt brauchte, und so erarbeiteten wir gemeinsam mit unserer Therapeutin, der Hebamme und unserem Partner eine Liste mit möglichst deutlichen Handlungsanweisungen für das Klinikpersonal, und zuoberst mit einer Erklärung darüber, dass wir an einer PTBS litten, und was das konkret für uns im Klinikkontext bedeutete.

Das zweite Trimester war im Großen und Ganzen und trotz allem wunderschön. Es war Sommer. Der Bauch wuchs, und wir konnten schon in der 16. Woche erste Kindsbewegungen spüren. Wir bestaunten unseren Körper und fanden ihn so schön wie noch nie. Die Übelkeit war weg, die Erschöpfung war auch viel weniger geworden. Es gab ein starkes Gefühl von innerer Verbindung zu dem Kind, und wir sprachen viel mit ihm, sangen ihm vor, lauschten in uns hinein. Wir schwammen fast täglich im See um die Ecke, und waren insgesamt so viel wie möglich draußen. Wir waren sehr getragen von der Beziehung zu unserem Partner, und wir festigten die Beziehungen zu anderen nahen Menschen in unserem Leben, von denen drei sogar als Co-Eltern ganz mit uns zu einer Familie zusammenwachsen wollten. Wir entwickelten positive Bilder von einer selbstbestimmten Geburt. Wir fragten eine Freundin, ob sie uns unter der Geburt begleiten wolle, und sie stimmte freudig zu. So sollte das also sein: Mit unserer Hebamme, die uns immer vertrauter wurde, mit unserem Partner und mit dieser Freundin wollten wir zuhause gebären, wenn irgend möglich im Wasser.

Wir hatten viel Unterstützung. Unser Partner, die werdenden Co-Eltern und weitere Freund*innen organisierten all die Dinge, die so gebraucht wurden. Wir hatten dadurch viel Raum, uns um uns selbst zu kümmern, und nebenbei unsere Diplomarbeit voranzutreiben, Interviews dafür durchzuführen und regelmäßig durch ein Viertel der Republik zu fahren, um das Kolloquium an der Uni zu besuchen.

Das letzte Trimester begann mit heftigen Wehen in der 28. Woche, während einer Urlaubsreise. Die beruhigten sich zwar wieder, sogar ohne Krankenhausbesuch, aber das Kind rutschte dadurch schon recht tief ins Becken, und ab dann war die Schwangerschaft körperlich ziemlich beschwerlich. Wir konnten nicht mehr den Weg zu unserer Therapeutin antreten, und weil Telefontermine sich als eher schwierig erwiesen, brach unser Kontakt zu ihr weitestgehend weg. Wir legten notgedrungen auch die Diplomarbeit erstmal auf Eis. An diese letzten Wochen kann ich mich nicht mehr sehr deutlich erinnern – ich glaube, wir waren mit unserer Aufmerksamkeit sehr auf innen gerichtet, und es wuchs Anspannung vor der Geburt. Würden wir wirklich zuhause, in gefühlter Sicherheit, gebären können? Was, wenn wir unter den Schmerzen heftig dissoziieren würden? Wie würden wir unter der Geburt sein?

Und dann kam die 34. Woche, und der Geburtstag unseres Vaters – zu dem wir damals schon seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Dennoch war dieser Tag für uns schon immer schwierig. Ich weiß nicht, ob es an der zusätzlichen inneren Anspannung lag – wir bekamen Wehen. Unsere Hebamme kam, untersuchte uns, und schickte uns unverzüglich ins Krankenhaus. Dort wurde dann vier Tage lang mit allen möglichen Mitteln noch versucht, die Geburt hinauszuzögern. Uns war am ersten Tag vor allen Dingen wichtig, dass unser Kind nicht am gleichen Tag Geburtstag haben sollte wie unser Vater – und natürlich, dass dieses Kind möglichst lebensfähig geboren werden sollte. Wir hatten so viele Ängste vor der Krankenhaussituation gehabt, und dann waren wir so konzentriert darauf, alles für dieses Kind zu tun, dass viel davon in den Hintergrund geriet. Und wir machten gute Erfahrungen mit der Begleitung durch unsere Hebamme, die uns als Beleghebamme dort weiter unterstützen durfte, und die für viel Vermittlung und Abpufferung zwischen uns und dem Routine-System Krankenhaus sorgte.

Sechs Wochen vor dem errechneten Termin wurde unsere Tochter dann letztendlich doch im Krankenhaus geboren. Es war eine spontane vaginale Geburt, und sie war trotz Krankenhaus wunderschön. (Und wir werden darüber noch einmal gesondert schreiben). Allerdings war es auch ein kleines Wunder, und ist allein dem Mut und der Erfahrung unserer Hebamme zu verdanken, dass eine Frühgeburt so selbstbestimmt, ohne ärztliche Einmischung, und nur im Kreis der Hebamme, unseres Partners, der Co-Mutter und der Freundin, im Krankenhaus stattfinden konnte. So gut wie alles an diesem Tag war ein kleines Wunder, und das größte Wunder war dann dieses knapp 40 Zentimeter kleine, weniger als zwei Kilo leichte, aber selbst atmende Zauberwesen, das uns die Hebamme schließlich in die Arme legte, und aus riesengroßen, fragenden, dunklen Kulleraugen anschaute. Das ins uns gewachsen war, nur durch unseren Körper, das wir so lange beschützt und getragen hatten, und das wir selbst in die Welt gebracht haben.

Das war nun also erstmal einfach nur die Erzählung dieser Schwangerschaft. Beim Schreiben sind uns lauter Schwerpunkte eingefallen, über die es sich sicher weiter zu schreiben lohnt: Was hat uns geholfen, die Schwangerschaft relativ selbstbestimmt zu gestalten? Und was hat dazu beigetragen, dass wir die Geburt als selbstbestimmt erleben konnten? Wie haben wir uns konkret auf die Geburt vorbereitet? Wie haben wir das mit den Innenpersonen in der Schwangerschaft geregelt? Wie sind wir mit Ängsten und Triggern umgegangen? Wie und worüber haben wir mit medizinischem Personal und anderen Helfer*innen kommuniziert, und worüber und warum bewusst auch nicht? Darüber werden wir weiterschreiben. Falls euch beim Lesen noch weitere Fragen gekommen sind, oder Anregungen, was euch konkret zum Thema Vielesein und Schwangerschaft interessieren würde, würden wir uns über entsprechende Kommentare sehr freuen.

Komplextrauma, Covid19 und kollektive Verdrängung

Wir können keine großen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit großer Liebe.

Mutter Teresa

Alles ist anders gerade. Die Welt in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten ist nachhaltig erschüttert. Ständig prasseln neue Informationen, neue Maßnahmen, neue gesellschaftliche Regeln auf alle herein, erfordern eine unglaublich schnelle Anpassung und Flexibilität, wirbeln Familien auf und Existenzen durcheinander, und zwingen alle beständig, Stellung zu beziehen, soziale Entscheidungen zu treffen und sich mehr oder weniger anzupassen. Plötzlich sind die ganz großen Fragen im Raum, und zwar ganz konkret, in jedem einzelnen Leben: Was ist ein Leben wert? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit herzugeben, um Leben zu retten? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit aufzugeben, um nicht massenhaft vor der Entscheidung stehen zu müssen, zu entscheiden, wer Behandlung bekommt, sprich weiterleben darf, und wer nicht? Die jetzt getroffenen Maßnahmen und Einschränkungen sind für viele sehr herausfordernd, aber wie z. Bsp. Paula Rabe hier und der Freitag hier schreibt, für manche Menschen auch existenziell und sogar lebensbedrohlich: Für Kinder in vernachlässigenden, gewaltvollen, haltlosen Familien. Für Frauen in gewalttätigen Beziehungen. Für Menschen mit Psychosen, Depressionen, Angststörungen, komplexen Traumafolgestörungen. Wieviel zusätzliches Trauma, wie viele zusätzliche Tote durch Femizide und Suizide nimmt die Gesellschaft in Kauf? Und nimmt sie diese überhaupt wahr? Wie viel ist ein Leben wert? Was ist ein lebenswertes Leben? Wer schafft es, gut durch diese allgemeine Krise zu kommen, und warum? Es wird niemals einfache Antworten auf diese Fragen geben, und es gibt sie auch jetzt nicht.  

Auch unsere Welt ist in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten nachhaltig erschüttert. Im Außen, in unserem konkreten Alltag, aber auch sehr nachhaltig im Innen.

Wir sind bis ins frühe Erwachsenenalter hinein einer extremen Gehirnwäsche unterzogen worden, die neben anderen Zielen auch darauf zielte, uns zu „neuen Menschen“ zu machen, zu einem funktionierenden Teil einer stählernen Elite, die dann, wenn „der große Weltenwandel“ kommt, in der Lage sein sollte, „die dann nötigen extremen Entscheidungen zu treffen“, um dann die Begründer*innen einer neuen, besseren, überlegenen Menschheit zu sein. Sozialdarwinistischer Kackscheiß eben. Aber tief in uns hinein gefoltert. Früher ging es in unserem Leben ständig um die großen Fragen, um lebens(un)wertes Leben, um erzwungenes Wählen zwischen zwei zerstörerischen Alternativen. Und für manche von uns ging es um ein hartes Training für „die neue Weltordnung“. Und für andere von uns ging es um Gehorchen um jeden Preis, aus Angst.

Wir haben uns bis zu einem gewissen Grad da herausgelöst. Wir haben viel in Kauf genommen dafür, „in Sicherheit“ sein zu können. Eigene Entscheidungen treffen zu können, selbst Denken zu können, keine direkte Gewalt mehr gegen andere anwenden zu müssen und selbst ertragen zu müssen. Unser Leben ist vergleichsweise stabil. Aber gerade wird sehr deutlich, wie prekär diese Stabilität ist. Auf der einen Seite finanziell, und da wir prekär selbstständig sind, belastet uns gerade natürlich auch Existenzangst. Aber es wird sehr deutlich, wie sehr unsere Stabilität auf „so-tun-als-ob“ basierte. Wir haben viel Erfahrung damit, uns selbst zu regulieren. Aber das funktioniert in etwa so: Wenn wir beispielsweise in einer Meditation hören, dass wir die Erde unter uns wahrnehmen sollen, die uns immer sicher trägt, dann tauchen meistens Bilder und Körpergefühle von den Erfahrungen in uns auf, wo sogar das nicht mehr stimmte – weil wir diese Erfahrung machen sollten, als Teil der Abrichtung. Wir registrieren das, schieben es aber weg und fokussieren uns darauf, dass die Erde ja JETZT trägt, in diesem Augenblick. Und müssen dabei auch die tiefsitzende Erwartung wegschieben, dass sich das jeden Augenblick ändern könnte. Und wir können das. Wenn die allermeisten sonstigen Konstanten in unserem Leben uns erzählen, dass sich nicht ständig alles ändert.

Aber jetzt verliert die Welt die gewohnten Konturen. Plötzlich spricht jede*r ständig über die großen Fragen. Plötzlich sind wir von Worten umzingelt wie „Isolation“ und „soziales Experiment“. Plötzlich fangen nahe Menschen um uns herum an, verschwörungstheoretische oder sehr esoterische Inhalte zu vertreten, oder sich zu fragen „wie wir uns gerade am besten auf den Weltenwandel vorbereiten können“, oder aber auch staatlicher als der Staat und polizeilicher als die Polizei selbst zu werden. Aber vor allem: Plötzlich sind fast alle in der Tiefe verunsichert, oder haben wirklich Angst. Und wir riechen und spüren das wie ein Emotionssensor. Und unser eh schon hyperwaches Nervensystem so: Achtung! Achtung! Alle haben Angst, also sind wir in Gefahr!

Und also gucken unsere im Kult groß gewordenen Innenpersonen mal sicherheitshalber genauer hin. Und was gibt es da so zu sehen?

Lauter Menschen, die so tun, als hätten sie keine Angst. Die mit Augen vor uns stehen, in denen man um die Pupille oben und unten noch das Weiße sieht, aber mantraartig und mit angehaltenem Atem wiederholen, dass jetzt Besonnenheit wichtig ist. Menschen, die Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz mit der Polizei drohen. Menschen, die anderen Menschen Angst unterstellen und ihnen damit mangelnde Urteilsfähigkeit unterstellen und die Grundlage gehört zu werden entziehen.

Die Schlussfolgerung, die diese Innenpersonen daraus ziehen ist, aha, alle haben Angst, aber keine*r darf Angst zeigen. Und das bedeutet, dass die Situation wirklich schlimm sein muss. In etwa so wie früher.

Am bedrohlichsten empfinden diese Innenpersonen gerade die Menschen, die in allem gerade hauptsächlich die wunderbaren Möglichkeiten sehen (wollen). Viele der Innenpersonen, die die Gewalt und die Manipulation am stärksten ertragen mussten, sehen sehr genau, was in unserer Gesellschaft gerade alles kaputt geht. Und wer gerade kaputt geht. Für uns fühlt eine solche Haltung sich gerade entweder maximal verdrängend an, oder sehr unreflektiert privilegiert, und für die von den Indoktrinationen am stärksten betroffenen Innenpersonen ist diese Haltung nicht von derjenigen derer, die sie manipuliert haben, unterscheidbar.

Was wir gerade brauchen, dass sind Menschen um uns herum, die zulassen können, und es auch sagen, dass sie verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen, dass sie wütend sind, dass sie erschöpft sind, dass sie ratlos sind. Die all das nicht wegmachen müssen. Die sich also der Realität³ stellen (können). Und die dann sagen, ok, und was machen wir jetzt damit? Was sind die kleinen Dinge, die ich gerade tun kann? Und die das dann mit großer Liebe tun können, weil ihr Herz eben nicht dicht machen muss, um auch die anderen Gefühle nicht zu spüren.

Wir sind keine „neuen Menschen“. Und die braucht es auch nicht. Es braucht die guten alten, fehlbaren, menschelnden Menschen, die ganz kleine Dinge tun, und vielleicht mit ganz großer Liebe, aber ein kleines bisschen Liebe reicht auch.

Faschist*innen und Polizei oder Täter*-Opfer-Bindung oder was wir alles für Demos Nützliches durch die Traumatisierungen gelernt haben

„Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Kofi Annan

Neulich waren wir auf einer politischen Demonstration gegen einen Auftritt zweier Mitglieder der AfD, von denen der eine aufgrund seiner dokumentierten Äußerungen mit Gerichtsbeschluss Faschist genannt werden darf.

Uns war schon im Vorhinein bewusst, dass die Demonstration von einem hohen Polizeiaufgebot permanent begleitet werden würde, und dass die begleitenden Polizist*innen zudem sehr stark gepanzert und deutlich sichtbar bewaffnet auftreten würden. Und wir wissen auch, dass uns das grundsätzlich großen Stress bereitet und permanent Assoziationen an erlebte Gewalt auslöst. Insofern hatten wir im Vorfeld wachsende Unruhe und auch ein paar noch etwas schlechtere Nächte. Gleichzeitig ist es uns aber sehr wichtig, unsere Möglichkeiten wahrzunehmen, zu einer demokratischen, offenen, antifaschistischen Gesellschaft beizutragen. Gerade vor dem Hintergrund unserer rituellen Gewalterfahrungen. Und deshalb gehen wir, wenn es unser Gesamtzustand zulässt, zu solchen Veranstaltungen hin.

Wenn wir gehen, dann nicht allein, sondern immer mit mindestens einer Person, mit der wir uns auch vorher weitmöglichst darüber absprechen, wie wir handeln wollen, speziell, wenn die Atmosphäre aggressiv wird oder es zu Gewalthandlungen kommt. Und wir versuchen, uns im Inneren vorher abzusprechen, und wir versuchen auch, zu dieser Veranstaltung so sortiert zu gehen, dass nur bestimmte Innenpersonen im Außen oder in Außennähe sind. Und für uns ist klar, dass wir keine Gewalt anwenden werden, und uns grundsätzlich deeskalierend und friedensstiftend verhalten.

Wenn wir wissen, dass bestimmte Bilder auf uns zukommen werden, dann hauen die uns auch nicht so um. Ein einziger Polizist in Uniform im Zug, mit sichtbarer Waffe im Halfter, kann uns da viel leichter mal die Lampen ausschießen (haha). Wir akklimatisierten uns also langsam während der Demo, und als wir dann am Kundgebungsort/Veranstaltungsort der rechtsgerichteten Partei eintrafen, waren wir in einem Zustand mit deutlich aktiviertem Nervensystem, aber auch gleichzeitig sehr konzentriert und ruhig. Wir haben die Polizist*innen in Kampfmontur, von denen einige so vermummt waren, dass nur noch Augen und Nase sichtbar waren, sogar nicht mehr allesamt als Feind*innen gesehen, (wie das sonst passieren kann, wenn wir Angst haben), sondern differenzierter betrachten können. Als wir einige der Besucher der Veranstaltung, die in deutlich aggressiv-„männlichem“-Kampfgehabe auftraten, auf der anderen Seite der Absperrungen sahen, waren wir auch ganz froh über diesen menschlichen Puffer zwischen den Fronten. Und gleichzeitig – diese Präsenz von martialisch verkleideten Menschen trägt so stark zu einer Bedrohungsatmosphäre bei, und dabei bestand die Kundgebung zu sicher 90 Prozent aus definitiv friedlichen, sehr bürgerlichen Menschen. Es waren viele Kinder und sehr viele ältere Menschen und auch Menschen mit Behinderungen dabei.

Eine ganze Anzahl von Polizist*innen war sehr nah dran an uns Menschen bei der Kundgebung und sichtbar bereit, jederzeit einzuschreiten. Einige hatten permanent einen Schlagstock in der Hand. Wir checken in solchen Situationen automatisch total viele Details, und gleichzeitig die Gesamtatmosphäre. Wir hatten schnell klar, dass die meisten der Polizist*innen direkt um uns herum selbst angespannt und nervös waren, einige waren dennoch grundsätzlich freundlich oder neutral, einige wirkten genervt. Es fiel uns jedoch sofort einer auf, der von sich aus aggressiv wirkte. Es lag an etwas in seiner gesamten Haltung und vor allem in seinem Blick, das wir nicht mit Worten beschreiben können, das uns aber sofort klar machte, dass etwas in seiner Grundhaltung mit der Grausamkeit unserer Täter korrespondiert.

Unser permanent laufendes inneres Radar hat uns über mehrere Stunden immer wieder genau dann zu einem Ort geführt, wenn dort eine Eskalation begann. Und dann sind Innenpersonen im Außen (ich will dauernd „an der Front“ schreiben, aber wir waren ja nicht im Krieg!), die einen festen Stand haben, die die Handflächen ausstrecken, die zu Teilnehmenden und Polizist*innen Worte sagen, die die Situation runterkochen, die es einstecken können, auch mal von einem Polizisten zur Seite geschoben zu werden, und dabei weiter deeskalieren, ohne selbst aggressiv zu werden. Und die irgendwie genau wissen, wie weit sie gehen können, weil sie die Gewaltbereitschaft und Machtausübungsbereitschaft der Gegenüber gut einschätzen können. Die sich und andere zumindest ein bisschen schützen können.

Mit dem Polizisten, der in unserer Wahrnehmung Täterpotenzial hatte, hatten wir drei direkte Begegnungen. Nachdem wir einmal verbal deeskaliert hatten, gab es einen direkten Augenkontakt zwischen uns. Und es passierte etwas Merkwürdiges, was mich bis heute auch noch beschäftigt. Es gab so etwas wie ein Erkennen. So, als würde er wissen, was wir in ihm erkannt haben, und als würde er aber auch in uns etwas erkennen, was wir wiederum wissen. Und es war etwas in dieser Dynamik, was wir von früher kennen. Es gab wie eine Täter*-Opfer-Bindung plötzlich zwischen uns. Fast schon wie ein Versprechen von Gewalt. So, als würde ein Schlüssel ins Schloss einrasten. Es ist eine Art undefinierbarer energetischer Austausch, und wir kennen diesen Moment sehr gut von früher, wenn es Auswahlsituationen gab, und dann manchmal genau so etwas entstand, und irgendeiner Instanz in uns klar war, dass „unser Schicksal besiegelt“ war. Mit dem großen Unterschied, dass wir jetzt erwachsen sind und vollkommen andere Handlungsmöglichkeiten haben. Insofern stimmte es auch direkt in der Situation schon nicht, diese „Beziehung“ als Täter*-Opfer-Bindung zu bezeichnen.

Kurze Zeit später war es dieser Polizist, der uns von hinten kommend unnötig ruppig zur Seite schob.

Und noch etwas später war es dieser Polizist, der aus der Reihe der Polizist*innen plötzlich ohne Vorankündigung über mehrere Meter mit einer offenen Taschenmesserklinge auf uns zustürmte und ein dünnes Seil, mit dem wir ein Transparent hochhielten, nur wenige Zentimeter vor unseren Fingern durchschnitt. Obwohl er das genauso gut mit einem oder sogar zwei Metern Abstand hätte machen können. Und dieser Moment, sein Atem in unserem Gesicht, und die blau blitzende Klinge direkt vor unseren Fingern, ist das, was sich nachhaltig in unser Nervensystem gefressen hat. Was sich abends im Bett vor unseren Augen gedreht hat, was in unseren Träumen noch vorkommt, was uns auch morgens noch beschäftigt. Und seine Augen. Dieser Moment, wo sich unsere Blicke kurz fest saugten. Tatsächlich erinnern wir kein einziges Gesicht der anderen Polizist*innen so, dass wir sie wiedererkennen würden, aber seines schon. Doch, stimmt nicht, auch noch das von seinem „Gehilfen“. Es gab nämlich einen jungen Polizisten, der immer an seiner Seite war und wie ein Schatten immer genau das tat, was er tat, oder was er wollte.

Ja – was ist es, was wir im Früher oder danach Nützliches gelernt haben für politische Demonstrationen im Heute? Wir können Menschen und ihre Absichten ziemlich glasklar lesen, und speziell dann, wenn sich Gewaltpotenzial entwickelt. Wir können Atmosphären lesen, und wo im Raum sich Gewaltpotenziale atmosphärisch hinbewegen, und wo sie sich Richtung Eskalation bewegen. Wir haben notwendigerweise Techniken gelernt, mit Angst, Panik und Wut umzugehen. Wir können – in gewissen Grenzen – Retraumatisierungen in Kauf nehmen, wenn uns ein Ziel wichtig ist. Das Wichtigste jedoch, was wir gelernt haben, ist, dass wir unter keinen Umständen Gewalt bewusst als Machtmittel einsetzen, und dass wir, wenn wir es können, uns dem entgegenstellen, wenn andere das tun. Und diese Klarheit macht uns heute zu einem ganz anderen Gegenüber, und verleiht uns heute Handlungsmacht.

Lineare Zeit vs. Amöbenzeit vs. Gleichzeit

OK. die zeit REICHT einfach nicht. wie soll mensch auch so viel im inneren umherwabernde amöben-zeit so in die in der realität³ vorherrschende lineare zeit einpassen, dass das ein halbwegs übereinstimmendes ganzes ergibt? *seufz*

Zitat: Wir selbst, an anderer Stelle

Die Ferien sind vorbei. Der Wecker klingelt wieder morgens um 6:20 Uhr, dann muss das große Kind so liebevoll wie möglich und so penetrant wie nötig aus dem Bett herausgezaubert werden. Anziehen, Zähne putzen, frühstücken alle-diese-kleinen-Dinge-zum-Schule-vorbereiten-erledigen-und nichts-vergessen, und nebenbei dasselbe (bis auf Schule) auch für uns hinkriegen. Dann sind die Zwillinge wach, und das ganze nochmal von vorne, plus jetzt im Winter noch das Eintüten von zwei vielgliedrigen, zappeligen Tintenfischwesen Kindern in etwa zehn Schichten warme Klamotten.

Dann sind die ersten zweieinhalb Stunden des Tages rum, und wir haben gefühlt unser Pensum schon erreicht.

Unsere Gesellschaft ist vollkommen ausgerichtet auf und eingerichtet in der linearen Zeit. Alles schreitet immer voran. Es gibt ein Heute/Jetzt, das eingerahmt ist von einem Gestern/Vergangensein und einem Morgen/Es wird sein. Alles und alle befinden sich dauernd auf einem Zeitkontinuum, das sich einteilen lässt in immer kleinere Abschnitte, und auf welchem alle Menschen sich verorten können und sollen. Und dieses Zeitkontinuum ist untrennbar verbunden mit einem räumlichen, materiellen Sein. Ich bin jetzt hier. Ich kann nicht gleichzeitig woanders sein.

Und um funktionieren zu können in dieser Realität³ ist es wichtig, Raum-Zeit-Kontinuität zu können. Einschätzen können, welche Handlungen wie viel Zeit brauchen, und wie sie hintereinander und umeinander geplant werden müssen, um in ein bestimmtes Zeitfenster zu passen. Verabredungen treffen können. Deadlines einhalten können. Die Uhr zweifelsfrei lesen können, das Zeit- und das Raumraster über einander legen können, um pünktlich an einem bestimmten Ort zu sein.

Wer mit Kindern zusammen lebt, di/er weiß, dass Menschen das nicht von Geburt an können. Selbst unsere 7jährige lebt morgens noch in einer eigenen Kaugummi-Zeitblase und würde es niemals pünktlich zum Schulbus schaffen, wenn wir diese Blase nicht immer wieder mit gezückten Uhrzeigern aufpieksen würden.

Wir sind selbst noch nie besonders fest in der linearen Zeit verankert gewesen, und es kostet uns nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit und Energie.

Die Traumatisierungen, und mit ihnen verbunden die Innenpersonen als sozusagen mehr oder weniger „Person“-gewordene Trauma-Momente oder Trauma-Zeit-Raum-Verschränkungen haben in uns im Inneren eine Art Amöben-Zeit geschaffen, die ihre Form beliebig ändern kann und es auch beständig tut.

Realität³ von heute begegnet uns – und wir ihr – und Sinnesreize aller Art, Gefühle und Gedanken treffen auf Zeitblasen, eingefrorene Zeit, also Innenpersonen, deren persönliche Uhr irgendwo anders stehen geblieben ist, langsamer oder schneller tickt, und deren Zeitwahrnehmung nicht linear ist. Die gar nicht linear sein kann, denn die Voraussetzung dafür wäre eine Wahrnehmung von Kontinuität. Und dieses Aufeinandertreffen erzeugt einen fast ständigen Amöbenzeit-Sog. Mehrmals pro Stunde – ich glaube, die Häufigkeit unterschätzen wir Alltagspersonen sogar eher – wird ein Abdriften in „Früher“ ausgelöst. Wird irgendwer hier innen angestoßen, werden Bilder, Gefühle, somatische Flashs angerührt. Wir schneiden das als Parallelfilm so mit und sind gewohnt, lächelnd mit der Welt zu interagieren, während parallel als eine Art transparenter Screen Szenen ablaufen oder Schreie oder Kommentare gehört werden. Aber es kostet uns Fokus und Energie. Und je voller an Reizen unsere Umgebung ist, desto größer wird der Amöbenzeit-Sog, und desto schwieriger wird es, in der Realität³ verankert zu bleiben.

Wir sind insgesamt und auf den ersten Blick ein sogenanntes hochfunktionales System. Aber je durchlässiger füreinander wir werden, je weniger Erleben einfach für uns „anscheinend normale Persönlichkeiten“ wegdissoziiert wird, und je älter wir werden, desto mehr wird spürbar, wie anstrengend das Eingetaktet-Sein in der linearen Zeit wirklich für uns ist. Wir können das – und wollen es können! -, aber es kostet uns einiges.

Neben der linearen und der Amöbenzeit gibt es für uns aber noch eine dritte Art von Zeiterleben, die wir mit manchen Menschen ohne Traumahintergrund teilen. Wir nennen es die Gleichzeit, und wir meinen damit Erfahrungen von Zeitlosigkeit und Ewigkeit, von Parallelität und Zyklischem Sein. Ich vermute, dass alle Menschen diese Erfahrung machen könnten, dass aber die frühen Traumatisierungen – und vielleicht auch die frühen extrem-spirituellen Tranceerfahrungen im rituellen Kontext – Öffnungen und Risse in uns gelassen oder geschaffen haben, die uns empfänglicher für diese Art von Zeit machen.

Diese Art von Zeiterleben ist für uns ein spirituelles, mystisches Erleben, und etwas, das wir – genau so wenig wie die Amöbenzeit – nicht „machen“ können. Wir können schon einiges tun, was die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, aber letztlich sind diese Zustände für uns eine Art Gnade, die uns manchmal geschenkt wird.

Mit acht Jahren hatten wir zum ersten Mal spontan eine Erfahrung von Aufgehen in etwas Größerem, von Verbundensein von allem und mit allem, und was immer es war, es war eines von diesen Dingen, die uns gerettet haben. (Wir haben hier in einem älteren Artikel ausführlicher darüber und über den spirituellen Aspekt unseres Ausstiegs geschrieben.) Wir hatten und haben immer mal wieder derartige Erlebnisse, fast immer in der Natur.

Auch wenn das Erleben von Gleichzeit sehr selten stattfindet, so ist das für uns trotzdem ein starkes Gegengewicht gegen das destruktive Wirken der Amöbenzeit. Die Amöbenzeit hinterlässt oft ein Gefühl von Ausgeliefertsein, Ohnmacht, Einsamkeit und Sinnlosigkeit, und die Erfahrung von Gleichzeit schenkt uns dagegen ein Gefühl von bedingungsloser Liebe, Verbundensein und eines tieferen Sinns hinter allem. Gleichzeit ist dabei überhaupt nicht immer angenehm, aber sie schafft Verbindung. Und sie fordert uns auch heraus, aber sie macht uns mutig, nicht klein.

Und Gleichzeit hilft uns dabei, uns besser in der linearen Zeit zu verorten. Weil sie uns sortierter und gelassener macht, weil sie uns dabei hilft, mit weniger Angst auf das noch im Trauma gefrorene in uns zu schauen und dadurch weniger Dissoziation nötig macht. Und weil sie uns auch daran erinnert, dass diese ganze lineare Zeit auch nur ein Aspekt von allem ist, und dass ein zu starres Fixiert-Sein auf sie uns alle zu Momos Grauen Herren macht. Und bei aller „(Hoch-)Funktionalität“ – wer will das schon?

Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

Momo, Michael Ende

Campingplatz

„Nach bisherigen Erkenntnissen ist „Lügde“ einer der schlimmsten Fälle massenhaften Kindesmissbrauchs in der Geschichte der Bundesrepublik“

Süddeutsche Zeitung, 30.4.2019

Sie hängt auf dem Spielplatz ab, bondet gerade ein bisschen mit ein paar anderen deutschen Teens, die mit ihrer Schulklasse da sind. Versucht, lässig zu sein, witzig, cool. Der Start ist ganz gut.

Das kleine Mädchen taucht auf. Sie ist etwa 4 Jahre alt, alles an ihr strahlt extreme Vernachlässigung aus. Sie ist selbst schmutzig, rotznasig, trägt ein schmutziges, sehr kurzes, verwaschen rotes Kleidchen, wirkt seltsam desorientiert. Wandert ziellos über den Platz, mit fahrigen, irgendwie abgehackten Bewegungen.

Die Gespräche verstummen, alle nehmen das Kind sofort wahr, beäugen es, machen sich gegenseitig darauf aufmerksam.

Irgendwas in ihr wird unruhig, es ist, als würden Saiten angeschlagen, als würde ein Fotobuch auf einem Tisch anfangen, unruhig zu ruckeln, als würden Stimmen in ihr schreien, die sie warnen. Sie sollte gehen, sofort, aber ihr ist schwindelig, und sie will diesen Kontakt nicht verlieren, zu diesen anderen Jugendlichen hier, sie will dazu gehören. Und außerdem – was hat sie denn schon mit diesem Kind da zu schaffen? Diesem irgendwie ekligen Kind.

Das Kind bemerkt die Aufmerksamkeit, steuert auf die Gruppe auf dem stillstehenden Karussell zu. Lächelt. Setzt sich vor den Jugendlichen auf den Boden, macht die Beine breit, und zeigt allen ihre Kindervulva. Sie trägt keinen Slip. Die Jugendlichen sind unangenehm berührt, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, einige kichern nervös, die Mädchen schauen weg, schauen sich an, verziehen die Gesichter. Kein Erwachsener weit und breit zu sehen. Wo sind die eigentlich immer, wenn sie doch mal gebraucht würden?

Einer der Jungs ruft: „Ne schöne Muschi hast du!“ Seine Coolness ist etwas verrutscht. Ein paar Jungs lachen nervös.

Das Kind lächelt und beginnt, sich wollüstig zu bewegen, es fasst sich an, reibt seine Vulva über den Boden, und rutscht immer näher an die Gruppe heran, auf den Jungen zu, der sie angesprochen hat. Ihr Mund ist zu einem Lächeln verzerrt, aber die Augen sind leer. Oder sind sie angstgeweitet? Ein fleischgewordener Horrorfilm im grellen Sonnenlicht eines dänischen Sommertags, zur Mittagszeit.

Jetzt kommt Bewegung in die Gruppe. Alle weichen zurück. Der Junge, der gerufen hat, schreit das Kind an, wehrt es ab. „Verpiss dich! Hat dir keiner Benehmen beigebracht? Was bistn du für ne kleine Scheißfotze!“ Er spuckt nach dem Kind, trifft aber nur den Boden dazwischen. Das Kind reagiert irritiert, hört auf, fängt wieder an, schaut irritiert in die Gesichter, lächelt mit diesen leeren Augen, und sagt die ganze Zeit kein Wort. Widerstreitende Impulse sind im ganzen Körper sichtbar. Als es sich wieder auf das Karussell zu bewegt, springt eines der Mädchen auf, schreit das Kind hysterisch an: „Du sollst dich verpissen, haben wir gesagt! Hau ab! Fass uns nicht an! Geh zu deiner Mama!“

Ihr ist schlecht. Sie kann nicht mehr sprechen, irgendwie. Kann kaum noch atmen. Eine Welle von…irgendwas…spült in ihr hoch. Panik, aber noch mehr. Sie fühlt sich selbst, ihren Körper, da unten, plötzlich selbst, ein schmerzhaftes Pulsieren, Lust und Schmerz. Wieso reagiert sie so? Was stimmt nicht mit ihr? Sie fühlt so eine merkwürdige Verbindung zu dem Kind, als würde sie es kennen. Sie schämt sich, wünscht sich weit, weit weg. Wenn die anderen sie jetzt ansehen, können sie sehen, dass sie wie dieses Kind ist. Warum denkt sie das? WAS stimmt nicht mit ihr? Stimmen in ihr schreien irgendetwas, und in ihrem Ohr flüstert es: Du Hure, du dreckige kleine Schlampe. Du bist genauso versaut wie dieses kleine Gör da vor dir. So abgrundtief verdorben, und genauso ekelhaft.

Ekel, Hass, Mitleid und Panik in einer wilden Mischung lassen sie einfrieren.

Das Kind wendet sich ab, taumelt unsicher in Richtung Sandkasten. Es setzt sich in den Sand, beginnt ziellos, fahrig, planlos etwas zu spielen. Die Jugendlichen schauen noch eine Weile rüber, machen Witze und herablassende Sprüche.

Sich bloß nichts anmerken lassen. Mitlachen. Auch irgendwas sagen. Inmitten der Gruppe, die sich wieder auf einander bezieht, lässt sie das Kind nicht aus den Augen. Es rührt sie so an, und macht ihr solche Angst. Ihr ist klar, dass das Kind Hilfe braucht. Niemandem außer ihr scheint das klar zu sein. Sie will zu dem Kind rübergehen, aber sie ekelt sich so sehr, und sie weiß nicht, was sie tun soll. Und sie will den Kontakt zu den anderen Jugendlichen nicht aufs Spiel setzen.

Da beginnt das Kind wieder, getrieben herum zu laufen. Es hockt sich immer wieder auf den Boden, reibt seine Vulva darüber, diesmal jedoch ganz in sich versunken, als wäre niemand außer ihm da. Die Jungen bemerken es, fangen wieder an zu lachen und Sprüche zu machen, selbstsicherer als vorhin. Die Mädchen weichen mit ihren Blicken voreinander aus.

Da taucht plötzlich eine Frau auf dem Spielplatz auf.

Die Frau kommt aus der verbotenen Wohnwagenreihe. Ihr fällt nicht auf, dass dieser Gedanke komisch ist. Warum ist sie verboten? Wer hat das Verbot ausgesprochen? Sie weiß nur irgendwie, dass sie dort nicht hindarf. Da sind die Leute aus der Rotte.

Der Frau strahlt die Armut aus jeder Pore. Ihr fehlen Zähne. Es ist schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ihr Gesicht wirkt verbraucht und roh. Sie sucht etwas, und als sie das Kind erblickt, wirkt sie erschrocken. Sie eilt quer über den Spielplatz auf das Kind zu, packt es grob am Arm, zischt „du kommst jetzt mit!“, und zieht das widerstrebende Kind hinter sich her.

Die Karussell-Gang ist wieder aufmerksam geworden. Ein Mädchen sagt leise: „Oh Gott, ist das ihre Mutter?“ Der Junge von vorhin ruft der Mutter laut hinterher: „Hat Mama auch ne Muschi?“ Ganz breitbeinige, männliche, 14jährige, sich im Recht fühlende Überlegenheit. Ein paar seiner Kumpels feixen, ein paar Mädchen grinsen unsicher. Die Mutter bleibt abrupt stehen, wendet sich um, Demütigung und Hass in ihrem Gesicht. Doch sie schluckt ihre Kommentare herunter, dreht sich um, packt das Kind unsanft vom Boden hoch und schleppt das nun schreiende und sich windende Kind zurück.

In den verbotenen Gang. Da, wo die Schmuddelleute wohnen. Die, mit denen sie keinen Umgang pflegen darf.

Nach ein paar Minuten mit weiteren, jetzt ziemlich anzüglichen Kommentaren und Witzen wendet sich das Gespräch der Jugendlichen wieder anderen Dingen zu.

Ihr ist schlecht. Sie fühlt sich beschmutzt und schuldig. Sie ist verwirrt, ihr Kopf dröhnt, sie kann hier nicht mehr bleiben. Zwischen all diesen sauberen Teenagern. Teenager wie sie, aus gutem Hause, mit gehobener Bildung. Die aber nicht so kaputt im Kopf sind wie sie. Nicht so dreckig von innen.

Sie muss weg. Weg von diesen Jungen, die ihr jetzt Angst machen. Mit denen sie nicht mehr lachen kann. Sie stammelt irgendeine Ausrede, und irgendwie bringt sie ihre Beine dazu, sie fortzubringen. In die Sicherheit ihrer eigenen, behüteten, sauberen Familie.

_Diese Szene liest sich wie ein literarisches Experiment. Sie hat sich faktisch jedoch genau so abgespielt. Sommer 1994, ein Campingplatz in Dänemark. Es war kein Zufall, dass dieses offensichtlich sexuell misshandelte Mädchen und wir mit unserer Familie am gleichen Campingplatz waren. Aber diese Begegnung und die Überschneidung der Welten am helllichten Tag hätte vermutlich eigentlich nicht stattfinden dürfen._

40geworden_sein

Jetzt sind wir schon den 6. Tag 40 Jahre alt. Morgen vor einer Woche war unser Geburtstag. Und was für einer! Mehr Geburtstag geht schon fast nicht. Wie intensiv es für uns war, das zeigt sich jetzt unter anderem daran, dass es sich zeitlich so anfühlt, als wäre das Fest erst vorgestern gewesen, dass wir uns körperlich so platt fühlen, als wäre es gestern gewesen, und dass der reale Zeitraum dazwischen ein ziemlicher blau-grauer Blur ist. Das heißt, die Intensität hat uns ein bisschen aus der Realität³ katapultiert, und wir benötigen dringend wieder etwas Ein-Nordung.

Ein Stück weit ist es auch einfach das Runterkommen nach einem wunderschönen Höhenflug.

Und wir müssen aufpassen, dass wir all die wunderbaren Momente dieses Tages jetzt nicht verDISsen, dass wir uns jetzt endlich Zeit und Raum für uns nehmen, um all das, was wir erlebt haben, nochmal Revue passieren zu lassen, und für alle von uns innen in einen Rahmen zu setzen, sonst besteht die Gefahr, dass die Erschöpfung danach und die (gewollte/gesuchte) Überforderung am Tag selbst eine innere Um-Interpretation des Ganzen in Gang setzen bei allen Teilen des Systems, die den Tag nur aus dem Hintergrund oder sogar von noch weiter weg oder sogar gar nicht mitbekommen haben.

Heute endlich haben wir Zeit und Ruhe, um darüber zu schreiben, und um nochmal alle Geschenke zusammen zu tragen und wahrzunehmen, zu befühlen, zu bewundern, beziehungsweise von innen bewundern zu lassen.

Wir haben in diesem Jahr mit unserem Geburtstag ein Experiment ausprobiert. Wir leben ziemlich gemeinschaftlich, und wir wollten gern mit möglichst vielen Menschen, mit denen wir unser Leben teilen, auch unseren Geburtstag teilen. Nun haben wir ja immer an Silvester Geburtstag, und an diesem Tag sind die meisten Menschen, nun ja, mit Silvester eben beschäftigt und mit dem, was man dann so macht. Ja, wir wollten mit vielen Menschen feiern, und gleichzeitig haben wir unserer Stabilität in dieser ganzen Feiertags- und Geburtstagszeit nicht ausreichend vertraut, um uns selbst die Organisation und Durchführung eines fetten Festes zuzutrauen. Also haben wir einfach eine Email in die Runde der Menschen geschrieben mit der offenen Frage, ob es Menschen gibt, die Lust und Inspiration haben, irgendetwas für unseren Geburtstag zu organisieren. Wir waren auf alles eingestellt und bereit, alles anzunehmen – auch, dass es diese Bereitschaft oder Inspiration oder Zeit nicht gibt. Und dann gab es sie doch, und ein paar Menschen kamen zusammen, spannen ein paar Ideen, ein paar andere sprangen helfend dazu – und *zauberzauber* wurde daraus ein rauschendes Fest, das sich für uns, aber auch, so weit wir das mitbekommen haben, für die anderen anwesenden Menschen leicht anfühlte.

Am Abend vorher waren wir systemübergreifend ziemlich aufgeregt. Eigentlich war der Plan, früh schlafen zu gehen, aber dann lagen wir um Mitternacht knallwach im Bett herum, und plötzlich tauchten von überall her im Innen Personen auf und kamen zusammen und staunten kollektiv ein bisschen über 40 Jahre werden, und am Leben sein, und 2020 am Horizont, voll krass Zukunft. Das war unerwartet schön, dieser Innenkontakt, der so gar nicht selbstverständlich ist.

Das Wunder des Tages begann dann schon am frühen Morgen, mit dem fröhlichen Krähen der Zwillinge beim Aufwachen (um 6:20…*seufz*) und diversen Versionen von Happy Birthday-Ständchen mit Aprikosen in Hosen und so weiter (den ausufernden Fäkalhumor von 4jährigen erspare ich an dieser Stelle den geneigten Leser*innen 😊). Es gab ein ausgiebiges Familien-Geburtstagsfrühstück mit Bescherung und auspack-begeisterten Kindern im Innen und Außen, immer wieder freund(*innen)liche Nasen, die in unsere Küche gesteckt wurden samt Glückwünschen, und vor lauter Geplausche wurde fast der letzte Schliff an der Geburtstagstorte nicht fertig. Am Nachmittag gab’s dann noch eine tolle geschenkte Torte mit pinker Himbeersahne dazu, und ein großes Torten-Geschlemme mit (Wahl-)Familie und ein paar Freund*innen. Und ein bisschen Sekt. Den hätte es jedoch eigentlich gar nicht gebraucht, weil wir da schon ganz trunken waren von all der Wärme und Liebe, die uns bis dahin entgegengebracht wurden, und uns auch so schon der Kopf schwirrte vor lauter MitMenschenSein.

Am späten Nachmittag wurden wir eingesammelt von „unserem“ Frauen*kreis, und die anderen mussten ohne uns weiter tafeln. Wir hingegen bekamen eine zwölfhändige Öl-Massage, die wir tatsächlich nach ein paar inneren Schwellen, die wir dafür überhüpfen mussten, richtig genießen konnten, und die dann super war, um uns wieder in unserem Körper und in der Realität³ zu verankern.

Es sollte nicht das letzte Abenteuer des Tages gewesen sein. Zur Eröffnung des Riesen-Gemeinschafts-Silvester-Büfetts fragten uns einige Wahnsinnige, ob wir der Tradition folgend vielleicht 40 mal hochgeworfen werden wollen würden? Und guess what, die Jugendfraktion hier wollte. 40 mal fliegen, danach fühlten wir uns so adrenalinhigh und achterbahnglücklich, als wären wir mal kurz auf dem Rummel gewesen.

Dann gab es noch eine offene Bühne, so charmant unperfekt, improvisiert und wunderschön, wie wir das lieben. Und unser liebster Mann legte eine Überraschungs-Liebeslied-Karaoke-Einlage hin, die kein Auge trocken ließ. Vor Rührung, und vor Lachen.

Das vielleicht schönste und magischste Geschenk des Tages war dann ein Geigenstück, das eine Freundin von uns so umkomponiert hatte, dass wir eine leichte Stimme direkt vom Blatt spielen konnten, während sie die erste Stimme, und dazu noch Musik vom Band spielte. Wir lernen erst seit drei Monaten Geige, aber lieben es total (und konnten schon Noten lesen und so weiter), und es war sooo wunderschön, wie es sich anhörte, und mit ihr zusammen zu spielen. Wir waren davon selbst total überrascht, und auch davon, dass wir uns einfach getraut haben, mit ihrer Unterstützung vor so vielen Menschen zu spielen.

Der Rest der Nacht war dann tanzen, tanzen, tanzen und ein großes Silvesterfeuer. Lange, lange draußen am Feuer sein, in die Flammen schauen, und irgendwann weitertanzen.

Einige Menschen haben zusammen geschmissen und uns zum Geburtstag eine schwere Therapiedecke geschenkt, und nachts um vier sind wir dann zum ersten Mal da drunter gekrabbelt. Darüber werden wir ganz bestimmt irgendwann auch schreiben.

Ein weiteres Geschenk war eine Box, in die die anwesenden Menschen Zettel mit Wertschätzungen für uns gesteckt haben. Diese Zettel haben wir uns dann beim Aufwachen am nächsten Tag angeschaut. Der, der uns am meisten gefreut hat, lautete: Dass ich dir das gar nicht sagen muss.

Und ja, das stimmt. Wir sind 40 Jahre alt, und wir wissen ganz gut selbst, was wir können. Und was wir nicht können. Und was wir lernen wollen, und was aber auch nicht. Dass wir mutig sind. Dass wir immer wieder mutig springen (ins Vertrauen, auf die Arme von zehn Leuten, die uns fliegen lassen, auf einen Massagetisch und in die Hände von 6 Frauen, die wir gut kennen, auf eine offene Bühne mit einem Instrument, dass wir lieben, aber nicht sicher eigentlich noch gar nicht spielen können, in einen potentiell schwierigen Datums-Tag, den wir in die Hände von Menschen, die wir mögen, gelegt haben). Wir sind ein bisschen crazy. Und wir können uns über Wertschätzung heute oft freuen, aber wir brauchen sie auch nicht. Und ich glaube, das Allerwertvollste ist, dass wir über das Abgeben von Kontrolle über unseren Geburtstag paradoxerweise eine große Erfahrung darin machen konnten, dass wir unser Leben heute selbst bestimmen. Weil wir entscheiden (können), wem wir vertrauen.

DIS = die Sollbruchstelle an Stelle des Ichs

Die Diagnose einer Dissoziativen Identitätsstörung haben wir irgendwann in 2001 bekommen, so ist zumindest die interne Geschichtsschreibung. Seitdem sind wir einen sehr, sehr langen Weg gegangen. Mit uns, mit dem Verstehen dieser „Diagnose“, mit dem Anerkennen und Begreifen und auch, immer wieder und ja, auch immer noch, mit dem Zweifeln.

Unsere Ziele haben sich seit der Zeit der ersten Auseinandersetzung mit dem „da-sind-noch-andere-in-mir (!???!?)“ sehr verändert. Zunächst ging es um Fragen, Zweifeln, um was-ist-da-noch?, dann um eine Anerkennung davon, dass unsere Biografie so wie gedacht nicht vollständig war, und um den Mut, so viel hinsehen zu können, um zu realisieren, dass wir weiter Gewalt erfahren, und dass wir auf dem besten Wege waren, das entweder nicht mehr zu überleben oder uns vollständig über eigene Schuld zu verstricken. Dann ging es jahrelang um Sicherheit. Um eine neue Chance in der Anonymität. Und immer nur um Über-Leben. Immer noch nicht zu genau hinschauen. Ringen um das Hin- oder Wegschauen.

Aber es gab auch schon immer eine Parallelspur. Ein Mehr-Wollen als nur Überleben, auch wenn das zeitweise nur von einzelnen von uns getragen werden konnte. Ein Sehnen nach dem Platz für uns in der Welt, ein Ahnen, dass da doch mehr sein muss als diese Leere, dieses Sollbruchstelle-Sein.

So lange machen wir schon Therapie, so lange versuchen wir zu verstehen, zusammen zu bringen, mehr miteinander als gegeneinander zu laufen, und ich glaube, erst im Laufe dieses Jahres haben wir zu verstehen begonnen, was das Ziel ist, um mehr in diesem Leben sein zu können: Es ist wichtig, dass wir lernen, weniger Sollbruchstelle zu sein. Dass wir weniger existieren mit den Freilassungen in uns drin; diese Freilassungen, die wir bereit halten, um sie von außen füllen zu lassen.

Wir wurden ja gemacht, um Sollbruchstelle zu sein.

Ein Selbst zu sein, das wurde ja als zu riskant empfunden (/das war zu riskant für die Täter*innen, und es war zu überwältigend für „uns“/den Selbstkern/das Ur-Ich, das wir mal waren), also mussten wir vom jeweiligen Moment füllbare „Ichs“ werden, die in ihrer Entstehung aber eben keine Ichs waren, sondern Reaktionen auf das, was die Umwelt/andere Menschen in dem Moment von unserem Sein forderten. Insofern sind alle diese „Ichs“ eher Spiegelungen des jeweiligen Moments im Außen, kein von innen gewachsenes echtes Ich. Und diese Spiegelung des Außen zu sein, das war der Grundimpuls in jedem Entstehen von jede_r_m von uns. Je länger ein „Ich“ in einem Raum sein kann, je mehr jedes „Ich“ ein Mehr an Erfahrung sammeln kann, desto mehr Dichte sammelt sich an, mehr echtes Ich-Sein.

Ein echtes Ich, so wie es in einer Person wachsen kann, die es niemals nötig hatte, so viel Raum für Außen in sich zu lassen, so viel Sollbruchstelle , weil sie erleben konnte, dass Brüchigkeit, Verletzlichkeit, Widersprüchlichkeit, Ambivalenz, Autonomie und Gefühle jeglicher Art spüren mit ausreichend bedingungsloser Liebe in einem ausreichend guten Rahmen gehalten wurde (so wie in einer hinreichend guten Kindheit eben), so ein Ich werden alle diese „Ichs“ für sich, und auch ein gesammeltes Ich aus der Vielzahl dieser „Ichs“, niemals sein. Das glaube ich einfach nicht mehr, wenn ich sehe, was bis hierher in unserem Leben möglich war. Und das ist ja schon vergleichsweise viel.

Wegen dem Grundimpuls der Spiegelung des Außen.

Weil jedes dieser „Ichs“ im Grunde eine vernarbte Sollbruchstelle ist.

Und weil da, wo bei anderen eine Art Kern des Ichs ist, bei uns eine grundsätzliche Leere ist, eine Bereitschaft, sich von Außen füllen zu lassen.

Wir sollten mit Sicherheit aufhören damit, zu versuchen, ein echtes Ich wiederherzustellen, wobei wiederherstellen ja auch bedeuten würde, dass es das überhaupt schon einmal gab, oder uns mit der Mimikry dessen so aufzureiben. Sondern nach den Wegen zu suchen, zu lernen, unsere Bereitschafts-Leere mit so viel gut-genugem Leben zu füllen, dass die Leere dicht genug wird, und dass die Sollbruchstellen weniger schmerzen.

Die Herausforderung, die wir annehmen sollten, ist, ein ausreichend stabiles Wir zu finden, und unseren Weg zu finden in einer Welt, die für echtes Ichs logisch ist und gemacht ist. Ausreichend dicht zu werden, dass wir unsere eigene Existenz spüren und nicht mehr in der Ich-Logik der anderen verschwinden.

Mit der Leere sein, und nicht mehr gegen sie ankämpfen.

Mit der Leere, und mit der Stille und dem Schweigen.

Und der Welt das Aushalten von Un-Logik (in deren Augen) zumuten.

Auch, wenn die Welt (noch) keinen Platz für etwas wie uns bereithält, sein. Denn es gibt uns ja.