Kindergeburtstag

Seit einer guten Woche wiederkehrende melancholische Anwandlungen, und untergründig wachsende Überforderung. Und ein Staunen und ein (Vor)Freuen mit den (Außen)Kindern: Die Zwillinge wurden vier Jahre alt!

Es passiert uns auch sonst oft, aber rund um die Geburtstage besonders häufig: Wir betrachten unsere Kinder und wundern uns, wie groß sie schon sind. Dass sie immer noch leben. Dass wir sie schützen können. Und ein nicht geringer Teil des Schützen-Könnens ist, dass wir das überhaupt und immer noch hinkriegen, all diese kleinen, wichtigen, jeden-einzelnen-täglichen Dinge. Pausenbrote schmieren, die vollgepullerten Ski-Anzüge sofort in die Waschmaschine stecken, damit sie morgen wieder waldkindergartentauglich sind, Nasen putzen, Essen-das-gemocht-wird produzieren, im richtigen Moment trösten und im anderen Moment liebevoll konsequent bleiben, mitschneiden, dass das Brot und der Räuchertofu alle sind – und beides auch wieder neu besorgen, Zahnärztintermine ausmachen, auf Läuse überprüfen, Sondertermine in Kindergarten und Schule auf dem Schirm haben, und die ganze Repro drumherum. Und vor allem, ganz viel einfach da sein, ansprechbar sein, präsent sein. Wir müssen das nicht alleine machen. Nein, wir haben das Glück, unsere Kinder gemeinsam mit drei anderen Eltern – dem leiblichen Vater und zwei Co-Eltern – begleiten/aufziehen zu können. Ein Teil der Geburtstags-Melancholie ist auch einfach unfassbar große Dankbarkeit für diese anderen Erwachsenen in unserem Leben. Wie sie da sind, so selbstverständlich, so klar, für diese Kinder, und auch für uns. Und wir für sie. Wir haben eine Familie. Eine gute Familie.

Ja, sie leben. Die Zwillinge, und ihr großes Geschwister. Sie hätten noch eine viel größere Schwester. Die wäre jetzt bereits erwachsen, wenn sie hätte leben dürfen. Aber das durfte sie damals, als wir/dieser Körper noch jünger waren, als sie heute wäre, und als wir noch in der Welt der Täter*innen lebten, nicht. Diese unsere Kinder jetzt aber, sie leben, alle drei, und wir alle zusammen, so frei und so sicher wie viele Menschen auf der Welt überhaupt nicht leben können. Da kann man ja schon mal berührt werden. Da können mir ja mal, so wie jetzt gerade, während ich darüber nachdenke, das Herz und der Kopf explodieren, weil das so unfassbar unselbstverständlich und auch immer noch ein Stück weit un.begreiflich ist!

Und dann: Sie leben. Die Zwillinge. Weil sie eine Schwangerschaft überlebt haben, in einem trauma-beschriebenem Körper, in einer Gebärmutter, die ab der 12. Woche Wehen produziert hat, eine Schwangerschaft, in der eine Viele-Mutter, ab der 17. Woche zum Liegen verdammt, immer wieder mit Erinnerungen an das erste verlorene Kind geflutet, zwischen Bindung und Freude auf die Kinder und Angst vor der Bindung und vor Verlust schwankend, versuchte, irgendwie ruhig zu bleiben, weil heftige Emotionen auch jedes Mal Wehen auslösten. Wir und die Kinder in uns überlebten am Ende vier Wochen Krankenhaus und die strukturelle Gewalt eines großen Kreissaals mit Massenabfertigung. Die Kinder überlebten eine viele zu frühe Geburt, wir überlebten einen Notkaiserschnitt mit Komplikationen. Es war traumatisierend für uns, diese heftige Zeit verfolgte uns. Aber das Tolle daran war: Dieses Mal ging alles gut aus. Dieses Mal hatten wir Hilfe. Das, was uns passiert ist, war letztlich erzählbar, es hatte Zeug*innen, es ließ sich mit EMDR verarbeiten und integrieren, und alles das ist jetzt „einfach“ ein Teil unseres Lebens. Etwas, was wir geschafft haben!

Ja, die Zwillinge leben. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass für ein zu früh geborenes Kind im Durchschnitt 100.000 Euro ausgegeben werden, bis es nach Hause entlassen wird. Unsere Kinder leben, weil unsere Gesellschaft sich entschieden hat, dass sie insgesamt 200.000 Euro dafür ausgeben will, dass unsere Kinder überleben dürfen. Ganz winzig kleine Menschen (A.‘s Handfläche war so groß wie mein Daumennagel), die außer in der Welt ihrer Eltern und Geschwister noch keine Lücken hinterlassen würden, durften leben. Die Zeit ihrer Geburt fiel in den Spätherbst 2015, als so viele geflüchtete Menschen nach Deutschland kamen. Und in der gleichen Gesellschaft, die sich entschieden hat, unsere Kinder überleben zu lassen, gab es so viele laute Stimmen, die die flüchtenden Menschen auf dem Mittelmeer sterben lassen wollten, sie in Not und Krieg zurück schicken wollten. Menschen, die schon einen Abdruck in der Welt hinterlassen haben, die Lücken hinterlassen, bei ihren Kindern, Eltern, Freund*innen. Ich weiß noch, wie unfassbar auch das für uns war. Dieser Gegensatz. Diese Willkür.

Wir haben so viel Glück. Wir sind so privilegiert. Und so beschenkt.

Ja, die Zwillinge leben! Und das schon seit vier Jahren. Und wir haben ihren Geburtstag gefeiert. Und ihre beiden glückstrahlenden Kindergesichter, ihr begeistertes Kinderlachen, inmitten ihrer Freund*innen, voll albern während der Schatzsuche, dieser Moment ist so unfassbar kostbar für uns, so groß, so normal, so nicht-jeden-täglich, so unselbstverständlich, so umfassend wundervoll, dass ich gar nicht weiß, wo in der Schatzkammer unseres kleinen großen Herzens ich den unterbringen soll.

DIS = die Sollbruchstelle an Stelle des Ichs

Die Diagnose einer Dissoziativen Identitätsstörung haben wir irgendwann in 2001 bekommen, so ist zumindest die interne Geschichtsschreibung. Seitdem sind wir einen sehr, sehr langen Weg gegangen. Mit uns, mit dem Verstehen dieser „Diagnose“, mit dem Anerkennen und Begreifen und auch, immer wieder und ja, auch immer noch, mit dem Zweifeln.

Unsere Ziele haben sich seit der Zeit der ersten Auseinandersetzung mit dem „da-sind-noch-andere-in-mir (!???!?)“ sehr verändert. Zunächst ging es um Fragen, Zweifeln, um was-ist-da-noch?, dann um eine Anerkennung davon, dass unsere Biografie so wie gedacht nicht vollständig war, und um den Mut, so viel hinsehen zu können, um zu realisieren, dass wir weiter Gewalt erfahren, und dass wir auf dem besten Wege waren, das entweder nicht mehr zu überleben oder uns vollständig über eigene Schuld zu verstricken. Dann ging es jahrelang um Sicherheit. Um eine neue Chance in der Anonymität. Und immer nur um Über-Leben. Immer noch nicht zu genau hinschauen. Ringen um das Hin- oder Wegschauen.

Aber es gab auch schon immer eine Parallelspur. Ein Mehr-Wollen als nur Überleben, auch wenn das zeitweise nur von einzelnen von uns getragen werden konnte. Ein Sehnen nach dem Platz für uns in der Welt, ein Ahnen, dass da doch mehr sein muss als diese Leere, dieses Sollbruchstelle-Sein.

So lange machen wir schon Therapie, so lange versuchen wir zu verstehen, zusammen zu bringen, mehr miteinander als gegeneinander zu laufen, und ich glaube, erst im Laufe dieses Jahres haben wir zu verstehen begonnen, was das Ziel ist, um mehr in diesem Leben sein zu können: Es ist wichtig, dass wir lernen, weniger Sollbruchstelle zu sein. Dass wir weniger existieren mit den Freilassungen in uns drin; diese Freilassungen, die wir bereit halten, um sie von außen füllen zu lassen.

Wir wurden ja gemacht, um Sollbruchstelle zu sein.

Ein Selbst zu sein, das wurde ja als zu riskant empfunden (/das war zu riskant für die Täter*innen, und es war zu überwältigend für „uns“/den Selbstkern/das Ur-Ich, das wir mal waren), also mussten wir vom jeweiligen Moment füllbare „Ichs“ werden, die in ihrer Entstehung aber eben keine Ichs waren, sondern Reaktionen auf das, was die Umwelt/andere Menschen in dem Moment von unserem Sein forderten. Insofern sind alle diese „Ichs“ eher Spiegelungen des jeweiligen Moments im Außen, kein von innen gewachsenes echtes Ich. Und diese Spiegelung des Außen zu sein, das war der Grundimpuls in jedem Entstehen von jede_r_m von uns. Je länger ein „Ich“ in einem Raum sein kann, je mehr jedes „Ich“ ein Mehr an Erfahrung sammeln kann, desto mehr Dichte sammelt sich an, mehr echtes Ich-Sein.

Ein echtes Ich, so wie es in einer Person wachsen kann, die es niemals nötig hatte, so viel Raum für Außen in sich zu lassen, so viel Sollbruchstelle , weil sie erleben konnte, dass Brüchigkeit, Verletzlichkeit, Widersprüchlichkeit, Ambivalenz, Autonomie und Gefühle jeglicher Art spüren mit ausreichend bedingungsloser Liebe in einem ausreichend guten Rahmen gehalten wurde (so wie in einer hinreichend guten Kindheit eben), so ein Ich werden alle diese „Ichs“ für sich, und auch ein gesammeltes Ich aus der Vielzahl dieser „Ichs“, niemals sein. Das glaube ich einfach nicht mehr, wenn ich sehe, was bis hierher in unserem Leben möglich war. Und das ist ja schon vergleichsweise viel.

Wegen dem Grundimpuls der Spiegelung des Außen.

Weil jedes dieser „Ichs“ im Grunde eine vernarbte Sollbruchstelle ist.

Und weil da, wo bei anderen eine Art Kern des Ichs ist, bei uns eine grundsätzliche Leere ist, eine Bereitschaft, sich von Außen füllen zu lassen.

Wir sollten mit Sicherheit aufhören damit, zu versuchen, ein echtes Ich wiederherzustellen, wobei wiederherstellen ja auch bedeuten würde, dass es das überhaupt schon einmal gab, oder uns mit der Mimikry dessen so aufzureiben. Sondern nach den Wegen zu suchen, zu lernen, unsere Bereitschafts-Leere mit so viel gut-genugem Leben zu füllen, dass die Leere dicht genug wird, und dass die Sollbruchstellen weniger schmerzen.

Die Herausforderung, die wir annehmen sollten, ist, ein ausreichend stabiles Wir zu finden, und unseren Weg zu finden in einer Welt, die für echtes Ichs logisch ist und gemacht ist. Ausreichend dicht zu werden, dass wir unsere eigene Existenz spüren und nicht mehr in der Ich-Logik der anderen verschwinden.

Mit der Leere sein, und nicht mehr gegen sie ankämpfen.

Mit der Leere, und mit der Stille und dem Schweigen.

Und der Welt das Aushalten von Un-Logik (in deren Augen) zumuten.

Auch, wenn die Welt (noch) keinen Platz für etwas wie uns bereithält, sein. Denn es gibt uns ja.

Die Sache mit dem Ich

In der letzten Zeit beschäftigen wir uns ziemlich viel mit der Frage, was es eigentlich bedeutet, Viele zu sein. Inwiefern unterscheidet sich zum Beispiel unser Selbst-Konzept von dem einer Einzel-Person?

(Die Sache mit den richtigen Begriffen ist auch – naja, so eine Sache. Was ist denn zum Beispiel ein guter Begriff für einen Menschen, der sich im Gegensatz zu uns nicht als Viele empfindet? Wie so häufig gibt es für das, was als die Norm, als das Gegebene angesehene wird, gar keine Bezeichnung, weil es ja „einfach da“ ist. Das ist so wie mit dem Begriff „trans“ für alle, die irgendwie nicht in das zweigeschlechtliche Raster hineinpassen, und wo der Begriff „cis“ erfunden werden musste, um als Gegenüber von trans nicht „normal“ sagen zu müssen. Was ist also ein gutes Begriffsgegenüber für Vielesein? „Einzelsein“ könnte passen im Sinne von eine-einzelne-Identität-haben, auch wenn die natürlich auch kein statisches, immerwährendes Gebilde ist. „Wir sind ein Viele, du bist ein Einzel.“ Hmm. In Viele-Kreisen werden Einzels häufig auch als Unos bezeichnet. Davon mal abgesehen, dass die UNO ein ziemlich vielstimmiges Konstrukt ist, funktioniert der Begriff auch, wir mögen nur irgendwie den Klang nicht. Eins-Menschen? Nee, die nehmen wir auch nicht gerade immer als Eins-mit-sich wahr. Einzel als Bezeichnung finden wir hier gerade irgendwie witzig. Versuchen wir es also mal damit. Du kannst uns ja mal einen Kommentar hinterlassen, was für dich eine angenehme Selbst-Bezeichnung wäre, wenn du als das hier lesender Mensch ein Einzel bist.)

Kehren wir nun nach diesem kleinen Exkurs zum Thema Bezeichnungen aber wieder zum Thema zurück. Wir versuchen uns der Frage nach dem Ich oder Wir gerade lesend anzunähern. Unter anderem haben wir gerade „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ von Richard David Precht am Wickel. Und hatten gerade viel Vergnügen mit dem Kapitel „Die Mach-Erfahrung. Wer ist ich?“ Mit Mach ist der Physiker und Allround-Wissenschaftler Ernst Mach gemeint. Der hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Ich als „unrettbar“ postuliert, weil es nach seiner Überzeugung nur eine Illusion sei, die durch alle möglichen Empfindungen in Interaktion mit der Außenwelt entstehe. David Hume war schon 1739 ähnlicher Ansicht. Und wir so beim Lesen: „Ha! Es gibt gar kein Ich!“

Dann lässt Precht in dem Kapitel kurz die Psycholog*innen zu Wort kommen. Die sagen so ungefähr: „Jo, ein Ich lässt sich nicht messen, also gibt es das nicht so eindeutig. Aaaaaber – wir machen’s mal komplizierter, führen das Selbst ein, mit einem Selbst-Konzept (das ist so die Idee darüber, wer man so ist), und den Selbst-Wert (das ist so die Global-Bewertung darüber, wie man sich so findet, als die Person, die man ist.) Und für ein Selbst-Konzept muss man wahrnehmen, wie man handelt. Da braucht es also ein Ich, das handelt, und ein Ich, das dieses Handeln beurteilt.“ Voll schlau, auf diese Weise das Ich gleichzeitig umschifft und wieder eingeführt zu haben. Und wir so beim Lesen: „Hmmm…“ Precht benutzt die englischen Worte „I“ für das handelnde Ich, und „Me“ für das bewertende. Das sind ja wie zwei innerliche Instanzen, die aber trotzdem nicht das zusammenhängende Ich-Gefühl eines Einzels zu zerstören, sondern sich im Gegenteil gegenseitig ergänzen und gemeinsam das Selbst-Gefühl eher zu produzieren scheinen. An diesem Punkt besteht ein erster Unterschied dazu, wie sich das für uns anfühlt. Denn bei uns werden immer wieder Handlungen ausgeführt – sowohl im Konkreten, wie beispielsweise Milchschokolade mit Haselnüssen zu essen, obwohl der Körper das nicht sonderlich gut verträgt, und obwohl einige Innenpersonen wollen, dass wir vegan leben, als auch gedankliche Handlungen, wie zum Beispiel bestimmte Bewertungen von Situationen als gefährlich, die objektiv betrachtet ungefährlich sind, vorzunehmen – , die sich für mich als Alltag-managende Person in diesem System als komplett ich-fremd anfühlen. Und die nicht zu einer Stärkung des Kohärenz-Gefühls und somit zu einem klareren Selbst-Konzept führen. Und das erlebe ich laufend, und das gilt für Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Handlungen und sogar Körperempfindungen gleichermaßen. Wir haben im Alltag einen hohen Grad an Co-Bewusstsein, aber im Extremfall muss ich ja auch feststellen, dass in meiner Abwesenheit der Körper offensichtlich weiter in der Welt anwesend war und Handlungen vollzogen hat, an die ich anknüpfen muss und deren Konsequenzen ich tragen muss. Das ist dann der größte Bruch zwischen handelndem Ich und bewertendem Ich, weil das gefühlt dann nicht mal mehr in derselben Person stattfindet, obwohl es das ja offensichtlich tut. Und natürlich führen solche Erfahrungen zwangsläufig eben nicht zu einem Einzel-Selbst-Konzept, sondern zu einem Viele-Selbst-Konzept.

Weiter im Text. Die Hirnforscher*innen treten auf den (Prechts) Plan. Und die können, ganz verkürzt geschrieben, kein Ich irgendwo lokalisieren. Aber sie können, ausgehend von Menschen, die aufgrund von Unfällen oder Krankheiten spezifische Ausfälle des Hirns haben, verschiedene Arten von Unter-Ichs ausmachen: ein Körper-Ich, ein Verortungs-Ich, ein perspektivisches Ich, ein Ich-als-Erlebnissubjekt, ein Autorschafts- und Kontroll-Ich, ein autobiografisches Ich, ein selbstreflexives Ich und ein moralisches Ich. Wir so beim Lesen: „Woah!!!!“ (Echt lustig, weil wir das alles im Psychologie-Studium tatsächlich ja schonmal gelernt haben, aber es dort irgendwie nie so in einen Sinn-Zusammenhang gebracht haben…) Das Woah bedeutet übersetzt: Stimmt, so ein Ich-Gefühl ist auch bei Einzels ein komplexes System. Und das ist uns ja auch klar. (Sonst würden wir als Begriffs-Gegenüber das Wort „Simpel“ verwenden 😀 .) Aber uns wurde beim Lesen klar, dass sich für jede Innenperson in uns jede einzelne dieser Ich-System-Komponenten vollkommen anders anfühlen kann. Das Körpergefühl und überhaupt die Fähigkeit, den Körper wahrzunehmen, unterscheidet sich von Innenperson zu Innenperson, sogar bei den Alltagspersonen, die gut in Raum und Zeit orientiert sind. Auch die Wahrnehmungsperspektive ist bei uns öfter verschoben: Wenn ich beispielsweise von innen dabei zuschaue, wie eine andere Innenperson im Außen handelt, dann habe ich manchmal den Eindruck, neben, hinter oder sogar über dem Geschehen zu sein. Und was das alles mit unserem allgemeinen Empfinden von Erlebnissubjekt-Sein, Autorenschaft und Kontrolle und mit dem autobiografischen Empfinden macht, lässt sich vielleicht auch aus Einzel-Sicht vorstellen. Sobald ich jetzt aber das „Wir“ an die Stelle des Ichs setze, dann macht das alles wieder Sinn für uns. Wir haben ein Körper-Wir, ein Verortungs-Wir, ein perspektivisches Wir, ein Wir-als-Erlebnissubjekt, ein Autorenschafts- und Kontroll-Wir, ein autobiografisches Wir (das notwendigerweise immer noch ziemlich poly-biografisch ist), ein selbstreflexives Wir und ein moralisches Wir. Sobald wir uns erlauben können, ein Viele-Ich, also ein Wir zu sein, macht das alles wieder Sinn. Und nebenbei bemerkt funktioniert ja sogar unser Viele-Ich auf so kohärente Weise, dass wir unser Leben weitestgehend gut im Griff haben, und sogar auch als Einzel-Ich durchgehen können, wenn wir das wollen. Das kostet uns allerdings auf die Dauer sehr viel Energie.

Es gibt bei Precht einen Satz, der hat uns richtig angesprungen: „Für mein perspektivisches Ich kann ich wenig, es ist jedem normalen Menschen vorgegeben, ebenso das Körper-Ich.“ Das ist ein super Beispiel dafür, wie Menschen Sachen als gegeben hinnehmen, wenn sie der Norm entsprechen (also ein „normaler Mensch“ wie Richard David Precht sind). Wenn man das einmal erlebt hat, wie das ist, in einer Nahtod-Erfahrung über sich zu schweben, oder im wahrsten Sinne des Wortes „neben sich zu stehen“, während ein anderes Innen-Ich mit dem eigenen Körper handelt, oder wie einem das Gefühl, überhaupt einen Körper zu haben, fast ganz verloren geht, oder wie man plötzlich das Gefühl hat, ein winziges Wesen in einer gigantischen Körperhülle zu sein, dann ist das perspektivische Ich oder das Körper-Ich nie wieder so ganz selbstverständlich.

Einer der Fazit-Sätze dieses Kapitels bei Precht lautet: „Stattdessen haben wir ein schillerndes, vielschichtiges und multi-perspektivisches Ich. Denn die Hirnforschung beweist nicht, dass es kein Ich gibt, sondern dass unser gefühltes Ich ein unglaublich komplizierter Vorgang im Hirn ist, so faszinierend, dass wir nach wie vor allen Grund haben, darüber zu staunen.“ Ja, wir finden das auch wirklich staunenswert. Unser Ich ist halt ein noch etwas multi-perspektivischeres Viele-Ich. Aber das ist halt unsere Anpassungsleistung an die Umwelt gewesen, in der wir uns entwickelt haben, und in der sich unser Hirn entwickelt hat. Ist das nicht wiederum auch so richtig zum Staunen? Und wir wünschen uns, dass alle Menschen öfter staunen und sich wundern, egal jetzt ob über Einzel- oder Viele-Ichs. Mehr staunen, weniger abwehren, katalogisieren und pathologisieren. Das könnte die Welt für alle Un*Normalen etwas weniger be_hindern.

Warum schreiben wir? Oder: Wer soll das lesen?

„Ich habe mich so tief und so lang ins Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken.“

— Herta Müller, Atemschaukel.

Wir schreiben gerne, eigentlich. Seit wir schreiben können. Schreiben war für uns von Anfang an eine Art Magie, ein Ausdrucksmittel, ein Experimentierraum. Tagebuchschreiben hat manchen von uns dabei geholfen, sich zu sortieren und Halt zu finden; Geschichten schreiben war einer von mehreren Kanälen, in Parallelwelten abzutauchen; und Poesie gab uns einen Ausdruck für ansonsten Unsagbares/unmitteilbaren Schmerz.

Schreiben ist aber oft auch ein großer Kraftakt für uns. Zum einen ist Schreiben sichtbar werden, zumindest, wenn das Geschriebene auch gelesen wird, oder auch nur, weil es potentiell gelesen werden könnte. Und so oft ringen wir mit der Sprache und ihrer Begrenztheit, können nicht den Ausdruck finden, der dem entspricht, was wir sagen müssten. Und ja, wir ringen immer wieder vor allem mit dem Schweigen, das in uns entstanden ist und das in uns gemacht wurde durch die, welche die ersten mehr als zwanzig Jahre unseres Lebens bestimmten und durch das, was uns geschehen ist, nein, sag es richtig: angetan wurde. Und wir ringen mit dem Vielesein, mit den vielen Facetten und Perspektiven in unserem und auf unser Leben, und damit, wie sich diese polyfacettierte Wahrheit am authentischsten, am wahrhaftigsten ausdrückt. Und oft genug fehlt uns zum Schreiben entweder die Zeit, weil wir mittlerweile und trotz allem ein sehr lebendiges Leben führen, oder die Kraft – weil wir trotz allem ein sehr lebendiges Leben führen, und weil wir wegen allem (immer noch/für immer?) weniger belastbar sind als andere, und oft nach Mutter sein, Partnerin sein, andere Menschen professionell begleiten oder unterrichten, nach Reproduktion und nach Grundbedürfnisse-erfüllen (und letzteres beides gelingt sowieso schon eher nicht so super, nur um keinen falschen Eindruck zu erwecken) nichts anderes mehr geht als herumliegen, Wände anstarren, uns unter der Decke verkriechen, oder stumpf irgendwas glotzen. Jedenfalls nicht mit Worten und Schweigen ringen.

Warum jetzt aber doch, warum jetzt ein Schreibcommitment, warum ein Blog? Wegen all dem: Sichtbar werden wollen, gelesen werden wollen, Ausdruck finden wollen, uns aus dem Schweigen auszupacken versuchen. In das wir eingepackt, einmanipuliert, hineinbedroht, hineingefoltert wurden, und in das wir uns nun gewohnheitsmäßig selbst einpacken. In das wir uns selbst einpacken in der Angst, dass unser Sprechen, unser Be-zeugen zu schmerzhaft und zu bedrohlich für unser Gegenüber sein könnte. Oder dass es real bedrohlich für uns werden könnte, weil entweder einige von uns in uns oder diejenigen, die die Vorbilder oder die Erschaffer*innen für jene in uns waren, finden, dass wir zu viel (aus)gesprochen haben.

Wir schreiben, weil es uns jetzt reicht. In uns, aber auch in dieser Gesellschaft, in der wir leben, von der wir ein Teil sind, an der wir teilhaben wollen, und an der wir ganz teilhaben wollen, und nicht nur der leistungsfähige, „hochfunktionale“ Teil von uns.

Wir schreiben, um ein Echo zu finden; für die Gewalt, die wir erlebt haben, in uns tragen und verkörpern, aber auch für das Gute, was wir daraus heraussieben wie kleine Goldkörnchen inmitten von Schlacke, und manchmal dem Leben regelrecht abtrotzen.

Wir schreiben, um verständlich zu machen, wie es sich anfühlt, wie es sich lebt damit, keinen Kern von „ich bin“ zu haben, sondern an dessen Stelle eine Leere, eine Sollbruchstelle, ein „ich bin bereit, mich dir vollkommen anzupassen, jederzeit, um zu überleben“, eine Leere, die umhüllt und verdeckt ist von Schichten von Ich-Potentialen, von Selbst-Fragmenten, und wie das alles doch auch irgendwie eine Identität ergibt, einen beschreibbaren Menschen mit spezifischen Persönlichkeits- und Charaktermerkmalen. Wir schreiben vielleicht auch auf der Suche nach dem Kern in der Leere.

Wir schreiben in der Hoffnung, dass unser Denken und unsere Einsichten und unsere Erfahrungen anderen was bringen. Vor allem anderen Vielen, aber vielleicht auch anderen Menschen, die Viele_Menschen auf irgendwelche Arten unterstützen. Wir schreiben, weil wir einen langen Weg gegangen sind, und ihn immer weiter gehen, und weil der sich lohnt, und weil es vielleicht irgendwem hilft, zu lesen, dass es sich lohnt.