Ellis Huber: Das Virus, die Menschen und das Leben

Dies scheint uns ein Text zu sein, der eine sachliche, fachlich fundierte Einschätzung der Lage bietet, und der das Geschehen vor allem in den Kontext von sonstigen Erkrankungszahlen und Sterbefallzahlen einordnet. Die Maßnahmen werden verstehbar, aber es wird auch deutlich, dass informierte Menschen und eine selbstorganisierte, mündige Gesellschaft gerade am hilfreichsten sein könnten.

Den letzten Abschnitt finde ich so wertvoll, dass ich ihn hier rebloggen möchte:

„[…]

Soziale Gesundheit

Ein gravierendes Problem allerdings bleibt: Robert Koch, der Namensgeber des RKI, sagte bei seinem Nobelpreis Vortrag zum Beziehungsverhältnis von Krankheitserreger und Menschen: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Der Arzt und Infektiologe Louis Pasteur war der gleichen Meinung: „Das Bakterium ist nichts, das Milieu ist alles.“ Der Sozial- und Umweltmediziner Max von Pettenkofer trank im Jahr 1892 öffentlich eine Flüssigkeit voller Cholerabazillen und blieb gesund. Er wollte zeigen, dass die Lebenswelt der Menschen für die Cholerakrankheit entscheidend sei. Und tatsächlich: Die Infektionskrankheiten wurden nicht durch die Segnungen der Medizin, sondern durch die gesellschaftliche Entwicklung gesunder Lebensverhältnisse besiegt. Pasteur, Virchow, Pettenkofer und Koch, die Helden der naturwissenschaftlichen Medizin, sorgten mit politischer und medizinischer Courage für „saubere Städte“ und gesündere Lebensräume und damit für ein neues Gleichgewicht zwischen Bakterien, Menschen und ihrem Gemeinwesen.

„Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles“, gilt es jetzt zu erkennen. Wir können Glück haben und aus der Corona Krise mit einem Neuen Bewusstsein und einer neuen Beziehungskultur herauskommen. Das Virus spiegelt die Gefahren einer „kontaktreichen Beziehungslosigkeit“ und einer rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen, die das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben. Corona ist ein Menetekel, eine unheilverkündende Warnung vor einem falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Psychosozialer Stress, Ängste, Einsamkeit oder Ausgrenzung schwächen das individuelle und erst recht auch das soziale Immunsystem. Die junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie belegt, dass Lebenszufriedenheit, möglichst viel positive Gefühle, gute Beziehungen, das Gefühl von Durchblick, Selbstbestimmung, Lebenssinn und Geborgenheit in der Gemeinschaft das Immunsystem stärkt und unsere Abwehrkraft gegen Viren oder Bakterien verbessert. In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen.

Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme und unsere Abhängigkeit von anderen Menschen. Jetzt wird sich zeigen, ob unsere offene Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Individualismus hinbekommt. Es geht um ein soziales Bindegewebe, das gesundet und gesundheitsförderlich ausgestaltet ist. Individuelle Gesundheitskompetenz, gesunde Sozialentwicklung und ein neues menschliches Miteinander, also ein heilsames Milieu und achtsame Menschen in solidarischen Gemeinschaften sind die Stichworte für ein Gleichgewicht zwischen Viren, Menschen und ihrem Gemeinwesen. Und es braucht auch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur kommen hinzu. Nicht Wachstum, Nachhaltigkeit ist umzusetzen und Werte, nicht das Geld sind der Maßstab. Den dafür notwendigen Werte-Horizont und die dafür vorhandene Orientierung beschreibt Albert Einstein vortrefflich: „So sehe ich für den Menschen die einzige Chance darin, dass er zwei Einsichten endlich praktisch beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.“

In unserem letzten Blogartikel haben wir über die Wichtigkeit, unsere Gefühle anzuerkennen geschrieben, und ich denke, das ist die Grundlage die es braucht – und dann braucht es aber die „Solidarität nach innen und außen.“ Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, solidarisch mit uns selbst und mit anderen zu sein. Solidarisch mit uns selbst sein zu können, das ist mir übrigens ein vollkommen neuer Gedanke.

7 Kommentare

  1. Wunderbar – spricht mir sehr aus dem Herzen und solche Artikel habe ich auch schon mehrfach auf meinem Blog veröffentlicht. Auf in eine neue Welt, jenseits von Gier, materielles Wachstum, Eigensucht und Unbewusstheit – so ein Virus öffnet uns die Augen – hoffe es wird nicht wieder vergessen.

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  2. Ich fühle mich von der Frau überhaupt nicht verstanden. Sie sagt, wie sie es gerne hätte, ohne sich ernsthaft zu fragen, warum es nicht so ist – dabei könnte sie eindeutige Antworten finden.
    „Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles, gilt es jetzt zu erkennen“ – der individuelle Mensch ist in Gesellschaftsfragen eben nicht alles, seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen sind es. Statt das zu bemerken, wird dieser „rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen“ unterstellt, sie wäre qua Werteverfall vom Himmel geplumpst oder so – angeblich haben diese Individuen auch noch „das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben“. Nein, das waren sie nicht, das haben sie als Realität dieser Gesellschaft vorgefunden und sich fügen müssen!
    Vor lauter Ideen wie der vom „falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ fällt der Autorin komplett hinten runter, dass es sich nicht um einen Irrtum, sondern um einen gewaltsam herbeigeführten und aufrechterhaltenen Zustand handelt, dem sich keiner entziehen kann. (Mir scheint, Gewalt wird überhaupt nur erkannt, wenn jemand persönlich wen anders mit der Keule in der Faust bedroht oder bearbeitet.) Sie merkt nicht, dass die Asozialität in dieser Gesellschaft auf unterster Ebene verankert ist, und muss es folglich für eine Form der individuellen Charakterschwäche halten, wenn die Leute nicht solidarisch sind:
    „In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen“ – eben nicht. Es ist schon längst entschieden. Sie bemerkt es nur nicht.
    Einstein hat nicht umsonst nicht von Werten, sondern von Einsichten gesprochen. Das ist ein Riesenunterschied.

    Ich könnte bei solchen Texten heulen vor Frust.

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    1. tatsächlich bin ich über den satz „das virus ist nichts, der individuelle mensch ist alles“ auch gestolpert beim lesen. und finde ihn so auch nicht richtig, weil so wieder impliziert wird, dass die verantwortung allein beim einzelnen liegt. finde ich gut, dass du das nicht einfach so stehen lässt.
      ich bin auch über „das Neue Bewusstsein“ in großbuchstaben gestolpert, weil ich es so unangemessen propaganda-mäßig empfinde, und auch darauf abzielt, dass das einzelne individuum nur irgendwie „bewusstseinsmäßig besser“ werden müsse, dann würde alles gut. wenn mensch das nicht hin kriegt, dann selber schuld, und ist dann leider nicht teil der aufgeklärten elite.
      dann bin ich beim lesen aber anders abgebogen als du, und tatsächlich tue ich das auch immer noch, wenn ich ab da weiterlese. klar, letztendlich fehlt diesem text der schritt hin zur analyse, dass die gewalt, die in unserem wirtschaftssystem angelegt ist, die grundlage ist für die individualisierung und entsolidarisierung, und dass es unmöglich ist, sich ihr wirklich zu entziehen. ich lese den part mit den „rücksichtslosen und selbstbezogenen individuen“ weniger wertend als du, eher als zustandsbeschreibung, und ich habe „den falschen weg“ (vielleicht zu wohlwollend) schon als grundsätzlich falschen weg gelesen. die forderungen von einer umsetzung eines nachhaltigkeitsgedankens sind doch zielführend, wenn das wirklich zuende gedacht wird, oder? klar, pauschal werte über wirtschaft zu setzen, das ist inhaltsleer. profitmaximierung ist schließlich auf eine art auch ein wert, und werte wie solidarität (wer
      mit wem?) sind ohne kontext auch nur ein schlagwort. hmm, also, beim ganz genauen lesen gibt der text tasächlich nicht sooo viel her. ich glaube, wir waren so erleichtert darüber, dass überhaupt mal ein mensch statistiken und zusammenhänge im bezug auf covid19 in einen sinnvollen bezug setzt, und dann dazu auch noch den größeren gesellschaftsbezug aufmacht, dass wir uns gleich zu begeisterung haben hinreißen lassen.
      immerhin ist der text eine gute diskussionsgrundlage. 🙂
      cool, dass du uns nicht so einfach davonkommen lässt mit zu einfachem denken!
      liebe grüße, some of us.
      ps: ellis huber ist übrigens ein mann. haben das aber auch erst gemerkt, als wir seinen wikipedia-eintrag gelesen haben.

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      1. > dass das einzelne individuum nur irgendwie „bewusstseinsmäßig besser“ werden müsse, dann würde alles gut.
        Ja, auf diesen (gerade in unseren Kreisen verbreiteten) Tenor reagier ich ziemlich allergisch. Es ist ne dreiste Kombi aus kompletter Verkennung der Sachlage, Chauvinismus und victim blaming.

        > ich lese den part mit den „rücksichtslosen und selbstbezogenen individuen“ weniger wertend als du, eher als zustandsbeschreibung
        Ich unterschreib den nicht mal als Zustandsbeschreibung. Für die Welt, in der die Leute stehen, sind sie geradezu unverschämt solidarisch, es muss noch _zusätzlich_ an ihnen gefeilt werden, damit sie das endlich mal bleiben lassen und nur noch ihr eigenes Glück verfolgen. Systemlogisch wäre es, sich gegenseitig als Konkurrenz vor die U-Bahn zu schubsen, anstatt einander hartnäckig als zu berücksichtigende Mitmenschen zu betrachten. (Die Menschennatur ist jedenfalls nicht mein Problem, das ist mal ne gute Nachricht.)

        > und ich habe „den falschen weg“ (vielleicht zu wohlwollend) schon als grundsätzlich falschen weg gelesen.
        Nur bei Illusionen über den Wirtschaftszweck ist die Rede von „falschem Weg“ sinnvoll. Ein Toaster, der nicht fliegt, hat keine „Fehlfunktion“ oder „den falschen Weg eingeschlagen“. Um den einen Zweck zu erfüllen, den die Wirtschaft hat, beschreitet sie genau den richtigen Weg.

        > die forderungen von einer umsetzung eines nachhaltigkeitsgedankens sind doch zielführend, wenn das wirklich zuende gedacht wird, oder?
        Forderungen (sind an sich schon nicht gerade mündig und) brauchen ein Gegenüber, von dem man fordert, und das ist in diesem Fall genau die Instanz, die die beklagten Umstände allgemeinverbindlich durchsetzt.
        Zielführend wäre die Einsicht, dass diese Wirtschafts- und damit Gesellschaftsform nicht nachhaltig sein _kann_ und dass man sich da nun mal entscheiden muss, ob man gewaschen werden oder trocken bleiben will. Wie war das mit Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit?

        > cool, dass du uns nicht so einfach davonkommen lässt mit zu einfachem denken!
        So was meine ich: Diese Reaktion empfinde ich mal wieder als geradezu exotisch gesund.

        > ps: ellis huber ist übrigens ein mann.
        Ah – auch recht 🙂 Ich kenne diesen Wir-wollen-uns-nun-tief-in-die-Augen-sehen-und-erkennen-was-wirklich-wichtig-ist-Tonfall zwar eher von Frauen, aber Patent haben sie natürlich keins drauf.

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