Lineare Zeit vs. Amöbenzeit vs. Gleichzeit

OK. die zeit REICHT einfach nicht. wie soll mensch auch so viel im inneren umherwabernde amöben-zeit so in die in der realität³ vorherrschende lineare zeit einpassen, dass das ein halbwegs übereinstimmendes ganzes ergibt? *seufz*

Zitat: Wir selbst, an anderer Stelle

Die Ferien sind vorbei. Der Wecker klingelt wieder morgens um 6:20 Uhr, dann muss das große Kind so liebevoll wie möglich und so penetrant wie nötig aus dem Bett herausgezaubert werden. Anziehen, Zähne putzen, frühstücken alle-diese-kleinen-Dinge-zum-Schule-vorbereiten-erledigen-und nichts-vergessen, und nebenbei dasselbe (bis auf Schule) auch für uns hinkriegen. Dann sind die Zwillinge wach, und das ganze nochmal von vorne, plus jetzt im Winter noch das Eintüten von zwei vielgliedrigen, zappeligen Tintenfischwesen Kindern in etwa zehn Schichten warme Klamotten.

Dann sind die ersten zweieinhalb Stunden des Tages rum, und wir haben gefühlt unser Pensum schon erreicht.

Unsere Gesellschaft ist vollkommen ausgerichtet auf und eingerichtet in der linearen Zeit. Alles schreitet immer voran. Es gibt ein Heute/Jetzt, das eingerahmt ist von einem Gestern/Vergangensein und einem Morgen/Es wird sein. Alles und alle befinden sich dauernd auf einem Zeitkontinuum, das sich einteilen lässt in immer kleinere Abschnitte, und auf welchem alle Menschen sich verorten können und sollen. Und dieses Zeitkontinuum ist untrennbar verbunden mit einem räumlichen, materiellen Sein. Ich bin jetzt hier. Ich kann nicht gleichzeitig woanders sein.

Und um funktionieren zu können in dieser Realität³ ist es wichtig, Raum-Zeit-Kontinuität zu können. Einschätzen können, welche Handlungen wie viel Zeit brauchen, und wie sie hintereinander und umeinander geplant werden müssen, um in ein bestimmtes Zeitfenster zu passen. Verabredungen treffen können. Deadlines einhalten können. Die Uhr zweifelsfrei lesen können, das Zeit- und das Raumraster über einander legen können, um pünktlich an einem bestimmten Ort zu sein.

Wer mit Kindern zusammen lebt, di/er weiß, dass Menschen das nicht von Geburt an können. Selbst unsere 7jährige lebt morgens noch in einer eigenen Kaugummi-Zeitblase und würde es niemals pünktlich zum Schulbus schaffen, wenn wir diese Blase nicht immer wieder mit gezückten Uhrzeigern aufpieksen würden.

Wir sind selbst noch nie besonders fest in der linearen Zeit verankert gewesen, und es kostet uns nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit und Energie.

Die Traumatisierungen, und mit ihnen verbunden die Innenpersonen als sozusagen mehr oder weniger „Person“-gewordene Trauma-Momente oder Trauma-Zeit-Raum-Verschränkungen haben in uns im Inneren eine Art Amöben-Zeit geschaffen, die ihre Form beliebig ändern kann und es auch beständig tut.

Realität³ von heute begegnet uns – und wir ihr – und Sinnesreize aller Art, Gefühle und Gedanken treffen auf Zeitblasen, eingefrorene Zeit, also Innenpersonen, deren persönliche Uhr irgendwo anders stehen geblieben ist, langsamer oder schneller tickt, und deren Zeitwahrnehmung nicht linear ist. Die gar nicht linear sein kann, denn die Voraussetzung dafür wäre eine Wahrnehmung von Kontinuität. Und dieses Aufeinandertreffen erzeugt einen fast ständigen Amöbenzeit-Sog. Mehrmals pro Stunde – ich glaube, die Häufigkeit unterschätzen wir Alltagspersonen sogar eher – wird ein Abdriften in „Früher“ ausgelöst. Wird irgendwer hier innen angestoßen, werden Bilder, Gefühle, somatische Flashs angerührt. Wir schneiden das als Parallelfilm so mit und sind gewohnt, lächelnd mit der Welt zu interagieren, während parallel als eine Art transparenter Screen Szenen ablaufen oder Schreie oder Kommentare gehört werden. Aber es kostet uns Fokus und Energie. Und je voller an Reizen unsere Umgebung ist, desto größer wird der Amöbenzeit-Sog, und desto schwieriger wird es, in der Realität³ verankert zu bleiben.

Wir sind insgesamt und auf den ersten Blick ein sogenanntes hochfunktionales System. Aber je durchlässiger füreinander wir werden, je weniger Erleben einfach für uns „anscheinend normale Persönlichkeiten“ wegdissoziiert wird, und je älter wir werden, desto mehr wird spürbar, wie anstrengend das Eingetaktet-Sein in der linearen Zeit wirklich für uns ist. Wir können das – und wollen es können! -, aber es kostet uns einiges.

Neben der linearen und der Amöbenzeit gibt es für uns aber noch eine dritte Art von Zeiterleben, die wir mit manchen Menschen ohne Traumahintergrund teilen. Wir nennen es die Gleichzeit, und wir meinen damit Erfahrungen von Zeitlosigkeit und Ewigkeit, von Parallelität und Zyklischem Sein. Ich vermute, dass alle Menschen diese Erfahrung machen könnten, dass aber die frühen Traumatisierungen – und vielleicht auch die frühen extrem-spirituellen Tranceerfahrungen im rituellen Kontext – Öffnungen und Risse in uns gelassen oder geschaffen haben, die uns empfänglicher für diese Art von Zeit machen.

Diese Art von Zeiterleben ist für uns ein spirituelles, mystisches Erleben, und etwas, das wir – genau so wenig wie die Amöbenzeit – nicht „machen“ können. Wir können schon einiges tun, was die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, aber letztlich sind diese Zustände für uns eine Art Gnade, die uns manchmal geschenkt wird.

Mit acht Jahren hatten wir zum ersten Mal spontan eine Erfahrung von Aufgehen in etwas Größerem, von Verbundensein von allem und mit allem, und was immer es war, es war eines von diesen Dingen, die uns gerettet haben. (Wir haben hier in einem älteren Artikel ausführlicher darüber und über den spirituellen Aspekt unseres Ausstiegs geschrieben.) Wir hatten und haben immer mal wieder derartige Erlebnisse, fast immer in der Natur.

Auch wenn das Erleben von Gleichzeit sehr selten stattfindet, so ist das für uns trotzdem ein starkes Gegengewicht gegen das destruktive Wirken der Amöbenzeit. Die Amöbenzeit hinterlässt oft ein Gefühl von Ausgeliefertsein, Ohnmacht, Einsamkeit und Sinnlosigkeit, und die Erfahrung von Gleichzeit schenkt uns dagegen ein Gefühl von bedingungsloser Liebe, Verbundensein und eines tieferen Sinns hinter allem. Gleichzeit ist dabei überhaupt nicht immer angenehm, aber sie schafft Verbindung. Und sie fordert uns auch heraus, aber sie macht uns mutig, nicht klein.

Und Gleichzeit hilft uns dabei, uns besser in der linearen Zeit zu verorten. Weil sie uns sortierter und gelassener macht, weil sie uns dabei hilft, mit weniger Angst auf das noch im Trauma gefrorene in uns zu schauen und dadurch weniger Dissoziation nötig macht. Und weil sie uns auch daran erinnert, dass diese ganze lineare Zeit auch nur ein Aspekt von allem ist, und dass ein zu starres Fixiert-Sein auf sie uns alle zu Momos Grauen Herren macht. Und bei aller „(Hoch-)Funktionalität“ – wer will das schon?

Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

Momo, Michael Ende

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