Komplextrauma, Covid19 und kollektive Verdrängung

Wir können keine großen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit großer Liebe.

Mutter Teresa

Alles ist anders gerade. Die Welt in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten ist nachhaltig erschüttert. Ständig prasseln neue Informationen, neue Maßnahmen, neue gesellschaftliche Regeln auf alle herein, erfordern eine unglaublich schnelle Anpassung und Flexibilität, wirbeln Familien auf und Existenzen durcheinander, und zwingen alle beständig, Stellung zu beziehen, soziale Entscheidungen zu treffen und sich mehr oder weniger anzupassen. Plötzlich sind die ganz großen Fragen im Raum, und zwar ganz konkret, in jedem einzelnen Leben: Was ist ein Leben wert? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit herzugeben, um Leben zu retten? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit aufzugeben, um nicht massenhaft vor der Entscheidung stehen zu müssen, zu entscheiden, wer Behandlung bekommt, sprich weiterleben darf, und wer nicht? Die jetzt getroffenen Maßnahmen und Einschränkungen sind für viele sehr herausfordernd, aber wie z. Bsp. Paula Rabe hier und der Freitag hier schreibt, für manche Menschen auch existenziell und sogar lebensbedrohlich: Für Kinder in vernachlässigenden, gewaltvollen, haltlosen Familien. Für Frauen in gewalttätigen Beziehungen. Für Menschen mit Psychosen, Depressionen, Angststörungen, komplexen Traumafolgestörungen. Wieviel zusätzliches Trauma, wie viele zusätzliche Tote durch Femizide und Suizide nimmt die Gesellschaft in Kauf? Und nimmt sie diese überhaupt wahr? Wie viel ist ein Leben wert? Was ist ein lebenswertes Leben? Wer schafft es, gut durch diese allgemeine Krise zu kommen, und warum? Es wird niemals einfache Antworten auf diese Fragen geben, und es gibt sie auch jetzt nicht.  

Auch unsere Welt ist in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten nachhaltig erschüttert. Im Außen, in unserem konkreten Alltag, aber auch sehr nachhaltig im Innen.

Wir sind bis ins frühe Erwachsenenalter hinein einer extremen Gehirnwäsche unterzogen worden, die neben anderen Zielen auch darauf zielte, uns zu „neuen Menschen“ zu machen, zu einem funktionierenden Teil einer stählernen Elite, die dann, wenn „der große Weltenwandel“ kommt, in der Lage sein sollte, „die dann nötigen extremen Entscheidungen zu treffen“, um dann die Begründer*innen einer neuen, besseren, überlegenen Menschheit zu sein. Sozialdarwinistischer Kackscheiß eben. Aber tief in uns hinein gefoltert. Früher ging es in unserem Leben ständig um die großen Fragen, um lebens(un)wertes Leben, um erzwungenes Wählen zwischen zwei zerstörerischen Alternativen. Und für manche von uns ging es um ein hartes Training für „die neue Weltordnung“. Und für andere von uns ging es um Gehorchen um jeden Preis, aus Angst.

Wir haben uns bis zu einem gewissen Grad da herausgelöst. Wir haben viel in Kauf genommen dafür, „in Sicherheit“ sein zu können. Eigene Entscheidungen treffen zu können, selbst Denken zu können, keine direkte Gewalt mehr gegen andere anwenden zu müssen und selbst ertragen zu müssen. Unser Leben ist vergleichsweise stabil. Aber gerade wird sehr deutlich, wie prekär diese Stabilität ist. Auf der einen Seite finanziell, und da wir prekär selbstständig sind, belastet uns gerade natürlich auch Existenzangst. Aber es wird sehr deutlich, wie sehr unsere Stabilität auf „so-tun-als-ob“ basierte. Wir haben viel Erfahrung damit, uns selbst zu regulieren. Aber das funktioniert in etwa so: Wenn wir beispielsweise in einer Meditation hören, dass wir die Erde unter uns wahrnehmen sollen, die uns immer sicher trägt, dann tauchen meistens Bilder und Körpergefühle von den Erfahrungen in uns auf, wo sogar das nicht mehr stimmte – weil wir diese Erfahrung machen sollten, als Teil der Abrichtung. Wir registrieren das, schieben es aber weg und fokussieren uns darauf, dass die Erde ja JETZT trägt, in diesem Augenblick. Und müssen dabei auch die tiefsitzende Erwartung wegschieben, dass sich das jeden Augenblick ändern könnte. Und wir können das. Wenn die allermeisten sonstigen Konstanten in unserem Leben uns erzählen, dass sich nicht ständig alles ändert.

Aber jetzt verliert die Welt die gewohnten Konturen. Plötzlich spricht jede*r ständig über die großen Fragen. Plötzlich sind wir von Worten umzingelt wie „Isolation“ und „soziales Experiment“. Plötzlich fangen nahe Menschen um uns herum an, verschwörungstheoretische oder sehr esoterische Inhalte zu vertreten, oder sich zu fragen „wie wir uns gerade am besten auf den Weltenwandel vorbereiten können“, oder aber auch staatlicher als der Staat und polizeilicher als die Polizei selbst zu werden. Aber vor allem: Plötzlich sind fast alle in der Tiefe verunsichert, oder haben wirklich Angst. Und wir riechen und spüren das wie ein Emotionssensor. Und unser eh schon hyperwaches Nervensystem so: Achtung! Achtung! Alle haben Angst, also sind wir in Gefahr!

Und also gucken unsere im Kult groß gewordenen Innenpersonen mal sicherheitshalber genauer hin. Und was gibt es da so zu sehen?

Lauter Menschen, die so tun, als hätten sie keine Angst. Die mit Augen vor uns stehen, in denen man um die Pupille oben und unten noch das Weiße sieht, aber mantraartig und mit angehaltenem Atem wiederholen, dass jetzt Besonnenheit wichtig ist. Menschen, die Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz mit der Polizei drohen. Menschen, die anderen Menschen Angst unterstellen und ihnen damit mangelnde Urteilsfähigkeit unterstellen und die Grundlage gehört zu werden entziehen.

Die Schlussfolgerung, die diese Innenpersonen daraus ziehen ist, aha, alle haben Angst, aber keine*r darf Angst zeigen. Und das bedeutet, dass die Situation wirklich schlimm sein muss. In etwa so wie früher.

Am bedrohlichsten empfinden diese Innenpersonen gerade die Menschen, die in allem gerade hauptsächlich die wunderbaren Möglichkeiten sehen (wollen). Viele der Innenpersonen, die die Gewalt und die Manipulation am stärksten ertragen mussten, sehen sehr genau, was in unserer Gesellschaft gerade alles kaputt geht. Und wer gerade kaputt geht. Für uns fühlt eine solche Haltung sich gerade entweder maximal verdrängend an, oder sehr unreflektiert privilegiert, und für die von den Indoktrinationen am stärksten betroffenen Innenpersonen ist diese Haltung nicht von derjenigen derer, die sie manipuliert haben, unterscheidbar.

Was wir gerade brauchen, dass sind Menschen um uns herum, die zulassen können, und es auch sagen, dass sie verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen, dass sie wütend sind, dass sie erschöpft sind, dass sie ratlos sind. Die all das nicht wegmachen müssen. Die sich also der Realität³ stellen (können). Und die dann sagen, ok, und was machen wir jetzt damit? Was sind die kleinen Dinge, die ich gerade tun kann? Und die das dann mit großer Liebe tun können, weil ihr Herz eben nicht dicht machen muss, um auch die anderen Gefühle nicht zu spüren.

Wir sind keine „neuen Menschen“. Und die braucht es auch nicht. Es braucht die guten alten, fehlbaren, menschelnden Menschen, die ganz kleine Dinge tun, und vielleicht mit ganz großer Liebe, aber ein kleines bisschen Liebe reicht auch.

8 Kommentare

  1. ❤ hej, danke – ja das können wir tun. Wenns geht jeden Tag und sonst halt nur jeden 2. oder 3. …
    Ich bin wie immer von euren Texten sehr berührt. LG
    Ganz pragmatisch: ich bestelle mir heute eine neue Handykarte, damit ich das eine Telefon dosiert an- und ausschalten kann und auf dem anderen für die Menschen erreichbar bin und in Kontakt sein kann, die hilfreich sind.

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  2. Ich meine, dass diese Fragen nicht nur die ganze Zeit schon im Raum stehen (wir hatten nur bessere Möglichkeiten, uns vor ihnen zu drücken), sondern auch noch glasklar beantwortet sind: In dieser Welt sind Privatprofite wichtig, sonst gar nichts. Natürlich kann man die Gesellschaft nicht so auf den Hund kommen lassen, dass sie nicht mehr zur Gewinnerzielung taugt – das verwechseln die Leute dann mit einem „Sozialvertrag“. In Gegenden, in denen sich keine Gewinne erzielen lassen, sieht man schon lange, was der Mensch an sich „wert ist“ (puh, schon dieser Wertbegriff macht mir Pickel) bzw. genauer – ob es um die Menschen geht oder nicht.
    Die Welt ist in Eigentümer und Nichteigentümer aufgeteilt, und letztere müssen für erstere anschaffen.
    Ich wünsche mir, dass die Illusion verschwindet, dieser Grundsatz wäre natürlich oder unerheblich, jeder wäre seines Glückes Schmied, könnte ja in sich nach Erleuchtung buddeln usw. usf.
    Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist nicht ein Mensch, sondern zwei. Die Gesellschaft wird nicht durch die Individuen bestimmt, sondern durch die Beziehungen zwischen ihnen. Und die sind definiert wie oben beschrieben.

    Lange Rede, kurzer Sinn – es ändert sich gerade nichts Wesentliches, nur der Leugnungsspielraum wird schmaler. Was natürlich nicht heißt, dass man nicht trotzdem sein restliches Leben lang das ignorieren kann, was ich oben festgestellt habe. Sich klarzumachen, in welcher Lage man wirklich ist, macht auch tatsächlich nicht den geringsten Spaß.

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    1. „Ich wünsche mir, dass die Illusion verschwindet, dieser Grundsatz wäre natürlich oder unerheblich, jeder wäre seines Glückes Schmied, könnte ja in sich nach Erleuchtung buddeln usw. usf.“ Autsch und wow. Du hast mal eben viel Wesentliches und Schmerzhaftes in einem Satz untergebracht. Vielleicht solltest du mal anfangen zu twittern ;)? Das Gute an dieser Zeit gerade ist wirklich, dass bei uns die alltagsnahen Innenpersonen und die, die vollkommen kultgeprägt sind, sich gerade so oft gegenseitig spüren. Und langsam verstehe ich besser, wieso die kultgeprägten Innenpersonen sich in der Gegenwart von „jede*r kann und muss das Beste aus sich machen“ und von „ich gehe mal Erleuchtung suchen“ so oft richtig unbehaglich fühlen. Es sind auch Ideologien. Sie sind natürlich nicht am gleichen Ende des Spektrums wie der sozialdarwinistische Mindfuck (sdMf) unserer Vegangenheit, aber an der Stelle, wo sie sich entsolidarisieren, sind sie quasi die kleinen Geschwister von sdMf.
      „Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist nicht ein Mensch, sondern zwei.“ Stimmt. Ein Individuum macht noch keine Gesellschaft.
      „Sich klarzumachen, in welcher Lage man wirklich ist, macht auch tatsächlich nicht den geringsten Spaß.“
      Nein, es macht keinen Spaß. Ist aber trotzdem notwendig. Wir lesen gerade Hannah Arendt, die ist ein gutes Beispiel für ziemlich frei denken können.

      Gefällt 1 Person

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  3. euer text macht viel in mir drin. das ist wertvoll. danke für euer aufschreiben. ich fühle mich verstanden, weiß aber nicht genau wieso und an welchem punkt. das ist nicht schlimm. es ist einfach berührt.

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    1. es ist gut für uns zu lesen, wenn unsere gedanken woanders resonanz erzeugen. es macht eine kontaktspur im raum, und die wiederum schafft ein uns-selbst-fühlen im innen. in was für einer wundersamen welt leben wir eigentlich, in der das internet es uns ermöglicht, gedanken sich berühren und anregen zu lassen?

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