30.000 und die falschen Gefühle

Seit Monaten verfolgen wir die Berichterstattung zu den größeren Missbrauchsfällen, und wie nach und nach immer mehr Taten und Täter*innenstrukturen aufgedeckt werden. Erst Lügde, dann Bergisch-Gladbach, und dann Münster.

Uns ist dabei die ganze Zeit aufgefallen, dass wir meistens anders auf die Berichterstattung und die Informationen reagieren, als die Menschen um uns herum. Überall so viel Überraschung, Betroffenheit, und sogar bei den Profis sichtbare Erschütterung und Ekel. Und bei uns? Vor allen Dingen Erstaunen. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass nicht seit den 80er Jahren zunächst vor allem Feminist*innen wiederholt und beständig darauf aufmerksam gemacht haben, dass es sexualisierte Gewalt über Kinder in einem gesellschaftsüberspannenden, großen Ausmaß gibt, und dass nicht auch seit den 90er Jahren viele Psycholog*innen diese Aussagen bestätigt und bekräftigt haben. Und spätestens seit den 2000er Jahren gibt es mehr und mehr Schilderungen von Betroffenen, von Psycholog*innen, zum Teil von forensischen Expert*innen, von Berater*innen, von Seelsorger*innen, die schon damals – noch vor dem Internet, oder zu Beginn der großflächigen Nutzung des Internets -, von geschäftsmäßiger sexualisierter Ausbeutung von Kindern berichtet haben, von organisierter, heftiger Gewalt, von organisiertem Austausch von Abbildungen und Filmen und von einer geschäftsmäßigen Herstellung des Ganzen. Und jetzt lesen wir von schockierten Polizist*innen. Und hören von Politiker*innen, die ein solches Ausmaß nie vermutet hätten. Und so weiter, was man sonst noch so in allgemeiner Hilflosigkeit für Wortbausteine benutzen kann. „Unaussprechliche Gewalt“ zum Beispiel. „Unmenschliche Täter“. Und uns erstaunt das, weil wir wahrnehmen, dass diese Polizisten und Staatsanwälte und Politiker wirklich spürbar betroffen sind. Und es erschreckt uns auch zutiefst. Weil – ehrlich – wie könnt ihr denn bitte diesen Job machen und das alles ernsthaft noch nicht mitbekommen haben? Wie könnt ihr in DIESEM Job so bereitwillig NICHT geglaubt und nicht hingeguckt haben? Das zeigt uns vor allem, wie wirkmächtig die Erzählungen, die eine Gesellschaft über sich hat, wirklich sind. Denn eigentlich kann so eine Form von organisierter Gewalt über Kinder ja hier nicht stattfinden. Weil wir aufgeklärt sind. Zivil. Humanistisch. Demokratisch. Weil wir uns ja mit unserer heftigen Gewalthistorie als Staat und Gesellschaft so gut auseinandergesetzt haben.

Und dann waren wir vor allem sehr, sehr wütend. Über die Berichterstattung, über die polizeiliche Arbeit (so wir sie denn mitbekommen können), über die Prozesse, die bisher gelaufen sind. Alles kranke Einzeltäter. Natürlich. Die alle einzeln ihren Prozess bekommen. Immerhin werden jetzt über die Internet-Netzwerke, die die Täter*innen geschaffen haben, auch weitere Taten sichtbar und können so aufgedeckt werden. Aber inwiefern wird dem organisierten Anteil an dem Ganzen Rechnung getragen? Denn es macht einen Unterschied, ob meine Hauptbezugsperson mich auch noch an andere weitergibt, und es macht einen Unterschied, ob Bilder und Filme von mir in den Momenten gemacht werden, in denen ich vollkommen überwältigt, erniedrigt und entwürdigt werde, und die andere dann kaufen oder tauschen wie Fußballbildchen. Es macht einen Unterschied, ob das, was mir angetan wird, gemeinschaftlich passiert. Es geht uns gar nicht unbedingt um ein hohes Strafmaß – was wirklich wirksame Maßnahmen sein könnten, ist noch einmal eine ganz andere Diskussion -, sondern darum, dass WAHRGENOMMEN wird, wie schwerwiegend und wirklich gesellschaftsdurchziehend (und -zersetzend) das Problem ist.

Ja, es ist hart, sich diesem Teil der Realität³ zu stellen, aber umso weniger hilfreich ist dieses Narrativ davon, dass die Ermittlungen selbst für erfahrene Polizist*innen schwer zu ertragen seien. Auch wenn wir uns gut vorstellen können, dass das wirklich stimmt. Die Berichte über geschockte Polizist*innen sollen verdeutlichen, wie schlimm es ist. Wir sollten vermutlich Mitgefühl empfinden für die Menschen, die damit konfrontiert sind. Aber wenn schon Polizist*innen das eigentlich nicht aushalten, wer dann? Wem soll ich denn davon berichten können, wenn nicht der Polizei? Und wie will eine Gesellschaft wach für diese Geschehnisse werden, was die Grundvoraussetzung dafür ist, wirkungsvoll etwas dagegen zu unternehmen, wenn das alles „unvorstellbar“ und „unerträglich“ ist?

Die wachsende Zahl der Fälle der letzten Monate. Die großflächige, bundesweite und auch internationale Vernetzung, Organisierung und Verstrickung. Die scheinbar hohen Zahlen der Einzeltaten, die pro Einzeltäter verhandelt wurden. Wir waren froh darüber, dass endlich so viel ans Licht kommt. Und dennoch war da immer dieser Gedanke: Es ist doch immer noch nur die Spitze des Eisbergs.

Heute kam dann die Nachricht mit dieser großen Zahl. 30.000 Tatverdächtige, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen rund um den Fall aus Bergisch-Gladbach als Konsument*innen von Gewalt-über-Kinder-Pornografie und als Tatverdächtige von sexualisierter Gewalt über Kinder im Raum stehen. Die Zahl ist so groß, dass sie schon schwer vorstellbar ist. 30.000 Menschen sind mehr, als in der Kleinstadt, in der wir aufwuchsen, insgesamt lebten. Die Konkretheit dieser Zahl wirkt auch auf uns beeindruckend. Und uns berührt das Wissen, das hinter jeder einzelnen Eins-Zahl so viel individuelles Leid steckt. Aber unsere allererste Reaktion beim Lesen der Nachricht? Erleichterung. Endlich wird mal von einer Dimension gesprochen, die unserer Realität³ entspricht. Die dem entspricht, worüber viele Betroffene, aber auch viele Therapeut*innen und andere Berufsgruppen schon seit gefühlt unendlich vielen Jahren berichten. Endlich wird der Eisberg mal so sichtbar, dass der unter der Oberfläche liegende Teil nicht mehr ignoriert werden kann.

Wir wissen gleichzeitig, wie stark gesellschaftliche Verdrängung wirkt. Wir müssen historisch nicht weit zurück gucken, um zu erkennen, dass eine Gesellschaft noch wesentlich größere Eisberge ignorieren kann, wenn sie nur will. Und wir wissen auch, dass Erkenntnis noch keine Veränderungen schafft, und dass eine Gesellschaft, die im Entsetzen erstarrt, nicht unbedingt handlungsfähiger wird. Es braucht viel mehr Verstehen, inwiefern Gewalt jeglicher Art als traumatisches Hintergrundmuster unsere ganze Gesellschaft durchwirkt, informiert und als kollektive Normierung die konkreten Handlungen aller mitbestimmt. Aber wenigstens einen Teil davon sehen zu können und begreifen zu können, das birgt zumindest eine Chance auf echte Veränderung.

Oder?

Komplextrauma, Covid19 und kollektive Verdrängung

Wir können keine großen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit großer Liebe.

Mutter Teresa

Alles ist anders gerade. Die Welt in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten ist nachhaltig erschüttert. Ständig prasseln neue Informationen, neue Maßnahmen, neue gesellschaftliche Regeln auf alle herein, erfordern eine unglaublich schnelle Anpassung und Flexibilität, wirbeln Familien auf und Existenzen durcheinander, und zwingen alle beständig, Stellung zu beziehen, soziale Entscheidungen zu treffen und sich mehr oder weniger anzupassen. Plötzlich sind die ganz großen Fragen im Raum, und zwar ganz konkret, in jedem einzelnen Leben: Was ist ein Leben wert? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit herzugeben, um Leben zu retten? Wieviel ist eine Gesellschaft bereit aufzugeben, um nicht massenhaft vor der Entscheidung stehen zu müssen, zu entscheiden, wer Behandlung bekommt, sprich weiterleben darf, und wer nicht? Die jetzt getroffenen Maßnahmen und Einschränkungen sind für viele sehr herausfordernd, aber wie z. Bsp. Paula Rabe hier und der Freitag hier schreibt, für manche Menschen auch existenziell und sogar lebensbedrohlich: Für Kinder in vernachlässigenden, gewaltvollen, haltlosen Familien. Für Frauen in gewalttätigen Beziehungen. Für Menschen mit Psychosen, Depressionen, Angststörungen, komplexen Traumafolgestörungen. Wieviel zusätzliches Trauma, wie viele zusätzliche Tote durch Femizide und Suizide nimmt die Gesellschaft in Kauf? Und nimmt sie diese überhaupt wahr? Wie viel ist ein Leben wert? Was ist ein lebenswertes Leben? Wer schafft es, gut durch diese allgemeine Krise zu kommen, und warum? Es wird niemals einfache Antworten auf diese Fragen geben, und es gibt sie auch jetzt nicht.  

Auch unsere Welt ist in ihren Abläufen, Routinen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten nachhaltig erschüttert. Im Außen, in unserem konkreten Alltag, aber auch sehr nachhaltig im Innen.

Wir sind bis ins frühe Erwachsenenalter hinein einer extremen Gehirnwäsche unterzogen worden, die neben anderen Zielen auch darauf zielte, uns zu „neuen Menschen“ zu machen, zu einem funktionierenden Teil einer stählernen Elite, die dann, wenn „der große Weltenwandel“ kommt, in der Lage sein sollte, „die dann nötigen extremen Entscheidungen zu treffen“, um dann die Begründer*innen einer neuen, besseren, überlegenen Menschheit zu sein. Sozialdarwinistischer Kackscheiß eben. Aber tief in uns hinein gefoltert. Früher ging es in unserem Leben ständig um die großen Fragen, um lebens(un)wertes Leben, um erzwungenes Wählen zwischen zwei zerstörerischen Alternativen. Und für manche von uns ging es um ein hartes Training für „die neue Weltordnung“. Und für andere von uns ging es um Gehorchen um jeden Preis, aus Angst.

Wir haben uns bis zu einem gewissen Grad da herausgelöst. Wir haben viel in Kauf genommen dafür, „in Sicherheit“ sein zu können. Eigene Entscheidungen treffen zu können, selbst Denken zu können, keine direkte Gewalt mehr gegen andere anwenden zu müssen und selbst ertragen zu müssen. Unser Leben ist vergleichsweise stabil. Aber gerade wird sehr deutlich, wie prekär diese Stabilität ist. Auf der einen Seite finanziell, und da wir prekär selbstständig sind, belastet uns gerade natürlich auch Existenzangst. Aber es wird sehr deutlich, wie sehr unsere Stabilität auf „so-tun-als-ob“ basierte. Wir haben viel Erfahrung damit, uns selbst zu regulieren. Aber das funktioniert in etwa so: Wenn wir beispielsweise in einer Meditation hören, dass wir die Erde unter uns wahrnehmen sollen, die uns immer sicher trägt, dann tauchen meistens Bilder und Körpergefühle von den Erfahrungen in uns auf, wo sogar das nicht mehr stimmte – weil wir diese Erfahrung machen sollten, als Teil der Abrichtung. Wir registrieren das, schieben es aber weg und fokussieren uns darauf, dass die Erde ja JETZT trägt, in diesem Augenblick. Und müssen dabei auch die tiefsitzende Erwartung wegschieben, dass sich das jeden Augenblick ändern könnte. Und wir können das. Wenn die allermeisten sonstigen Konstanten in unserem Leben uns erzählen, dass sich nicht ständig alles ändert.

Aber jetzt verliert die Welt die gewohnten Konturen. Plötzlich spricht jede*r ständig über die großen Fragen. Plötzlich sind wir von Worten umzingelt wie „Isolation“ und „soziales Experiment“. Plötzlich fangen nahe Menschen um uns herum an, verschwörungstheoretische oder sehr esoterische Inhalte zu vertreten, oder sich zu fragen „wie wir uns gerade am besten auf den Weltenwandel vorbereiten können“, oder aber auch staatlicher als der Staat und polizeilicher als die Polizei selbst zu werden. Aber vor allem: Plötzlich sind fast alle in der Tiefe verunsichert, oder haben wirklich Angst. Und wir riechen und spüren das wie ein Emotionssensor. Und unser eh schon hyperwaches Nervensystem so: Achtung! Achtung! Alle haben Angst, also sind wir in Gefahr!

Und also gucken unsere im Kult groß gewordenen Innenpersonen mal sicherheitshalber genauer hin. Und was gibt es da so zu sehen?

Lauter Menschen, die so tun, als hätten sie keine Angst. Die mit Augen vor uns stehen, in denen man um die Pupille oben und unten noch das Weiße sieht, aber mantraartig und mit angehaltenem Atem wiederholen, dass jetzt Besonnenheit wichtig ist. Menschen, die Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz mit der Polizei drohen. Menschen, die anderen Menschen Angst unterstellen und ihnen damit mangelnde Urteilsfähigkeit unterstellen und die Grundlage gehört zu werden entziehen.

Die Schlussfolgerung, die diese Innenpersonen daraus ziehen ist, aha, alle haben Angst, aber keine*r darf Angst zeigen. Und das bedeutet, dass die Situation wirklich schlimm sein muss. In etwa so wie früher.

Am bedrohlichsten empfinden diese Innenpersonen gerade die Menschen, die in allem gerade hauptsächlich die wunderbaren Möglichkeiten sehen (wollen). Viele der Innenpersonen, die die Gewalt und die Manipulation am stärksten ertragen mussten, sehen sehr genau, was in unserer Gesellschaft gerade alles kaputt geht. Und wer gerade kaputt geht. Für uns fühlt eine solche Haltung sich gerade entweder maximal verdrängend an, oder sehr unreflektiert privilegiert, und für die von den Indoktrinationen am stärksten betroffenen Innenpersonen ist diese Haltung nicht von derjenigen derer, die sie manipuliert haben, unterscheidbar.

Was wir gerade brauchen, dass sind Menschen um uns herum, die zulassen können, und es auch sagen, dass sie verunsichert sind, Angst haben, sich Sorgen machen, dass sie wütend sind, dass sie erschöpft sind, dass sie ratlos sind. Die all das nicht wegmachen müssen. Die sich also der Realität³ stellen (können). Und die dann sagen, ok, und was machen wir jetzt damit? Was sind die kleinen Dinge, die ich gerade tun kann? Und die das dann mit großer Liebe tun können, weil ihr Herz eben nicht dicht machen muss, um auch die anderen Gefühle nicht zu spüren.

Wir sind keine „neuen Menschen“. Und die braucht es auch nicht. Es braucht die guten alten, fehlbaren, menschelnden Menschen, die ganz kleine Dinge tun, und vielleicht mit ganz großer Liebe, aber ein kleines bisschen Liebe reicht auch.

Lineare Zeit vs. Amöbenzeit vs. Gleichzeit

OK. die zeit REICHT einfach nicht. wie soll mensch auch so viel im inneren umherwabernde amöben-zeit so in die in der realität³ vorherrschende lineare zeit einpassen, dass das ein halbwegs übereinstimmendes ganzes ergibt? *seufz*

Zitat: Wir selbst, an anderer Stelle

Die Ferien sind vorbei. Der Wecker klingelt wieder morgens um 6:20 Uhr, dann muss das große Kind so liebevoll wie möglich und so penetrant wie nötig aus dem Bett herausgezaubert werden. Anziehen, Zähne putzen, frühstücken alle-diese-kleinen-Dinge-zum-Schule-vorbereiten-erledigen-und nichts-vergessen, und nebenbei dasselbe (bis auf Schule) auch für uns hinkriegen. Dann sind die Zwillinge wach, und das ganze nochmal von vorne, plus jetzt im Winter noch das Eintüten von zwei vielgliedrigen, zappeligen Tintenfischwesen Kindern in etwa zehn Schichten warme Klamotten.

Dann sind die ersten zweieinhalb Stunden des Tages rum, und wir haben gefühlt unser Pensum schon erreicht.

Unsere Gesellschaft ist vollkommen ausgerichtet auf und eingerichtet in der linearen Zeit. Alles schreitet immer voran. Es gibt ein Heute/Jetzt, das eingerahmt ist von einem Gestern/Vergangensein und einem Morgen/Es wird sein. Alles und alle befinden sich dauernd auf einem Zeitkontinuum, das sich einteilen lässt in immer kleinere Abschnitte, und auf welchem alle Menschen sich verorten können und sollen. Und dieses Zeitkontinuum ist untrennbar verbunden mit einem räumlichen, materiellen Sein. Ich bin jetzt hier. Ich kann nicht gleichzeitig woanders sein.

Und um funktionieren zu können in dieser Realität³ ist es wichtig, Raum-Zeit-Kontinuität zu können. Einschätzen können, welche Handlungen wie viel Zeit brauchen, und wie sie hintereinander und umeinander geplant werden müssen, um in ein bestimmtes Zeitfenster zu passen. Verabredungen treffen können. Deadlines einhalten können. Die Uhr zweifelsfrei lesen können, das Zeit- und das Raumraster über einander legen können, um pünktlich an einem bestimmten Ort zu sein.

Wer mit Kindern zusammen lebt, di/er weiß, dass Menschen das nicht von Geburt an können. Selbst unsere 7jährige lebt morgens noch in einer eigenen Kaugummi-Zeitblase und würde es niemals pünktlich zum Schulbus schaffen, wenn wir diese Blase nicht immer wieder mit gezückten Uhrzeigern aufpieksen würden.

Wir sind selbst noch nie besonders fest in der linearen Zeit verankert gewesen, und es kostet uns nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit und Energie.

Die Traumatisierungen, und mit ihnen verbunden die Innenpersonen als sozusagen mehr oder weniger „Person“-gewordene Trauma-Momente oder Trauma-Zeit-Raum-Verschränkungen haben in uns im Inneren eine Art Amöben-Zeit geschaffen, die ihre Form beliebig ändern kann und es auch beständig tut.

Realität³ von heute begegnet uns – und wir ihr – und Sinnesreize aller Art, Gefühle und Gedanken treffen auf Zeitblasen, eingefrorene Zeit, also Innenpersonen, deren persönliche Uhr irgendwo anders stehen geblieben ist, langsamer oder schneller tickt, und deren Zeitwahrnehmung nicht linear ist. Die gar nicht linear sein kann, denn die Voraussetzung dafür wäre eine Wahrnehmung von Kontinuität. Und dieses Aufeinandertreffen erzeugt einen fast ständigen Amöbenzeit-Sog. Mehrmals pro Stunde – ich glaube, die Häufigkeit unterschätzen wir Alltagspersonen sogar eher – wird ein Abdriften in „Früher“ ausgelöst. Wird irgendwer hier innen angestoßen, werden Bilder, Gefühle, somatische Flashs angerührt. Wir schneiden das als Parallelfilm so mit und sind gewohnt, lächelnd mit der Welt zu interagieren, während parallel als eine Art transparenter Screen Szenen ablaufen oder Schreie oder Kommentare gehört werden. Aber es kostet uns Fokus und Energie. Und je voller an Reizen unsere Umgebung ist, desto größer wird der Amöbenzeit-Sog, und desto schwieriger wird es, in der Realität³ verankert zu bleiben.

Wir sind insgesamt und auf den ersten Blick ein sogenanntes hochfunktionales System. Aber je durchlässiger füreinander wir werden, je weniger Erleben einfach für uns „anscheinend normale Persönlichkeiten“ wegdissoziiert wird, und je älter wir werden, desto mehr wird spürbar, wie anstrengend das Eingetaktet-Sein in der linearen Zeit wirklich für uns ist. Wir können das – und wollen es können! -, aber es kostet uns einiges.

Neben der linearen und der Amöbenzeit gibt es für uns aber noch eine dritte Art von Zeiterleben, die wir mit manchen Menschen ohne Traumahintergrund teilen. Wir nennen es die Gleichzeit, und wir meinen damit Erfahrungen von Zeitlosigkeit und Ewigkeit, von Parallelität und Zyklischem Sein. Ich vermute, dass alle Menschen diese Erfahrung machen könnten, dass aber die frühen Traumatisierungen – und vielleicht auch die frühen extrem-spirituellen Tranceerfahrungen im rituellen Kontext – Öffnungen und Risse in uns gelassen oder geschaffen haben, die uns empfänglicher für diese Art von Zeit machen.

Diese Art von Zeiterleben ist für uns ein spirituelles, mystisches Erleben, und etwas, das wir – genau so wenig wie die Amöbenzeit – nicht „machen“ können. Wir können schon einiges tun, was die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, aber letztlich sind diese Zustände für uns eine Art Gnade, die uns manchmal geschenkt wird.

Mit acht Jahren hatten wir zum ersten Mal spontan eine Erfahrung von Aufgehen in etwas Größerem, von Verbundensein von allem und mit allem, und was immer es war, es war eines von diesen Dingen, die uns gerettet haben. (Wir haben hier in einem älteren Artikel ausführlicher darüber und über den spirituellen Aspekt unseres Ausstiegs geschrieben.) Wir hatten und haben immer mal wieder derartige Erlebnisse, fast immer in der Natur.

Auch wenn das Erleben von Gleichzeit sehr selten stattfindet, so ist das für uns trotzdem ein starkes Gegengewicht gegen das destruktive Wirken der Amöbenzeit. Die Amöbenzeit hinterlässt oft ein Gefühl von Ausgeliefertsein, Ohnmacht, Einsamkeit und Sinnlosigkeit, und die Erfahrung von Gleichzeit schenkt uns dagegen ein Gefühl von bedingungsloser Liebe, Verbundensein und eines tieferen Sinns hinter allem. Gleichzeit ist dabei überhaupt nicht immer angenehm, aber sie schafft Verbindung. Und sie fordert uns auch heraus, aber sie macht uns mutig, nicht klein.

Und Gleichzeit hilft uns dabei, uns besser in der linearen Zeit zu verorten. Weil sie uns sortierter und gelassener macht, weil sie uns dabei hilft, mit weniger Angst auf das noch im Trauma gefrorene in uns zu schauen und dadurch weniger Dissoziation nötig macht. Und weil sie uns auch daran erinnert, dass diese ganze lineare Zeit auch nur ein Aspekt von allem ist, und dass ein zu starres Fixiert-Sein auf sie uns alle zu Momos Grauen Herren macht. Und bei aller „(Hoch-)Funktionalität“ – wer will das schon?

Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

Momo, Michael Ende

40geworden_sein

Jetzt sind wir schon den 6. Tag 40 Jahre alt. Morgen vor einer Woche war unser Geburtstag. Und was für einer! Mehr Geburtstag geht schon fast nicht. Wie intensiv es für uns war, das zeigt sich jetzt unter anderem daran, dass es sich zeitlich so anfühlt, als wäre das Fest erst vorgestern gewesen, dass wir uns körperlich so platt fühlen, als wäre es gestern gewesen, und dass der reale Zeitraum dazwischen ein ziemlicher blau-grauer Blur ist. Das heißt, die Intensität hat uns ein bisschen aus der Realität³ katapultiert, und wir benötigen dringend wieder etwas Ein-Nordung.

Ein Stück weit ist es auch einfach das Runterkommen nach einem wunderschönen Höhenflug.

Und wir müssen aufpassen, dass wir all die wunderbaren Momente dieses Tages jetzt nicht verDISsen, dass wir uns jetzt endlich Zeit und Raum für uns nehmen, um all das, was wir erlebt haben, nochmal Revue passieren zu lassen, und für alle von uns innen in einen Rahmen zu setzen, sonst besteht die Gefahr, dass die Erschöpfung danach und die (gewollte/gesuchte) Überforderung am Tag selbst eine innere Um-Interpretation des Ganzen in Gang setzen bei allen Teilen des Systems, die den Tag nur aus dem Hintergrund oder sogar von noch weiter weg oder sogar gar nicht mitbekommen haben.

Heute endlich haben wir Zeit und Ruhe, um darüber zu schreiben, und um nochmal alle Geschenke zusammen zu tragen und wahrzunehmen, zu befühlen, zu bewundern, beziehungsweise von innen bewundern zu lassen.

Wir haben in diesem Jahr mit unserem Geburtstag ein Experiment ausprobiert. Wir leben ziemlich gemeinschaftlich, und wir wollten gern mit möglichst vielen Menschen, mit denen wir unser Leben teilen, auch unseren Geburtstag teilen. Nun haben wir ja immer an Silvester Geburtstag, und an diesem Tag sind die meisten Menschen, nun ja, mit Silvester eben beschäftigt und mit dem, was man dann so macht. Ja, wir wollten mit vielen Menschen feiern, und gleichzeitig haben wir unserer Stabilität in dieser ganzen Feiertags- und Geburtstagszeit nicht ausreichend vertraut, um uns selbst die Organisation und Durchführung eines fetten Festes zuzutrauen. Also haben wir einfach eine Email in die Runde der Menschen geschrieben mit der offenen Frage, ob es Menschen gibt, die Lust und Inspiration haben, irgendetwas für unseren Geburtstag zu organisieren. Wir waren auf alles eingestellt und bereit, alles anzunehmen – auch, dass es diese Bereitschaft oder Inspiration oder Zeit nicht gibt. Und dann gab es sie doch, und ein paar Menschen kamen zusammen, spannen ein paar Ideen, ein paar andere sprangen helfend dazu – und *zauberzauber* wurde daraus ein rauschendes Fest, das sich für uns, aber auch, so weit wir das mitbekommen haben, für die anderen anwesenden Menschen leicht anfühlte.

Am Abend vorher waren wir systemübergreifend ziemlich aufgeregt. Eigentlich war der Plan, früh schlafen zu gehen, aber dann lagen wir um Mitternacht knallwach im Bett herum, und plötzlich tauchten von überall her im Innen Personen auf und kamen zusammen und staunten kollektiv ein bisschen über 40 Jahre werden, und am Leben sein, und 2020 am Horizont, voll krass Zukunft. Das war unerwartet schön, dieser Innenkontakt, der so gar nicht selbstverständlich ist.

Das Wunder des Tages begann dann schon am frühen Morgen, mit dem fröhlichen Krähen der Zwillinge beim Aufwachen (um 6:20…*seufz*) und diversen Versionen von Happy Birthday-Ständchen mit Aprikosen in Hosen und so weiter (den ausufernden Fäkalhumor von 4jährigen erspare ich an dieser Stelle den geneigten Leser*innen 😊). Es gab ein ausgiebiges Familien-Geburtstagsfrühstück mit Bescherung und auspack-begeisterten Kindern im Innen und Außen, immer wieder freund(*innen)liche Nasen, die in unsere Küche gesteckt wurden samt Glückwünschen, und vor lauter Geplausche wurde fast der letzte Schliff an der Geburtstagstorte nicht fertig. Am Nachmittag gab’s dann noch eine tolle geschenkte Torte mit pinker Himbeersahne dazu, und ein großes Torten-Geschlemme mit (Wahl-)Familie und ein paar Freund*innen. Und ein bisschen Sekt. Den hätte es jedoch eigentlich gar nicht gebraucht, weil wir da schon ganz trunken waren von all der Wärme und Liebe, die uns bis dahin entgegengebracht wurden, und uns auch so schon der Kopf schwirrte vor lauter MitMenschenSein.

Am späten Nachmittag wurden wir eingesammelt von „unserem“ Frauen*kreis, und die anderen mussten ohne uns weiter tafeln. Wir hingegen bekamen eine zwölfhändige Öl-Massage, die wir tatsächlich nach ein paar inneren Schwellen, die wir dafür überhüpfen mussten, richtig genießen konnten, und die dann super war, um uns wieder in unserem Körper und in der Realität³ zu verankern.

Es sollte nicht das letzte Abenteuer des Tages gewesen sein. Zur Eröffnung des Riesen-Gemeinschafts-Silvester-Büfetts fragten uns einige Wahnsinnige, ob wir der Tradition folgend vielleicht 40 mal hochgeworfen werden wollen würden? Und guess what, die Jugendfraktion hier wollte. 40 mal fliegen, danach fühlten wir uns so adrenalinhigh und achterbahnglücklich, als wären wir mal kurz auf dem Rummel gewesen.

Dann gab es noch eine offene Bühne, so charmant unperfekt, improvisiert und wunderschön, wie wir das lieben. Und unser liebster Mann legte eine Überraschungs-Liebeslied-Karaoke-Einlage hin, die kein Auge trocken ließ. Vor Rührung, und vor Lachen.

Das vielleicht schönste und magischste Geschenk des Tages war dann ein Geigenstück, das eine Freundin von uns so umkomponiert hatte, dass wir eine leichte Stimme direkt vom Blatt spielen konnten, während sie die erste Stimme, und dazu noch Musik vom Band spielte. Wir lernen erst seit drei Monaten Geige, aber lieben es total (und konnten schon Noten lesen und so weiter), und es war sooo wunderschön, wie es sich anhörte, und mit ihr zusammen zu spielen. Wir waren davon selbst total überrascht, und auch davon, dass wir uns einfach getraut haben, mit ihrer Unterstützung vor so vielen Menschen zu spielen.

Der Rest der Nacht war dann tanzen, tanzen, tanzen und ein großes Silvesterfeuer. Lange, lange draußen am Feuer sein, in die Flammen schauen, und irgendwann weitertanzen.

Einige Menschen haben zusammen geschmissen und uns zum Geburtstag eine schwere Therapiedecke geschenkt, und nachts um vier sind wir dann zum ersten Mal da drunter gekrabbelt. Darüber werden wir ganz bestimmt irgendwann auch schreiben.

Ein weiteres Geschenk war eine Box, in die die anwesenden Menschen Zettel mit Wertschätzungen für uns gesteckt haben. Diese Zettel haben wir uns dann beim Aufwachen am nächsten Tag angeschaut. Der, der uns am meisten gefreut hat, lautete: Dass ich dir das gar nicht sagen muss.

Und ja, das stimmt. Wir sind 40 Jahre alt, und wir wissen ganz gut selbst, was wir können. Und was wir nicht können. Und was wir lernen wollen, und was aber auch nicht. Dass wir mutig sind. Dass wir immer wieder mutig springen (ins Vertrauen, auf die Arme von zehn Leuten, die uns fliegen lassen, auf einen Massagetisch und in die Hände von 6 Frauen, die wir gut kennen, auf eine offene Bühne mit einem Instrument, dass wir lieben, aber nicht sicher eigentlich noch gar nicht spielen können, in einen potentiell schwierigen Datums-Tag, den wir in die Hände von Menschen, die wir mögen, gelegt haben). Wir sind ein bisschen crazy. Und wir können uns über Wertschätzung heute oft freuen, aber wir brauchen sie auch nicht. Und ich glaube, das Allerwertvollste ist, dass wir über das Abgeben von Kontrolle über unseren Geburtstag paradoxerweise eine große Erfahrung darin machen konnten, dass wir unser Leben heute selbst bestimmen. Weil wir entscheiden (können), wem wir vertrauen.

Heute vor 40 Jahren war ein ganz normaler Samstag

Heute vor 40 Jahren war ein ganz normaler Samstag. Und heute vor 40 Jahren trug meine Mutter schwer an mir. Wie sich das wohl für sie angefühlt hat? Wie war es wohl für sie, dieser große Bauch, das darin strampelnde Kind, in dem Bewusstsein, dass es jederzeit so weit sein kann? Wie war es, Mutter einer „Erstgeborenen“ zu sein, Mutter einer Tochter eines hohen Rangträgers? Hatte sie überhaupt das Gefühl, dass ich ihr Kind war? Liebte sie mich? Oder hatte sie Angst?

War es so, dass ich kommen durfte, wann ich wollte, und dass es der Zufall wollte, dass ich dann an einem bedeutsamen Tag, an einem hohen Feiertag innerhalb der Bedeutungszusammenhänge der ideologischen Gruppe, in die ich hinein geboren wurde, meine Nase zum ersten Mal in diese Welt steckte? An einem Tag, der für die meisten Menschen in der westlichen, christlich geprägten Welt ebenfalls mit Bedeutung versehen ist. Ein Jahreswechsel.

Oder war das auch, wie so vieles andere, kein Zufall?

Stimmt die Version, in der morgen vor 40 Jahren abends spät die Wehen heftig losgingen, und in der mein Vater meine Mutter in halsbrecherischer Fahrt in die Klinik brachte, über vereiste Straßen, vorbei an drei Blitzeis-Unfällen, die mein Vater allesamt ignorierte? Und in der dann, um zehn Uhr abends, plötzlich die Wehen wieder aufhörten, so dass das Personal meinen Vater wieder heimschicken wollte? Und dann kam „ich“, so wurde es anderen hier erzählt, in ziemlicher Windeseile in den frühen Morgenstunden.

Unsere Geburtsurkunde sagt, dass „ich“ in diesem Krankenhaus und zu dieser bestimmten Uhrzeit geboren wurde, und es gibt in unserem Kinderfotoalbum auch ein blasses Polaroid, mit (m?)einer ungeschminkten, erschöpften, lächelnden, irgendwie entrückt und überrumpelt wirkenden Mutter und einem Baby im Arm. Das bin vermutlich „ich“.

Ganz sicher können wir uns nie sein, was wirklich war in dieser Familie und in unserem Leben, und was Inszenierung.

Ziemlich wahrscheinlich ist – weil manche von uns es später selbst gelernt haben, und auch dabei mitgeholfen haben – , dass versucht wurde, die Zeugung auf einen günstigen Zeitpunkt zu legen, und dass die Wehen dann künstlich ausgelöst wurden, um das „richtige“ Datum zu erreichen.

Und oh, wie war dieses Datum richtig. Wie waren die Zahlen günstig, in immer wieder anderen Jahres- und Monatszusammenhängen. Wie hat diese „Bestimmung“, genau an diesem Tag, in genau diesem Jahr geboren worden zu sein, uns so besonders gemacht, so besonders verpflichtet, bestimmte Dinge zu lernen, bestimmte Opfer zu bringen, auf so besondere Art gefördert zu werden, auf so besondere Art vernachlässigt zu werden, auf so besondere Art benutzt zu werden, uns auf so besondere Art zu verwickeln in ALLES. Und wie hat es uns, in a wicked way, auch geschützt.

Die Zahlen-Ideologie, die verknüpft ist mit dem allen, sitzt tief in uns drin. Wir nehmen bestimmte Zahlen und Daten noch immer wahr, stellen Bedeutung her, wo andere nur Ziffern sehen. Das ist, wenn es uns bewusst wird, schmerzhaft, aber mittlerweile ist es ein kurzes Realisieren, dass es so ist, und dann ein bewusstes Loslassen, oder zumindest ein erfolgreiches Ignorieren davon. Wobei es noch immer, manchmal, und an manchen Orten in unserem System, zu bestimmten Zeiten eine erhöhte Aufmerksamkeit gibt, ein gespanntes Warten auf weitere Zeichen, eine Bereitschaft, eine Hoffnung auf einen Ruf. Und auch das schmerzt. Aber es ist gut, dass es schmerzt, denn Schmerz bedeutet Bewusstheit und Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit.

Wir sind nicht um unserer selbst willen in dieser Welt empfangen worden. Wir wurden für die Verwirklichung und die Befriedigung von anderen gezeugt. Und doch glaube ich, dass etwas in meiner Mutter uns liebte. Und ich glaube, dass etwas in ihr ganz genau wusste, dass es sich nicht lohnte, sich zu sehr an dieses Kind zu binden.

Übermorgen, also, WIRKLICH übermorgen, werden wir nun 40! Jahre! alt. Für manche von uns fühlt sich das wie Science Fiction an, dass wir plötzlich in der Zukunft sind. 2020 zu erleben, wo wir doch sicher glaubten, es nicht mal bis zur Jahrtausendwende zu schaffen! Für mich und alle die, die weitestgehend den Alltag bestreiten, ist das ein Grund zum Feiern, weil nun ein Lebensjahrzehnt für uns beginnt, auf das wir uns schon lange freuen. Während unserer Jugend und frühen Erwachsenenzeit gab es immer wieder Frauen, die uns buchstäblich das Leben gerettet haben, die uns Vorbilder wurden in verschiedenen Lebensbereichen, die den Unterschied für uns gemacht haben. Alle diese Frauen waren in ihren 40ern, und wir haben sie als kraftvoll und lebensklug wahrgenommen. Das waren Frauen, die schon einiges durchgekämpft hatten, die manches einfach nicht mehr nötig hatten, die noch viel Kraft und Energie hatten, aber auch Gelassenheit. Unser Leben ist oft nicht leicht, aber es hat schon manches von diesen Qualitäten mittlerweile, und wir freuen uns darauf, sie im nächsten Jahrzehnt weiter zu entwickeln. Und hoffentlich auch an manchen Stellen den Unterschied zu machen.

So war das nicht gedacht, als wir vor 40 Jahren noch im Bauch unserer Mutter schwammen, aber: Heute bestimmen wir unser Leben selbst.

Weihnachten im Wandel der Zeiten

Sie wollten mehr. Sie wollten fliegen wie die Vögel, allerdings ohne die Unannehmlichkeit, sich Federn wachsen lassen zu müssen.

J. K. Rowling, Quiditch im Wandel der Zeiten

Noch fünfmal Schlafen, dann ist wieder Weihnachten. Wir können den Fortschritt der Zeit bis zu diesem Fest jeden Morgen gemeinsam mit den Kindern feststellen, wenn wieder als allererstes nach dem morgendlichen Augenaufschlag ein weiteres Säckchen geöffnet wird. Heute war es also schon Nummer 19.

In uns gibt es auch einen Kalender, und der funktioniert immer noch, auf seine ganz eigene Weise. Für den braucht es keine Türchen oder Säckchen oder Abreiß-Zettelchen, er weiß auch ohne das alles auf scheinbar magische Weise ganz genau, wo im Jahreslauf wir uns befinden. Nur in welchem Jahr und in welcher Realität wir uns befinden, dass weiß dieser magische Kalender anscheinend immer noch nicht, zumindest nicht so richtig. Denn wenn er wüsste, dass wir uns im Jahr 2019 befinden, und dass die letzte mit der Ursprungsfamilie (und bei dem Täter*innenkreis) verbrachte Weihnachtszeit 2001 war, und somit unfassbare 18 Jahre zurück liegt – ja, wenn er das wirklich wüsste, wenn er das wirklich als real³ begreifen und spüren würde, dann bräuchte er uns nicht all diese Warnungen schicken. Warnungen in Form von Unbehagen, schlechten Träumen, Erinnerungsblitzen, nach-Hause-fahr-Sehnsüchten, und in Form von Angst, Erschöpfung, Isolationsgefühlen und Kranksein.

Tatsächlich begreife sogar auch ich als Person des Alltags nicht wirklich, dass mittlerweile mehr als 17 Jahre zwischen uns und dem Tag liegen, als wir unsere Eltern zum letzten Mal gesehen haben. Mehr als 17 Jahre zwischen jetzt und der Zeit, als wir eine Abwesenheit der Eltern nutzten, um ziemlich Hals über Kopf und überhaupt nicht vorbereitet die Flucht zu wagen. Und um uns und mir das klarer zu machen, dass es so ist, schreibe ich hier eine etwas andere Art des Jahresrückblicks auf:

39 Jahre Weihnachten im Wandel unserer Zeiten.

Weihnachten war ein Fest, dass in meiner Herkunftsfamilie ziemlich zelebriert wurde. Es war auch innerhalb der Täter*organisationen eine Zeit, die mit besonderer Bedeutung versehen wurde, aber ich schreibe diesen Rückblick dennoch ausschließlich aus meiner alltagsnahen Perspektive. Weil daraus eh schon genug klar wird.

Weihnachten in unseren ersten 17 Lebensjahren bedeutete selbstgenähte Adventskalender, mit mühevoll gepackten kleinen Päckchen dran, für jeden Tag, für uns und unsere jüngere Schwester. Bedeutete Geschenke und große Teller zu Nikolaus, bedeutete Geheimnistuerei, bedeutete Plätzchenbacken, ein aufwendig geschmücktes (sehr großes) Haus, selbst gebackenen Weihnachtsstollen, jeden Sonntag Adventskaffee und Adventsgeschichten lesen vor dem bullernden Kachelofen. Bedeutete Christmette oder, als wir kleiner waren, Kinderweihnachtsgottesdienst. Bedeutete einen Weihnachtsbaum, der über 4 Meter hoch war. Weihnachten bei uns zuhause war PERFEKT. So, wie die ganze Familie.

Es bedeutete auch jedes Jahr eine Nikolausfeier mit einer scheinbar ganz normalen Gruppe von Erwachsenen und Kindern, mit einem „echten“ Níkolaus und einem „echten“ Knecht Ruprecht, vor dem, dessen Sack und dessen scherzhaften Drohungen wir eine reale Todesangst hatten. Auch wenn wir selbst als „braves Mädchen“ immer gut davonkamen. Irgendwer hier innen wusste mehr über das, was noch alles passierte bei diesen Nikolausfesten, später, und blies denen, die im Alltag die unschuldige, weil unwissende Miene zum bösen Spiel machten, die Angststarre in die Knochen.

Weihnachten bedeutete immer auch, an Heiligabend irgendwie krank und erschöpft zu sein, sich irgendwie geschunden zu fühlen, ein ganz merkwürdiges Gefühl im Körper zu haben, die ganze Haut tat weh, die steife Festtagskleidung tat weh. Es bedeutete, irgendwie traurig zu sein, trotz der ganzen wunderschönen Weihnachtsperfektion um uns herum. Trotz der Sigikid-Puppen und Steif-Kuscheltiere und Barbie-Traumhäuser. 1993, da waren wir fast 14, stand zum ersten Mal, geschrieben mit dem brandneuen, teuren Füller „am liebsten möchte ich tot sein“ in unserem Tagebuch.

Weihnachten 1997, da waren wir fast 18, waren wir so offensichtlich nah dran an der Umsetzung dieses geschriebenen Wunsches, dass wir dieses Weihnachten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie verbrachten. Das war auch das Weihnachten, als unser Vater, während wir den ersten Tagesbesuch zuhause hatten, den Baum fällte, den er für uns in den Garten gepflanzt hatte, als wir noch klein waren.

Seit diesem Weihnachten hatte unsere Weihnachtsperformance zuhause leichte Risse. Jedes Jahr wieder fiel das Lächeln schwerer, war die Schwere größer, die Gefühlslosigkeit und Lähmung größer, das Gefühl, fremd zu sein, auch. Ab 2000 kehrten wir für die Feiertage aus der Stadt, in der wir lebten und lernten, nach Hause zurück, mit einer Mischung aus Sehnsucht und Unbehagen und Angst und Lähmung in der Seele, die sich beim Übertreten der Schwelle zu diesem Haus immer in Dissoziation, in Unter-einer-Glasglocke-sein, zusammenballte. 2001 war dann das letzte gemeinsame Weihnachtsfest mit der Ursprungsfamilie. Das war, als wir schon wussten, dass wir Viele sind. Als wir aber noch nicht wussten, wie krass unsere Amnesien waren, weil wir auch die immer wieder vergaßen. Als unsere damalige Therapeutin mit Sicherheit mindestens ahnte, wohin wir (wirklich/auch) fuhren, und wir vom Alltagsteam jedes Anzeichen dafür aber mit heftiger Abwehr beantworteten. Wir wussten damals nicht, dass es das letzte Weihnachten mit der Herkunftsfamilie sein würde.

Weihnachten 2002 war dann das erste Weihnachten in „Freiheit“. Die war damals jedoch erst knapp zwei Monate alt, und hing am seidenen Faden. Wir waren in einem Sektenaussteigerhaus, von ca. 9:00 -17:00 betreut, aber buchstäblich mutterseelenallein in den Nächten. In einem Dorf in einer der unbesiedeltsten Gegenden in Deutschland, ohne Telefonzugang, ohne Handy, ohne Internet, ohne Busanbindung. Über die Feiertage besuchte uns unser damaliger Freund und brachte unsere Hündin mit, die in der Einrichtung nicht regulär bleiben durfte. Im Rückblick weiß ich nicht, wie wir das überlebt haben. Aber ich weiß noch, wie heftig der Abschied von unserem Freund, und vor allem von unserer Hündin dann war, als sie nach den Feiertagen wieder gehen mussten.

Weihnachten 2003 hatten wir unseren 23. Geburtstag und die ersten, besonders harten Monate des Ausstiegs überlebt, und wir hatten einen neuen Namen, eine neue Wohnung, einen Job, der uns über Wasser hielt, keine Ausbildung, keine Perspektive und jeden Tag Suizidgedanken. Aber wir hatten unsere Hündin bei uns, und eine gute, alte Freundin, die uns über die Feiertage mit zu ihrer Familie nahm.

Weihnachten 2004 hatten wir die Illusion, dass unser neuer Name uns schützen würde, verloren. Wir hatten einen Überfall der Täter*organisation in unserer Wohnung und im Anschluss daran einen Suizidversuch und einen Psychiatrieaufenthalt hinter uns gebracht. Wir hatten keine Arbeit mehr, weil wir nichts mehr konnten, wir hatten ein paar Monate Wohnungslosigkeit hinter uns. Aber wir hatten mal wieder Glück gehabt, und über eine Internetfreundschaft Unterschlupf gefunden bei einer Familie. Wir hatten ein Familienweihnachten, zwar nicht einfach, aber voller Herzenswärme für uns.

Weihnachten 2005 hatten wir dann einen Studienplatz in Psychologie, und eine gesetzliche Betreuerin, die diesen Studienplatz und dessen Finanzierung gemeinsam mit uns herbeigekämpft hatte. Wir hatten mit der gleichen Familie ein Familienweihnachtsfest. Wir hatten auch noch immer dauernd Angst, wir hatten noch immer ständig das Gefühl, nur zu überleben, aber wir hatten auch wieder Hoffnung und eine Perspektive.

Weihnachten 2006 hatten wir ein neues Zuhause – eine kleine Gemeinschaft, mit lauter jungen, tendenziell anarchistischen, auf jeden Fall linken, herzlichen, voll chaotischen Menschen auf einem heruntergekommenen Hof auf dem Land. Vollkommen prekär, aber zum ersten Mal ein Gefühl von Geborgenheit, Wahlfamilie und Augenhöhe..

2008 dann war alles wieder auf Messers Schneide. Wir hatten herausgefunden, dass wir noch abgegriffen wurden. Und wir wurden wieder sehr real (ja, real³) von den Täter*innen bedroht. Kurz vor Weihnachten gab unsere Therapeutin, die uns so lange begleitet hatte, uns fast auf, weil sie „nicht dabei zusehen wollte, wie wir uns entweder umbringen, oder zurückkehren“. Wir fanden Unterschlupf bei einer erwachsenen Freundin und in deren Familie, waren dort sicher vor denen, die uns Böses wollten, und vor uns selbst. Wir waren in liebevoller Umgebung, und doch war es eins der härtesten Weihnachtsfeste seit dem Ausstieg.

Und dann kam 2009 – Weihnachten 2009 waren wir in einer neuen Beziehung und haben Weihnachten zum ersten Mal mit einigen von den Menschen verbracht, mit denen wir immer noch zusammenleben. Es war das erste Weihnachten, das sich leichter und selbstbestimmter anfühlte. Es war überhaupt das erste Jahr, in dem es sich im Großen und Ganzen nicht nur wie überleben anfühlte.

Und seitdem ist Weihnachten nach und nach zu einem Fest geworden, mit dem wir immer mehr besondere, schöne, eigenartige Erinnerungen verknüpfen. Ein Wald voller Frost und Glitzer. Ein Stromausfall und Essenzubereiten mit Freund*innen bei Kerzenschein im Bauwagen. Ein geschmückter Baum im Wald, mit Gaben für die Wildtiere und ein Zusammenkommen mit freundlichen Menschen, Lichterglanz, Punsch und Keksen. Ein riesiger Meteorit, der für fast 30 Sekunden am Himmel zu sehen ist. Spieleabend. Und dann das erste Weihnachten mit einem winzigen Baby. Unserem ersten Kind.

Und drei Jahre später, 2015, wieder ein ganz spezielles Weihnachten. Mit zwei ganz besonders winzigen Kindern, in Inkubatoren, auf der Kinderintensivstation. Mit Pfleger*innen und Ärzt*innen, die liebevoll und menschlich und nahbar waren, und die es uns trotz allem irgendwie weihnachtlich gemacht haben, dort, auf dieser Station.

Spätestens seitdem drei Kinder bei uns zuhause rumspringen, ist Weihnachten immer trubelig und kuschelig und aufregend und anstrengend und chaotisch und liebevoll und lustig und überfordernd, und es ist immer mehr UNSER Weihnachten. Es ist manchmal etwas leichter, aber trotz allem immer noch eine sehr herausfordernde Zeit für uns. Wir sind immer noch meistens gestresst, von allen möglichen Erinnerungen verfolgt, erschöpft, und leider auch meistens irgendwie krank. Aber es ist trotzdem auch schön, mittlerweile.

Und es ist seit 18 Jahren auf jeden Fall nie perfekt. Zum Glück.