Kindergeburtstag

Seit einer guten Woche wiederkehrende melancholische Anwandlungen, und untergründig wachsende Überforderung. Und ein Staunen und ein (Vor)Freuen mit den (Außen)Kindern: Die Zwillinge wurden vier Jahre alt!

Es passiert uns auch sonst oft, aber rund um die Geburtstage besonders häufig: Wir betrachten unsere Kinder und wundern uns, wie groß sie schon sind. Dass sie immer noch leben. Dass wir sie schützen können. Und ein nicht geringer Teil des Schützen-Könnens ist, dass wir das überhaupt und immer noch hinkriegen, all diese kleinen, wichtigen, jeden-einzelnen-täglichen Dinge. Pausenbrote schmieren, die vollgepullerten Ski-Anzüge sofort in die Waschmaschine stecken, damit sie morgen wieder waldkindergartentauglich sind, Nasen putzen, Essen-das-gemocht-wird produzieren, im richtigen Moment trösten und im anderen Moment liebevoll konsequent bleiben, mitschneiden, dass das Brot und der Räuchertofu alle sind – und beides auch wieder neu besorgen, Zahnärztintermine ausmachen, auf Läuse überprüfen, Sondertermine in Kindergarten und Schule auf dem Schirm haben, und die ganze Repro drumherum. Und vor allem, ganz viel einfach da sein, ansprechbar sein, präsent sein. Wir müssen das nicht alleine machen. Nein, wir haben das Glück, unsere Kinder gemeinsam mit drei anderen Eltern – dem leiblichen Vater und zwei Co-Eltern – begleiten/aufziehen zu können. Ein Teil der Geburtstags-Melancholie ist auch einfach unfassbar große Dankbarkeit für diese anderen Erwachsenen in unserem Leben. Wie sie da sind, so selbstverständlich, so klar, für diese Kinder, und auch für uns. Und wir für sie. Wir haben eine Familie. Eine gute Familie.

Ja, sie leben. Die Zwillinge, und ihr großes Geschwister. Sie hätten noch eine viel größere Schwester. Die wäre jetzt bereits erwachsen, wenn sie hätte leben dürfen. Aber das durfte sie damals, als wir/dieser Körper noch jünger waren, als sie heute wäre, und als wir noch in der Welt der Täter*innen lebten, nicht. Diese unsere Kinder jetzt aber, sie leben, alle drei, und wir alle zusammen, so frei und so sicher wie viele Menschen auf der Welt überhaupt nicht leben können. Da kann man ja schon mal berührt werden. Da können mir ja mal, so wie jetzt gerade, während ich darüber nachdenke, das Herz und der Kopf explodieren, weil das so unfassbar unselbstverständlich und auch immer noch ein Stück weit un.begreiflich ist!

Und dann: Sie leben. Die Zwillinge. Weil sie eine Schwangerschaft überlebt haben, in einem trauma-beschriebenem Körper, in einer Gebärmutter, die ab der 12. Woche Wehen produziert hat, eine Schwangerschaft, in der eine Viele-Mutter, ab der 17. Woche zum Liegen verdammt, immer wieder mit Erinnerungen an das erste verlorene Kind geflutet, zwischen Bindung und Freude auf die Kinder und Angst vor der Bindung und vor Verlust schwankend, versuchte, irgendwie ruhig zu bleiben, weil heftige Emotionen auch jedes Mal Wehen auslösten. Wir und die Kinder in uns überlebten am Ende vier Wochen Krankenhaus und die strukturelle Gewalt eines großen Kreissaals mit Massenabfertigung. Die Kinder überlebten eine viele zu frühe Geburt, wir überlebten einen Notkaiserschnitt mit Komplikationen. Es war traumatisierend für uns, diese heftige Zeit verfolgte uns. Aber das Tolle daran war: Dieses Mal ging alles gut aus. Dieses Mal hatten wir Hilfe. Das, was uns passiert ist, war letztlich erzählbar, es hatte Zeug*innen, es ließ sich mit EMDR verarbeiten und integrieren, und alles das ist jetzt „einfach“ ein Teil unseres Lebens. Etwas, was wir geschafft haben!

Ja, die Zwillinge leben. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass für ein zu früh geborenes Kind im Durchschnitt 100.000 Euro ausgegeben werden, bis es nach Hause entlassen wird. Unsere Kinder leben, weil unsere Gesellschaft sich entschieden hat, dass sie insgesamt 200.000 Euro dafür ausgeben will, dass unsere Kinder überleben dürfen. Ganz winzig kleine Menschen (A.‘s Handfläche war so groß wie mein Daumennagel), die außer in der Welt ihrer Eltern und Geschwister noch keine Lücken hinterlassen würden, durften leben. Die Zeit ihrer Geburt fiel in den Spätherbst 2015, als so viele geflüchtete Menschen nach Deutschland kamen. Und in der gleichen Gesellschaft, die sich entschieden hat, unsere Kinder überleben zu lassen, gab es so viele laute Stimmen, die die flüchtenden Menschen auf dem Mittelmeer sterben lassen wollten, sie in Not und Krieg zurück schicken wollten. Menschen, die schon einen Abdruck in der Welt hinterlassen haben, die Lücken hinterlassen, bei ihren Kindern, Eltern, Freund*innen. Ich weiß noch, wie unfassbar auch das für uns war. Dieser Gegensatz. Diese Willkür.

Wir haben so viel Glück. Wir sind so privilegiert. Und so beschenkt.

Ja, die Zwillinge leben! Und das schon seit vier Jahren. Und wir haben ihren Geburtstag gefeiert. Und ihre beiden glückstrahlenden Kindergesichter, ihr begeistertes Kinderlachen, inmitten ihrer Freund*innen, voll albern während der Schatzsuche, dieser Moment ist so unfassbar kostbar für uns, so groß, so normal, so nicht-jeden-täglich, so unselbstverständlich, so umfassend wundervoll, dass ich gar nicht weiß, wo in der Schatzkammer unseres kleinen großen Herzens ich den unterbringen soll.

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